Berlin - Das große Tor, das von der Straße Unter den Linden in den Hof der Humboldt-Universität führt, ist geschlossen. Eine eiserne Kette ist um die schwarzen Türflügel geschwungen. Befugte Personen dürfen die Universität über einen Zugang an der Dorotheenstraße betreten, steht auf einem kleinen Schild. Aber Studenten gehören leider nicht zu diesen „befugten Personen“ – für sie ist die Universität seit fast einem Jahr zur „Sperrzone“ geworden.

Vor dem Tor trifft sich eine Gruppe von sieben Studentinnen und Studenten. Sie sind die Köpfe der Initiative #NichtNurOnline, die vor wenigen Wochen gegründet wurde. Ihr zentrales Anliegen ist eine vorsichtige Öffnung der Universitäten im Sommersemester und eine schrittweise Rückkehr zur Präsenzlehre unter Einhaltung der Corona-Regeln. „Schön, Euch alle mal in analog zu sehen,“ sagt Johannes zu seinen Mitstreitern: Lucie, Claudia, Paula, Erik, Lennart und Nick – seit Wochen haben sie miteinander telefoniert und gezoomed – und stehen jetzt zum ersten Mal als Körper nebeneinander auf der Straße.

Sommersemester wäre das dritte Online-Semester in Folge

Und genau darum geht es: Auch das Sommersemester soll wieder als reines Online-Semester starten, das dritte Online-Semester in Folge. Viele Studierende haben seit einem Jahr keinen Hörsaal mehr von innen gesehen. Wer im ersten Lockdown sein Studium aufgenommen hat, weiß gar nicht, wie ein normales Studium sich anfühlt. Und wer schon länger studiert, sieht inzwischen mit großer Klarheit, was durch ein reines Online-Studium verloren geht: Die soziale Dimension des Lernens, die Motivation und die Freude der Studierenden.

„Universitäten sind Orte des lebendigen Austauschs, der Kritik und der Erkenntnis. Die virtuelle Lehre kann dies nicht ersetzen,“ heißt es in dem offenen Brief, den die Initiative an den Senat und die Berliner Hochschulleitungen geschickt hat. Rund tausend Studierende haben die angehängte Petition unterschrieben. Und am kommenden Montag findet vor dem Haupteingang der Humboldt-Universität die erste Kundgebung statt. Dabei soll auch das Universitäts-Gebäude in einer Auktion symbolisch versteigert werden. Denn, so fragt Lucie Gröschel provokant: „Wozu brauchen wir dieses Gebäude jetzt eigentlich noch?“

Was sie besonders empört: Dass die Universitäten in der öffentlichen Debatte überhaupt keine Rolle spielen. Von den Schulen und den Kindergärten wird ständig gesprochen-, aber von den Universitäten? „In dem auf der Bund-Länder Konferenz vom 3. März beschlossenen Öffnungsplan ist an keiner Stelle die Rede von Universitäten.“

Schon vor fünf Wochen hat Lucie Gröschel beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie ist 21 und studiert Politikwissenschaften im fünften Semester an der Freien Universität. „In unseren Seminaren herrscht so t so eine resignative Atmosphäre. Und obwohl alle überhaupt keine Lust mehr auf das Online-Studium haben, sagen die meisten: Wir sitzen das aus.“

Die Studentenbude ist Hörsaal, Seminarraum und Schlafzimmer 

Lucie und ihre kleine Protestzelle an der FU haben sich mit der Fachschafts-Initiative der Humboldt-Universität verbündet. Dort hatte der Philosophie-Student Lennart Bade dafür gesorgt, dass die Studenten in einem Google-Dokument offen darüber schreiben können, wie sie mit den Schwierigkeiten des Online-Studiums umgehen. In den Texten wurde deutlich, wie viele mit den beengten Wohnverhältnissen, mit technischen und finanziellen Problemen zu kämpfen haben. „Ein junger Mann erzählte, dass er erst seine beiden Nebenjobs in der Gastronomie verloren hat und dann das Recht, Bafög zu beziehen, weil er im letzten Wintersemester nicht genug Leistungspunkte erreichen konnte. Das war so ein Beispiel, dass sich eingebrannt hat,“ sagt Bade.

„Ich wohne auf 11 Quadratmetern,“ sagt Nick. „Bei den Zoom-Konferenzen mit der Uni drehe ich meine Kamera immer so, dass die anderen meine Bettwäsche nicht sehen können. Das wäre mir nämlich unangenehm.“ Paula nimmt den Gedanken auf. „Ja, in diesem einen Zimmer, da muss das ganze Leben stattfinden – die ganze Intimität, die ganze Professionalität – da esse ich, da schlafe ich, da ziehe ich meine Hose an, da höre ich meine Vorlesungen, mache meinen Job und absolviere meine Prüfungen. Das kann auf Dauer nicht gesund sein.“

Auch Dozenten sagen, die digitale Lehre könne nur eine Notlösung sein

Unter den Dozierenden gäbe es nicht wenige, so vermuten die Studierenden, die sich mit neuem Status quo  gerne arrangieren, weil sie jetzt weniger Zeit in die Lehre investieren müssen. Andere unterstützen die Studierenden – so wie der Altphilologe Roberto Lo Presti. „Ich spreche mit vielen Kollegen an der Humboldt-Universität. Und es gibt durchaus ein gemeinsames Bewusstsein dafür, dass die Ausschaltung der sozialen Dimension des Lernens problematisch ist.

Lo Presti beobachtet, dass seine Studierenden immer müder und trauriger werden, über Depressionen klagen und sagen, dass sie im Moment keine Kraft haben, um eine Bachelor – oder Masterarbeit zu schreiben. - „Die Studenten leiden nicht weniger als die Schüler,“ sagt Lo Presti. „Als älterer Mensch kann man zwei Jahre lang im Lockdown ausharren, aber nicht, wenn man zwanzig Jahre alt ist und in der fragilen Phase, wo sich das ganze Leben und die Art zu denken täglich ändern kann.“

Die digitale Lehre sei eine gute Notlösung in der Pandemie gewesen, aber auch nicht mehr. Sie sei jedenfalls nicht die goldene Zukunft der Universität, sagt Lo Presti. Und wahrscheinlich bleibt die Debatte über die geschlossenen Universitäten auch deshalb aus, weil viele Entscheidungsträger auf höchster Ebene die Möglichkeiten des Online-Studiums maßlos überschätzen.

Diese Digitaleuphorie spürt man in einer ziemlich suggestiven Umfrage der Humboldt-Universität, über die die Studenten sich mokieren. Dort gab es Fragen wie: „Durch den Einsatz digitaler Lehrformate bin ich zeitlich flexibel… Die digitale Lehre führte zu einem effizienterem Studium… Ich hatte Kontakte zu anderen Studenten . direkt oder über Telefon, Email, Chat. -„Das ist doch gerade der springende Punkt,“ sagt Lennart Bade. „Waren es nun direkte Kontakte oder nicht? Ich glaube, wir sollten eine Gegenumfrage konzipieren.“

Das Lernen sei anders, sei flacher geworden, sagt Johannes Hofmann, der auch Psychologie studiert. „Ich habe viel gelesen, aber es ist unendlich schade, dass ich meine Erkenntnisse nicht mehr mit Räumen, Personen und Erlebnissen verknüpfen kann.“

Die Angst, als „unsolidarisch “bezeichnet zu werden

Warum kommen die Studentenproteste erst so spät? Durch die Vereinzelung, die fehlende Lobby, die Angst, als „unsolidarisch“ bezeichnet zu werden. Paula Fredrich sagt: „Bei jeder Kritik hieß es: Ihr seid nicht solidarisch! Ihr habt kein Recht, Euch zu beschweren. Ihr gehört nicht zu den vulnerablen Gruppen.“ Dabei hätten die meisten ihrer Kommilitonen peinlich darauf geachtet, die Corona-Regeln einzuhalten. „Die waren ziemlich gekränkt, als es hieß: Ach, diese jungen Leute, die wollen doch sowieso nur Party machen!“ Sie wünscht sich, dass die Gesellschaft die Opfer, die sie bringen, endlich anerkennt. „Es heißt ja immer, die Studienzeit sei die schönste Zeit des Lebens,“ sagt Bade. „Aber davon ist im Moment wenig zu spüren.“


Die Humboldt-Universität kommt unter den Hammer:  die erste große Protestaktion der Initiative  #NichtNurOnlinefindet am Montag, den 15 März um 15 Uhr vor dem Haupteingang der Humboldt-Universität statt - Unter den Linden 6.