Ein einem Würfel-Experiment nahmen einige Probanden in Kauf, weniger Geld zu bekommen.
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BerlinMenschen lügen manchmal, um ehrlich zu erscheinen. Wenn die Wahrheit „zu gut ist, um wahr zu sein“, greifen sie lieber zur Lüge. Das haben Wissenschaftler aus Israel und den USA mit einer Reihe von Experimenten gezeigt. Ihre Versuchspersonen nahmen sogar finanzielle Einbußen in Kauf, um glaubwürdig zu erscheinen, berichten die Forscher im Journal of Experimental Psychology.

Für Lügen gebe es viele Gründe, schreiben sie. Einer sei der finanzielle Vorteil. So schmälerten Menschen ihr Einkommen in der Steuererklärung. Ein anderer sei die Absicht, anderen zu helfen oder nett zu sein. Ärzte teilten Patienten oft nicht die ganze Wahrheit über ihren Zustand mit, um sie zu schonen. Ein weiterer Grund – den die Forscher jetzt untersuchten – erscheint zunächst merkwürdig: Es handelt sich um die Sorge, unehrlich zu erscheinen.

Tests mit Anwälten und Studenten

Die Wissenschaftler führten dazu verschiedene Experimente mit Testpersonen durch. Unter anderem baten sie 115 israelische Anwälte, sich vorzustellen, als Anwalt einen Auftrag übernommen und dabei den Klienten gesagt zu haben, sie würden dafür – je nach Arbeitsaufwand – zwischen 60 und 90 Stunden in Rechnung stellen.

Einem Teil der Probanden sagten die Forscher, sie hätten dem Szenario zufolge 60 Stunden gearbeitet. Der andere Teil soll 90 Stunden gebraucht haben. Der Kunde könne diese Angabe nicht überprüfen. Die Testpersonen sollten nun angeben, wie viel sie ihrem Kunden in Rechnung stellen würden.

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Die Anwälte der 60-Stunden-Gruppe berechneten im Schnitt 62,5 Arbeitsstunden. Interessanter aber war folgendes Ergebnis: In der 90-Stunden-Gruppe wurden durchschnittlich 88 Stunden in Rechnung gestellt. 18 Prozent der Teilnehmer logen und stellten weniger Stunden in Rechnung, als sie tatsächlich gearbeitet hatten – trotz finanzieller Einbußen. Sie handelten laut eigener Erklärung aus Sorge, der Kunde könne sich betrogen fühlen.

Probanden nahmen in Kauf, weniger Geld zu bekommen

In einem anderen Experiment sollten 149 Studenten im Geheimen am Computer würfeln und das Ergebnis den Forschern mitteilen. Für jede Fünf oder Sechs bekamen sie Geld. Allerdings hatten die Wissenschaftler das Programm so manipuliert, dass die Hälfte der Teilnehmer perfekte Würfe erzielte, also vier Fünfen oder Sechsen hintereinander. 24 Prozent dieser Probanden gaben daraufhin ein weniger perfektes Ergebnis an. Sie nahmen ebenfalls in Kauf, weniger Geld zu bekommen.

In der Gruppe, bei denen die Würfel tatsächlich zufällig fielen, logen nur vier Prozent der Teilnehmer. „Einige Probanden überwanden ihre Abneigung, zu lügen und verzichteten auf Geld, nur um ehrlich gegenüber der einen Person zu erscheinen, die das Experiment durchführte“, sagte Shoham Choshen-Hillel, die Studienleiterin von der Hebrew University of Jerusalem. Die Forscher untermauerten den Zusammenhang mit weiteren Versuchen und sind sich sicher, dass Menschen in der realen Welt ähnlich handeln.