Immer aufgeräumt: Marie Kondo.
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TokioWas macht man bloß mit diesem Stapel, der da langsam, aber sicher am Rande des Schreibtischs wächst? Vor Wochen noch war es nur ein nerviger Brief, der mal kurz zur Seite gelegt werden musste. Dann brauchten Notizen und To-do-Listen schnell einen Platz. Allmählich wurde ein Berg daraus. Und jetzt, in Zeiten des permanenten Homeoffice, fällt diese eigene Unordnung besonders auf. Denn anders als beim Schreibtisch im Büro, der nach vollbrachtem Tagwerk verlassen wird, bleibt der heimische Arbeitsplatz ständig in Sichtweite. Was also tun?

Hier kommt Bestsellerautorin Marie Kondo ins Spiel. Für die Aufräumexpertin kommt die Corona-Krise wie gerufen. Gerade hat die Japanerin ein neues Buch über Ordnung am Arbeitsplatz geschrieben. Auch im Homeoffice lässt sich ihre Methode anwenden. „Bei Dingen, die einem keine Freude bereiten, sollte man sich überlegen, ob man sich von ihnen trennt“, sagt Marie Kondo beim Videotelefonat. Mit dieser simplen These hat sie sich über die letzten Jahre ein globales Publikum erarbeitet. Wie immer sie ihren als „Konmari-Methode“ vermarkteten Ansatz zum Aufräumen auch verpackt: Sie trifft damit einen Nerv.

Alles hat seinen Platz: Dieser Schreibtisch würde Marie Kondo sicher gefallen.
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Mal schrieb Kondo einen internationalen Bestseller über das Aufräumen, dann eine neue Version nur für Kinder. In einer TV-Show half sie Wohlstandsverwahrlosten dabei, Ordnung zu schaffen. „Nun wollte ich mir mal das Aufräumen des Arbeitsplatzes vornehmen“, sagt sie lächelnd, mit sanfter Stimme und in höflichstem Japanisch.

„Joy at Work“ heißt das neue Buch der 35-Jährigen, das Ende April auf dem deutschsprachigen Markt erschienen ist. Die These, die sich durch die gut 200 Seiten zieht: Wer seinen Arbeitsplatz in Ordnung hält, kann auch seine beruflichen Gedanken besser organisieren.

Ein fester Platz für alle Sachen

Wer ihre vorigen Bücher kennt, wird keine großen Brüche finden. Neben dem Wegschmeißen ungeliebter Dinge ist auch der regelmäßige Dank an nützliche Gegenstände wieder Teil des Rezepts. Dann aber dieser Zusatz: „Beim Schreibtisch ist es wichtig, dass jede Sache ihren festen Platz hat. Am Ende der Arbeitsschicht sollte man ein paar Minuten darauf verwenden, die Dinge wieder an ihren Platz zurückzustellen.“ Dann werde man zufrieden gehen und am nächsten Morgen auch zufrieden zurückkommen.

Marie Kondo, in Weiß gekleidet, erzählt das hinter einem weißen, fast leeren Tisch sitzend, auf dem nur ein paar geordnete Papiere liegen. Neben ihr, sich gelegentlich vor die Kamera beugend, lauscht ihr Ehemann und Manager Takumi Kawahara dem Gespräch. „Mein Mann ist deutlich besser organisiert als ich, was Computer und Daten angeht. Und er verbindet sein Organisiertsein mit Kreativität.“

Seinen früheren Job als Verkaufsmanager gab Kawahara vor einigen Jahren auf, um nur noch seine Frau zu vermarkten. Inzwischen leben die beiden nicht mehr in Japan, sondern in Kalifornien. Kawahara kümmert sich seither um die Internetseite mit Onlineshop, Leseshows, neuen Buchideen und weiteren Möglichkeiten, seine Frau international im Gespräch zu halten.

Marie Kondo und ihr Mann Takumi Kawahara bei den Oscars 2019.
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Das Paar ist darin so erfolgreich, dass es auch schon für reichlich Empörung gesorgt hat. Warum muss eine Aufräummeisterin, die ihrem Publikum gern zum Wegschmeißen rät, auf ihrer Website auch noch Krimskrams anbieten – wie eine Stimmgabel für 75 Dollar?

Marie Kondo nickt, dankt für die Frage: „Erst mal möchte ich den Menschen helfen, Ordnung zu schaffen, unter anderem dadurch, dass man sich von Dingen trennt. Dann ist man in der Lage, klarer zu entscheiden, welche Dinge einen stattdessen glücklich machen. Dafür gibt es von mir dann ein Angebot.“ Ihrem Mann scheint diese Antwort zu gefallen, auch er nickt. Die Stimmgabel sei übrigens der Bestseller im Shop.

Wer jedoch denkt, dass „Konmari“, wie sich Marie Kondo gern selbst nennt, nicht viel mehr als eine hervorragende Geschäftemacherin ist, der täuscht sich. In ihrem Buch schafft sie es tatsächlich, den Lesern noch etwas Neues zu erzählen.

Mit Reflexionen über ihr Arbeitsleben vor dem Weltruhm zeigt sie an mehreren Stellen, wie ihre eigene Ordnung ihr dabei half, andere Defizite wettzumachen. So fing sie vor Jahren als Studienabgängerin in der Verkaufsabteilung eines Unternehmens an. „Ich war nicht besonders gut darin.“ Aber immerhin hatte sie schneller als jeder andere Mitarbeiter dringend gesuchte Akten und Zahlen zur Hand. „Bald baten mich meine Kollegen, ob ich ihnen sagen könne, wie ich das mache.“ Nicht viel später machte sie sich als Aufräumcoach selbstständig. Dann kamen die Bestseller.

Endlich fleißig wirken

In Corona-Zeiten, so scheint es, könnte diese immer adrett auftretende Frau, bei der von der Kleidung über die Haare bis zu den Zähnen alles ein bisschen zu sehr glänzt, auch mit diesem Aufräumbuch wieder einen Treffer gelandet haben. Und vielleicht sogar für die Zeit danach.

Um ihr eigenes Wissen über das Aufräumen von Kleiderschränken und Wohnungen nämlich fehlerfrei ins Arbeitsleben zu übertragen, hat Kondo ihr neues Buch gemeinsam mit dem US-amerikanischen Managementpsychologen Scott Sonenshein geschrieben. „Das Schöne ist, dass sich das meiste, das ich nur aus Erfahrung wusste, tatsächlich durch Daten belegen ließ.“

So würden Menschen, deren Schreibtische geordnet aussehen, von ihren Kollegen eher als fleißig und intelligent eingeschätzt. Und das wiederum fördere die Karriere. „Ist das nicht schon ein Grund, regelmäßig aufzuräumen?“, fragt Kondo im Buch.

Und ihre zwei Töchter im Kleinkindalter, begreifen die den Wert dessen, was ihre Mutter predigt, auch schon? Marie Kondo blickt sich um, ob wohl eine der beiden gerade zuhören könnte. Dann nickt sie wieder: „Die beiden versuchen schon, mich zu kopieren, und legen Dinge zusammen. Manchmal korrigiere ich die Faltmethode hinterher heimlich. Aber ich glaube, sie haben Spaß am Aufräumen. Und das ist doch schön, oder?“