Illustration: Ahu Dural

„Fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus nimmermehr“

Joker hat mit Stefan, dem Psychologen für unsere Knalltüten-Tageseinrichtung, einen Vertrag abgemacht. Schafft Joker es, drei Tage lang nicht in konzentrischen Kreisen, sondern auf direktem Weg von der Schule in die Einrichtung zu kommen, und kriegt er es dann auch noch hin, seine Hausaufgaben zu machen, dann bekommt er ein großes Glas Kakao. Nicht irgendeinen Kakao, sondern einen Stefan-Profi-Kakao! Im Winter warm mit aufgeschäumter Milch und im Sommer schön kalt, aber mit Liebe. Das Besondere daran ist nicht nur die beste Zubereitung von Stefan, sondern die Einmaligkeit. 

Joker ist der einzige bei uns, der dieses Privileg genießt. Und es ist verdammt seltsam, dass sich noch keins der anderen Kinder darüber beschwert hat. Manchmal sitzt einer in der Küche bei mir und beobachtet erstaunt, wie sich Joker einen Milchbart stehen lässt. Stefan rasiert ihn dann etwas mit Jokers Gewissensmesser, wenn er ihn fragt, ob er das Glas auf zwei oder drei kleinere verteilen soll. Ganz schwierige Situation. Aber irgendwann hat Joker kapiert, dass Abgeben auch ein Privileg ist. Eins, das er selbst entscheidet. Jetzt ist nur die Frage, warum das so bedeutend ist. Warum musste hier eine Vereinbarung her?

Nun, jeden Morgen wird Joker in die große, weite Welt geschickt, um in der Schule anzukommen. Und das nur, um von dort mit unheimlich vielen, völlig ungerechtfertigten, absolut überflüssigen Hausaufgaben bepackt zu werden. Mit diesem Rucksack voller lebenszeitverschwendenden und denksalatfabrizierenden Aufgaben rollert er dann durch Marzahn mit seinem Roller. Die Idee ist: je länger unterwegs, umso näher der nächste Tag, also keine Zeit mehr für lästige Hausarbeiten.

Als alle Schulen geschlossen hatten, musste Joker nicht über den Umweg Schule zu uns, sondern auf direktem Weg. Fröhlich rollerte er drauf los. Nix auf’m Buckel. Freie Fahrt! Wind hinterm Ohr. Aber nee, die Schulaufgaben waren schon da. Hatten die Eltern bei uns abgegeben. Mist! Da war Joker ja geradewegs voll bescheuert in die Falle des Imperativs gerollt.

„Hier“, sagte Stefan, „ im Esszimmer kannste schön in Ruhe Mathe machen“. Während die anderen Kinder ebenfalls über ihren Schulsachen sinnierten, experimentierte Joker mit Physik. Denn problematisch war jetzt nicht mehr nur die Zeit, sondern auch der Raum. Er hatte ein klares Raum-Zeit-Problem. Und die Lösung war: sich langsam mit Lichtgeschwindigkeit und Anspitzer jonglierend zu beobachten. Während die Patronen seines Füllers über den Boden rollten und gleichzeitig Linien durch seine Mundwinkel bis zu beiden Ohren malten, füllte sich das Matheheft mit Klecksen und Formeln. Ich hörte ihn kichern und lugte manchmal durch die Tür. Irre! Der Typ schaffte es doch tatsächlich, eine Wirkung ohne Ursache zu erzeugen. Es passierte gefühlt alles gleichzeitig. Überall lagen seine Stifte, alles voll Farbe, und zugleich füllte sich sein Heft. Bravo! Irgendwann wurde er kreischend lachend aus dem Versuchsfeld geschleudert ...

... und weil es anfing zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über seinen Kopf, dass kein Tropfen auf ihn fiel.