Läuschen hat sich verbrannt, Flöhchen weint, Türchen knarrt, Besenchen kehrt, Wägelchen rennt, Mistchen brennt ...

Die Kinder spielen unten im Garten. Nadine und ich sind im Spielzimmer. Ich schreibe mir die Essenswünsche der Kinder für die nächste Woche auf: Jägerschnitzel, Lasagne, Bratwurst mit Kartoffelbrei, Bohnen, braune Soße. Nadine, welche die Chefin unserer abgefahrenen Einrichtung ist, steht unschlüssig rum. Sie albert heute lieber mit mir rum. Hat keine Lust runterzugehen, um Streitereien zu schlichten oder am PC bürokratischen Tastatursalat zu komponieren. Mach mal ’ne Pause! Rico, Stefan und Sarah sind ja unten. Reicht doch für die elf Ganoven. Aber weit gefehlt. Unser Lachen wird von hastigen Schritten auf dem Flur gestört. Und da steht Minni in der Tür. Ihre Wangen gerötet, ihr Blick auf der Jagd. Sie wirft sich in den Schaukelstuhl und erklärt hastig: „JOKER WAR UNTERWEGS, WEIL ICH IHN GESEHEN HABE!“

Also mir erschließt sich gar nichts. Dieser Satz ist für mich kryptisch. Der ergibt ein ganz konkretes Fragezeichen! Vorsichtshalber schreibe ich ihn auf die Einkaufsliste. Nadine wiederum hat eine Ahnung. Profi eben. Ihr Grinsen von unserem Rumalbern hat sie noch parat. „Minni, willst du wirklich weiterreden?“, fragt sie scheel. Und jetzt macht’s Gong bei mir. Hier sitzt grad eine kleine Petze, die nur leider in ihrer Entrüstung komplett Nadel und Faden verloren hat. Und überhaupt sind auf dem Weg die Treppe hoch sämtliche Sätze und Wörter, sowie mindestens 26 Buchstaben durcheinander geraten. „Willst du jetzt wirklich petzen?“, frage ich Minni drohend. Gleich muss ich lachen. Nadine juckt es auch schon in den Mundwinkeln. Wir strengen uns wirklich sehr an, kompetent auszusehen. Minnis Augen hetzen von Nadine zu mir, von mir zu Nadine. Sie kann jetzt eigentlich nur noch hoffen, dass Joker gleich kommt, um sich mit Axt und Faustkeil zu verteidigen. Aber da kommt niemand. Lachen weht aus dem Garten durchs Fenster. Minnis Wildheit wird schwächer. Sie steht auf. Die Schultern hängen erschöpft. Ein letztes Aufflackern können wir erkennen. Aber wo kein echter Petz ist, ist auch nix zu schießen. „Ach nein, ist schon gut“, ruft sie und flitzt wieder die Treppe runter in den Garten zu den anderen.

Minni fällt es wahnsinnig schwer, sich zu artikulieren. Aber petzen ist doof. In meiner Küche habe ich es den Kindern verboten. Minni kocht gerne mit. Sie kann im Unterschied zu den anderen Kindern Kartoffeln schälen. Mit Messer. Sie kann zwar kaum lesen und rechnen, aber sie weiß inzwischen wie die Gewürze riechen und in welches Gericht sie gehören. Sie könnte vermutlich eine richtig gute Köchin werden – sie versteht die Sprache der Zutaten – wenn ihr nur endlich mal jemand das Lesen beibringen würde. Sie kommt in die vierte. Ich hab es nach der Arbeit versucht. Mit der Fibel. Das klappte ganz gut, aber dann hatte ich selbst keine Zeit mehr. Und Zeit ist definitiv die wichtigste Zutat fürs Lernen. So wie Muskat an den Kartoffelbrei ran muss.

Und jetzt rauscht Joker in die Küche. „Frau Fellien“, ruft er, „wenn Sie für die Zeitung schreiben, dann will ich immer und unbedingt erwähnt werden.“ – „Bist schon erwähnt“, sag ich. „Wie willst du dich nennen?“ – „Joker!“ Aye, aye Sir!

„Ei“, sagte das Brünnchen, „so will ich anfangen zu fließen.“