Berlin - Lernen im Freien wirkt sich positiv auf die körperliche Aktivität, die Lebensqualität und die Entwicklung von Empathiefähigkeit aus. Ein Nebeneffekt in der Pandemie: draußen haben Aerosole das Nachsehen. Grund genug, im Frühling und Sommer die Klassenzimmer öfter einmal zu verlassen. Draußenunterricht – das ist im besten Fall mehr als die Verlagerung des herkömmlichen Unterrichts auf die Parkbank. Orte, die sich für den Unterricht im Freien eignen, gibt es in der Nähe fast jeder Schule: Wälder, Felder, Parks, Sümpfe, Seen und Flüsse, den Schulhof, aber auch Orte wie Museen, Industriegebäude und das lokale Schulumfeld mit Geschäften, Bibliotheken und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Und es gibt einen Ort, an denen man lernen kann, draußen zu lernen. Auf dem Naturhof Malchow bietet Beate Kitzmann seit dreißig Jahren Kurse in und mit der Natur für Erwachsene,  Schulklassen und Kitas an. Der dazugehörende Verein Naturschutz Malchow, der sich aus Zuwendungen und Spenden finanziert, bewirtschaftet 15 Hektar Streuobstwiesen und pflegt Flächen, indem er Schottische Hochlandrinder das ganze Jahr über draußen weiden lässt. Ein Café mit Cateringservice und Hofladen unterm Storchennest generiert weitere Einnahmen und ist Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Gäste, die hier in Kontakt mit der sie umgebenden Umwelt kommen können. 

Dass das Lernen in der Natur die Persönlichkeit prägt und von unschätzbarem Wert ist, dafür braucht Beate Kitzmann keine Wirksamkeitsanalyse. Für die Biologin und Leitern des Naturhofs ist klar: Stadtkindern wird ein wesentliches Entwicklungsfeld entzogen, wenn sie nicht mit Natur in Berührung kommen.

Normalerweise kommen regelmäßig Schulklassen auf den Hof in Malchow und erleben einen Tag lang Lernen in der Natur. „Ökologische Zusammenhänge kann man natürlich in der Theorie erklären, verstehen kann man sie nur durch praktisches Tun“, sagt Beate Kitzmann.

Foto: Gerd Engelsmann
Beate Kitzmann leitet den Naturschutzhof Malchow.

Geht man mit der 56-Jährigen über das Gelände, kann sie gar nicht anders, als von der Natur, die uns hier am Stadtrand umgibt, zu erzählen. Von den Schmetterlingen, von denen jede einzelne Art andere Pflanzen braucht, die die Raupen ernährt. Brennnesseln für Tagpfauenaugen, Faulbaum für Zitronenfalter. Oder von den Bitterlingen. Das sind Fische, die ihre Eier in Teichmuscheln ablegen. Die Muschel ventiliert immerzu frisches Wasser um die Eier, dafür bewacht der Bitterling die Muschel, die nur in sehr sauberem Wasser überlebt. Verschwindet sie, verschwindet auch der kleine Fisch. Wunder vor der Haustür werden sichtbar, wenn man nur genau hinsieht.

Für Schulklassen und Kitas schnüren Beate Kitzmann und ihre Mitarbeiter Themenpakte: Heimische Wildtiere kennenlernen, die Sinne erfahren, Apfelsaft machen, Brot backen, Eintauchen in die Welt der Pflanzen, Kräuter und Bäume. Nach dem Motto „Ich schütze nur, was ich kenne“ wird für die Älteren ökologischer Landbau in den Fokus gerückt, oder Schüler machen erste Erfahrungen mit der Wissenschaft der Bionik. „Wer zu uns kommt, der findet ein passendes Angebot“, sagt Beate Kitzmann.  „Gerade Kinder brauchen den Kontakt zur Natur, um gesunde Persönlichkeiten auszubilden“, so Kitzmann. 

Lernen in der Natur prägt Persönlichkeit

Die direkte Erfahrung lässt sich dabei nicht digital nachbilden, ist Kitzmann überzeugt. Sie habe schon Anfragen bekommen, ob man nicht einen virtuellen Rundgang auf dem Hof mit VR-Brille anbieten solle. „Da fehlt doch der Wind auf der Haut“, gab Beate Kitzmann zu bedenken. Auch das könne man nachempfinden, so die Entwickler. Kitzmann lehnte dankend ab. „Stolpern, hinfallen, sich den Elementen aussetzen, das muss unmittelbar passieren und nicht gefiltert. Empathie ausbilden, körperliche Erfahrungen machen, das ist persönlichkeitsbildend.“

„Ich habe schon Kinder hier gehabt, die waren noch nie im Wald“, sagt Beate Kitzmann. Kinder, die weder Stroh noch Heu kennen. Eine Entkopplung von der Natur finde statt, im Vergleich zu ihren Anfangsjahren in Malchow vor 30 Jahren sei das deutlich sichtbar.

Eine Schülerin einer siebenten Klasse sollte zu Hause vor dem Bildschirm im Lockdown anderthalb Stunden einen gefilmten Waldspaziergang ansehen und beschreiben, welche Pflanzen und Tiere sie wahrnimmt. „Verschenkte Zeit“, findet Beate Kitzmann. Warum den Waldspaziergang nicht live und in Farbe durchführen?

Lehrer trauen sich zu selten aus dem Klassenzimmer

Doch warum trauen sich Lehrer nicht so recht raus? Selbst Biolehrer scheuen den Unterricht in der Natur. „Sie haben es schlicht nicht anders gelernt“, glaubt Beate Kitzmann. Außerdem gehe es in Schulen noch immer viel zu oft um abprüfbares Wissen, weniger um Erfahrungslernen. „Dabei ist nichts natürlicher als die Auseinandersetzung mit Natur. Fehlt sie, fehlt eine Facette in der Ausbildung von Denkmustern“, sagt sie. Wer als Kind keine Empathie mit Natur und Tieren erfahren habe, der erlebe auch später eine Distanz oder gar Angst vor der wilden Umgebung.

„Lernen im Klassenzimmer entspricht den Bedürfnissen nach Überschaubarkeit, Planbarkeit und Kontrolle und gewährleistet ebenso ein ruhiges und bekanntes Lernumfeld“, schreiben die Münchner Forscher Christoph Mall und Jan Ellinger. An der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der TU München forschen sie zum Thema Draußenunterricht.

Gleichzeitig bedeute dies, dass die Schüler*innen in einem starren Klassenraum mit wenigen Veränderungen lernen müssen. „Im Gegensatz dazu ermöglicht der Draußenunterricht Lernen in einer Umgebung, die durch Veränderungen der Jahreszeiten viel Abwechslung, Platz, Bewegung, multisensorisches Lernen sowie die direkte Einbeziehung der Natur in der Praxis bietet.“

Nach einem Kurs auf dem Naturhof Malchow dürfen die Kinder oft einfach unangeleitet Zeit draußen verbringen. Das Gelände erkunden, Höhlen bauen, Toben. „Kinder haben ein enormes Bewegungsbedürfnis“, sagt Beate Kitzmann, „sie gehen in Nischen, suchen sich Herausforderungen und wachsen daran.“

Um die Kinder, die auch in dieser freien Zeit auf dem Hof immer in der Nähe der Lehrer blieben, mache sie sich die meisten Sorgen. Dennoch: auch die therapeutische Wirkung von Natur sei unbegrenzt. Also raus, Kinder!

Naturschutz Berlin-Malchow, Dorfstraße 35, 13051 Berlin, www.naturschutz-malchow.de