Berlin - Also doch wieder alles anders: Ab dem 9. Juni sollen alle Berliner Schüler wieder ein umfangreiches „Präsenzangebot“ erhalten. Schon das Wort „Präsenzangebot“ ist eigentlich absurd und zeigt, was im letzten Jahr alles verloren gegangen ist.

Ruth Stephan, Schulleiterin an der Grunewald Grundschule, hätte es lieber gesehen, dass der Wechselunterricht bis zu den Sommerferien fortgesetzt wird – aber sie kann sich mit der neuen Regelung arrangieren. Auch der organisatorische Aufwand ist für sie überschaubar. Schließlich werden sie nicht für zwei Wochen zum alten Stundenplan zurückkehren und zulassen, „dass dann eine Musiklehrerin pro Woche durch zwanzig Klasse springt.“ Die Kinder sollen weiterhin nur in den Hauptfächern unterrichtet werden. „Nur haben sie dann für zwei Wochen wieder die doppelte Stundenzahl. Das wird dann noch mal ein kleiner Crashkurs.“

An der Grunewald Grundschule hätten die Lehrer gerne an der vorsichtigen Variante festgehalten. „Wir hatten den Wechselunterricht jetzt gut im Griff, das Testen funktioniert. Endlich war ein bisschen Ruhe eingekehrt,“ sagt Stephan. „Aber die Schüler werden sich natürlich freuen, einander täglich zu sehen.“

Schwimmen, Kletterpark und Waldspaziergänge

Viele Lehrer haben Ausflüge geplant, sie wollen mit ihren Klassen in den Wald gehen, zum Schwimmen, in den Kletterpark. All diese Ausflüge sollen dazu beitragen, dass die Klassen sich wieder als Einheit erleben, nachdem sie wochenlang in zwei Hälften zerschlagen waren.

Auch Sven Zimmerschied, der Leiter der Friedensburg-Oberschule findet, dass die Juni-Wochen im Zeichen der Lebensfreude und des sozialen Miteinanders stehen sollten. „Ende dieser Woche ist Notenschluss. Warum sollten wir dann alles daran setzen, Stoff durchzupauken, der nach den Sommerferien wieder vergessen ist?“

An seiner Schule gibt es insgesamt 1200 Schüler. „Viele sind ziemlich unbeschadet durch die Pandemie gegangen, etliche haben sich sogar verbessert. Aber ich schätze, dass es ungefähr 30 bis 40 Schüler gibt, die durch Corona wirklich aus dem Tritt gekommen sind.“ Das Geld des Corona-Aufholpakets will Zimmerschied nutze, um für sie im neuen Schuljahr sogenannte Schulcoachs zu heuern.

Als man Mitte April mit dem regelmäßigen Testen begann, gab es in der Friedensburg Oberschule jede Woche drei bis vier Schüler, die positive Testergebnisse hatten. „Aber in den letzten drei Wochen ist die Rate auf Null gesunken,“ sagt der Schulleiter, der gerade seinen zweiten Impftermin absolviert hat. „Rund neunzig Prozent unserer Lehrer haben inzwischen ihre erste Impfung bekommen, rund vierzig Prozent ihre zweite. Doch bei allen ist die zweite Impfung noch sehr frisch.“

Vor dem organisatorischen Aufwand der Umstellung fürchtet Zimmerschied sich nicht, da auch sie am bisherigen Stundenplan festhalten. „Eine Mail mit großem Verteiler,  und die Sache ist erledigt.“

Noch am Montag hatte der Landesschulbeirat den Wechselunterricht als einen „schmerzhaften, aber richtigen Mittelweg“ bezeichnet. Am Dienstag danach gefragt, reagierte der Sprecher Peter Heckel etwas verschnupft: „Ich halte das für eine falsche Entscheidung. Das Verwaltungsgericht wird zwar gute rechtliche Gründe für die Entscheidung haben, dennoch haben wir Corona nicht besiegt, und die Schülerinnen und Schüler schon jetzt wieder eng an eng in die Klassenräume zu setzen, halte ich für zu gefährlich. Der Landesschulbeirat hat gefordert, nach den Sommerferien zum Regelbetrieb zurückzukehren, und auch dann wird Corona nicht verschwunden sein. Aber bis dahin hätte man die Inzidenz weiter drücken können, auch die Impfungen wären viel weiter fortgeschritten.“

Müssen die Schüler sich nun häufiger Testen lassen?

Norman Heise vom Landeselternausschuss spricht davon, dass die Elternschaft nach wie vor gespalten sei – die einen hocherfreut, die anderen tiefbesorgt. Deshalb „sollte die Präsenzpflicht ausgesetzt bleiben, um die Eltern nicht unter Zwang zu setzen.“

Angesichts der ungewollten Entwicklungen ruft Tom Erdmann, der Vorsitzende der GEW Berlin nach einem anderen Test-Regime: „Zwei Tests die Woche reichen nicht. Auch in anderen Gesellschaftsbereichen sind Öffnungen nur mit tagesaktuellem Tests möglich. Dies muss auch für Schulen gelten.“

Für viele Schüler kam die Nachricht über den Unterricht in voller Klassenstärke überraschend. Nicht alle sind begeistert. So auch Benjamin aus der Klasse 3c einer Charlottenburger Grundschule. Der Junge schaut seine jubelnde Mutter verwundert an. „Dann muss ich wieder jeden Tag herkommen, da ist mir der Wechselunterricht doch lieber“, sagt Benjamin nachdenklich. Beide machen sich keine Sorgen wegen der Ansteckungsgefahr: „Mit Test und Maske: Kein Problem!“ Die anderen Eltern vor dem Schultor nicken zustimmend.

Laïs, die in die sechste Klasse eines Wilmersdorfer Gymnasiums geht, freut sich sehr: „Meine besten Freunde sind zwar zum Glück für den Wechselunterricht in meiner Klassenhälfte gelandet, aber es ist so, als wären wir inzwischen zwei Klassen. Manche habe ich ewig nicht gesehen, gut, dass wir jetzt wieder zusammenwachsen können!“