BerlinGeht es um eine der einflussreichsten deutschen Eltern-Bloggerinnen im Netz, ist man bereit zu frieren. Auf Wunsch treffe ich Patricia Cammarata draußen in der Oktoberkälte, nicht weit vom Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain. Eigentlich kein schlechter Ort, denn es geht schließlich um das alte Märchen von Mann und Frau, die eigentlich alles richtig machen wollten. Für Patricia Cammarata sind die Rollen in den meisten Beziehungen allerdings schlecht verteilt. In ihrem neuen Buch beschäftigt sich die Psychologin, IT-Expertin und Dreifach-Mutter mit der Frage, wie Paare die Familienarbeit gerechter aufteilen können.

Berliner Zeitung: Sie gelten als Pionierin in Sachen „Mental Load“. Was ist das eigentlich?

Patricia Cammarata: Mental Load meint die geistige und organisatorische Last, die jemand tragen muss, um den Haushalt und den Familienbetrieb am Laufen zu halten – und die oft für die anderen unsichtbar bleibt. Beispiel Kindergeburtstag. Ich fahre los, um ein Geschenk zu besorgen. Aber tatsächlich ist es ein noch viel größerer Planungsprozess. Die Geburtstagseinladung aus dem Schulranzen fischen, die Kommunikation mit den anderen Eltern aufnehmen. Wer fährt hin? Wer holt ab? Diese Kleinteiligkeit und Fülle der täglichen Aufgaben macht, dass man abends total müde auf dem Sofa zusammensackt und sich fragt: Was hab ich eigentlich heute alles gemacht?

Angenommen, ich werde mir dieser kleinteiligen Post-its in meinen Kopf klar und fühle mich überfordert. Wie wird der Partner auf meine Not aufmerksam?

Zwei Möglichkeiten. Die erste: Ich erkläre, was ein Kindergeburtstag neben der Besorgung eines Geschenks noch alles erfordert. Und die zweite: Wir verteilen die Aufgaben neu und ich gebe dem Partner so die einmalige Chance, neue Kompetenzen aufzubauen.

Und nörgele nicht, wenn er das Kind „falsch“ angezogen hat. Gehört zur neuen Aufgabenverteilung auch ein nachsichtiger Blick auf die Fehler des anderen?

Absolut. Man vergisst viel zu schnell, welche Fehler man am Anfang selbst mit den Kindern gemacht hat. Und wenn man die Männer einfach mal machen lässt, und die dann sehen, was alles dazu gehört, kommt es zu einem interessanten Effekt: Wertschätzung. Und sobald wir „auf dem Schirm“ haben, was der andere alles für die Familie leistet, stellt sich Zufriedenheit ein. Mit einem simplen „Vielen Dank“ ist etwas von diesem Schmerz schon gelindert, stumm vor sich hinzuarbeiten.

Aber wenn wir uns alleingelassen fühlen, können wir dann die Schuld beim unachtsamen Mann suchen?

Der Mann ist genauso schuld und nicht schuld wie die Frau, die sich den Schuh anzieht, als Frau die geborene Kümmerin der Familie zu sein. Diese Rollen-Zuschreibungen lassen sich nur schwer abstreifen. Das muss man wissen, bevor man in ein klärendes Paar-Gespräch geht.

Der Titel Ihres Buches lautet „Raus der Mental-Load-Falle“. Wann beginnen die meisten Frauen, in diese Falle zu treten?

Das fängt schon mit dem Zusammenziehen an und verstärkt sich nach der Geburt des ersten Kindes. Statistisch gesehen ist die Verteilung immer noch ganz klar: Die Frau übernimmt einen Großteil der Kümmerarbeit, während der Mann für die finanzielle Versorgung zuständig ist. Viele Paare starten mit einer gesunden Portion Optimismus, alles wird schon irgendwie – und sind dann hilflos, wenn es doch nicht so wird, wie sie sich das vorgestellt haben.

Und wenn der Partner absolut keine Lust hat, etwas zu ändern, weil es für ihn einfach angenehmer ist. Schmeißt die Frau sich dann schreiend auf den Boden?

Wenn das erst mal hilft, warum nicht? Aber die wenigsten Partner stellen sich wirklich quer, wenn man die Sache ruhig und konstruktiv anspricht. Nur für wenige Männer gilt: Das sind schlimme Egoisten und die Frau sollte sich besser trennen. Wenn eine Frau mehr Entlastung fordert, ist sie ja an einem ganz anderen Punkt als der Mann, der bisher ein regelmäßiges und bequemes Leben hatte. Da der Mann noch nicht hinter die Kulissen schauen konnte, weiß er oft gar nicht, was da für ein Druck bei ihr herrscht – wenn sie die ganze Care-Arbeit und eine intensive Berufstätigkeit kombiniert.

Zur Person: 

Patricia Cammarata studierte Psychologie und arbeitet seit vielen Jahren als IT-Projektentwicklerin. Ihre Karriere als Autorin begann sie als Bloggerin. Seit 2004 schreibt sie den preisgekrönten Blog „dasnuf“. Ihre Podcasts „Mit Kindern leben“ und „Nur 30 Minuten“ werden von Tausenden Menschen gehört. In diesem Jahr hat sie zwei hochinteressante Ratgeber veröffentlicht, die beide zu Bestsellern wurden: „30 Minuten, dann ist aber Schluss“ und „Raus aus der Mental-Load-Falle“. Cammarata hat drei Kinder und lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Berlin.

Sie haben sich von Ihrem Mann getrennt, weil er die Care-Arbeit nicht mit Ihnen teilen wollte. In Ihrem Buch schreiben Sie, das Wissen um Mental Load war für Sie eine Befreiung.

Ich dachte immer, es muss doch jemand meine Not sehen. Das zieht total runter, weil man in so einem Standby-Modus lauert und jedes Mal, wenn es nicht passiert, eine Enttäuschung erfährt. Wenn man aber wirklich vor vollendeten Tatsachen steht, dann merkt man, dass es wirklich nicht so sehr um die Arbeit geht, die man hat, sondern um diesen ewigen Kampf: Wird es wahrgenommen oder nicht? In meiner neuen Beziehung musste ich irgendwann nicht mehr darum kämpfen, was großartig war.

Was ist die Folge, wenn man die mentale Last alleine trägt?

Burnout. Ich finde das total erschreckend mittlerweile, wie ich in der Anfangsphase des Burnouts permanent meine Grenzen überschritt, bis ich gar keine Grenzen mehr hatte. Bei mir gab es schlicht kein „Ich muss mich jetzt mal ausruhen“. Alles fühlte sich an wie ein Überlebenskampf. Heute weiß ich nicht mehr, wie ich mir das jemals antun konnte.

Wie kann man die unsichtbare Arbeit sichtbar machen? Mit Stift und Papier?

Ich nutze gerne Exceltabellen. Es geht vor allem um die Visualisierung der einzelnen Aufgaben. In zehn Minuten kann man eine ganze Din-A-4-Seite vollschreiben und sofort erkennen, wie alles zusammenhängt.

Ist es nicht übertrieben, das Familienleben so technisch auseinanderzunehmen?

Ich komme aus dem Bereich des IT-Projektmanagements und kann verstehen, wenn man es schrecklich findet, Exceltabellen ins Private zu führen. Anfangs scheint es sehr kleinteilig und technisch. Es hilft aber, als Paar eine Routine zu entwickeln, um die Aufgabenlast umzuverteilen.

In Ihrem Buch sprechen Sie von „Gesignation“. Ist das die Verschmelzung von Gelassenheit und Resignation?

„Gesignation“ ist, mit Gelassenheit hinzunehmen, dass sich bestimmte Dinge nicht ändern lassen. Mir persönlich fällt das bei den Kindern leichter als bei meinem Partner. Es geht darum, einen Mittelweg zu finden. Dass man einerseits miteinander verhandelt, aber andererseits bestimmte Sachen als eine liebenswerte Schrulligkeit hinnimmt. Im Grunde wird man großzügiger mit dem Umfeld und sich selbst.

In einem Roman von Maria Sveland steht: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau mit müden Beinen und Migräne. Und hinter jeder erfolgreichen Frau eine Scheidung.“ Ist da was dran?

Ich bin 45 und ich kenne viele Frauen in meinem Alter, die sich getrennt haben, ohne vor einen Scherbenhaufen zu stehen. Viele, die berufstätig sind, fühlen sich nach ihrer Trennung total befreit und haben gar keine Lust mehr auf verbindliche Beziehungen. Letztendlich kommt man von diesem Gedanken weg, dass man eben nur in Kombination mit einem Mann was wert ist. Das stärkt.

Doch raten Sie ja in Ihrem Buch nicht allen Frauen zur Scheidung, sondern ihre These ist: „Raus aus der Mental-Load-Falle“ rettet Beziehungen.

Ja. Gleichberechtigung ist die Voraussetzung für eine gut funktionierende Beziehung.


Patricia Cammarata ist unsere Bloggerin des Monats: Von nun an wird die Berliner Zeitung kreative Netz-Persönlichkeiten Netz einladen, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Gastbeiträgen vorzustellen. Ende November wird Patricia Cammarata exklusiv für die Berliner Zeitung über das Phänomen des "Sharenting" schreiben.