Das öffentliche Leben ist erlahmt: Eine Frau mit Mundschutz sitzt vor Pandaskulpturen in Tokio. 
Foto: dpa/Eugene Hoshiko

Tokio„Diese seltsame Zeit im Moment hat schon ihre guten Seiten“, gesteht Azusa Yokota und fühlt sich erst fast komisch dabei, das auszusprechen. „Wir dürfen ja kaum noch etwas tun“, führt die Japanischlehrerin aus Tokio aus. „Die Bar bei mir um die Ecke ist geschlossen, die Restaurants auch. Das wirtschaftliche Leben findet im Moment fast gar nicht mehr statt. Ich selbst darf auch nicht mehr wie früher zur Arbeit fahren. Der Sprachunterricht läuft nur noch online.“ Azusa Yokotas Heimatland Japan befindet sich auf dem Weg in eine tiefe Rezession. Und die Infektionsfälle im Land haben sich zuletzt wöchentlich auch noch verdoppelt.

Was daran gut sein soll? „Naja“, sagt die 35-Jährige dann doch voller Selbstverständlichkeit. „Endlich kann ich mal ausschlafen.“ Durch die Verschiebung diverser Tätigkeiten ins Homeoffice spare sie sich jeden Tag mehr als eine Stunde, die sie sonst im Berufsverkehr verbringen würde. „Wenn ich jetzt um neun Uhr morgens eine Besprechung oder Unterricht habe, reicht es, wenn ich nach sieben aufwache und mich dann in Ruhe an den Computer setze.“ Seit die Menschen in Japan ab Februar schrittweise ins Homeoffice geschickt wurden, schlafe Azusa Yokota jede Nacht zwei Stunden mehr als zuvor. „Acht Stunden schlafen. Früher gab’s das für mich nur am Wochenende. Ich wünschte, das könnte ab jetzt so bleiben.“

Immer mehr Menschen in Japan geraten in die Lage von Azusa Yokota. Spätestens seit die japanische Regierung Anfang April für die größten Metropolregionen des Landes erklärte und mittlerweile auf ganz Japan ausdehnte, müssen in diversen Branchen und Orten die Menschen ihrem üblichen Arbeitsplatz fernbleiben. Das heißt aber auch, dass sie jede Nacht auf die Stunden Ruhe kommen, die sie eigentlich ohnehin immer haben sollten. Schlafmangel war im ostasiatischen Land bisher eine Art Volkskrankheit. Wer wenig schläft, der gilt als wichtig, fleißig, hart zu sich selbst. Der Spruch „otsukare sama“, den sich Japaner anerkennend nach getaner Arbeit entgegenwerfen, ist ein Beleg dafür. Er übersetzt sich in etwa mit: „Sie müssen erschöpft sein.“

Leben auf engstem Raum: Früher ins Bett gehen, später aufstehen. 
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Bisher hat in dieser Floskel zumindest statistisch gesehen viel Wahrheit gesteckt. Denn das Klischee der immer wachen Japaner, das auch im Land selbst gepflegt wird, ist durch Studien unterstützt. 2018 fand der finnische Pulsuhrenhersteller Polar heraus, dass von allen Usern in 28 verschiedenen Ländern jene in Japan am wenigsten schliefen. Das Unternehmen hatte sechs Millionen Nächte ihrer Kunden verglichen, die auch im Bett die Pulsuhr getragen hatten. Durch die im Schlaf niedrigere Herzfrequenz lässt sich feststellen, wann ein Nutzer wach ist und wann nicht. Demnach betrug die globale Durchschnittsschlafdauer sieben Stunden und 22 Minuten, Spitzenreiter war Estland mit nur 14 Minuten zusätzlich pro Nacht. Schlusslicht Japan war mit sechs Stunden und 33 Minuten deutlich abgeschlagen.

Auch wenn die Träger von Pulsuhren meist überdurchschnittlich sportlich sind, dienen die Ergebnisse zumindest als Tendenz für die gesamte Bevölkerung. Schließlich ergab die von der japanischen Regierung in Auftrag gegebene Nationale Gesundheitsstudie schon im Jahr 2016, dass 40 Prozent der Befragten täglich weniger als sechs Stunden schliefen, was gegenüber einer Befragung zehn Jahre zuvor noch eine Steigerung um elf Prozentpunkte markierte. Und 2014 hatte der damalige Hersteller von Fitnessarmbändern Jawbone die Schlafzeiten in verschiedenen Städten der Welt verglichen. Ganz unten landete Tokio. In der japanischen Hauptstadt schlief der durchschnittliche Nutzer des Armbands demnach fünf Stunden und 48 Minuten pro Nacht – eine gute Stunde weniger als die Bewohner von New York, der Stadt, die angeblich niemals schläft.

Die Extremwerte passen ins japanische Selbstbild. Aber sie sorgen auch schon länger für Diskussionen. Vergleiche unter Industrieländern zeigen nämlich auch, dass in Japan länger gearbeitet wird, die Produktivität aber dafür eher niedrig liegt. Premierminister Shinzo Abe ermutigte die Unternehmen seines Landes daher ab dem vorletzten Jahr, ihren Angestellten zumindest einmal im Monat am Montag freizugeben. Zudem empfiehlt die Regierung ihren Bürgern mittlerweile, dass man pro Nacht doch möglichst sieben Stunden schlafen sollte. Und moderne Arbeitgeber unterstützen ihr Personal schon länger vermehrt bei dem, was ohnehin schon lange jeden Tag passiert: Die Angestellten dösen im Dienst einfach mal kurz weg. Auch das Gesundheitsministerium findet das heutzutage offiziell gut. Es empfiehlt 30-minütige Nickerchen jeden Nachmittag.

Streng: Mitarbeiter der Tokioter Stadtregierung fordern die Menschen im Unterhaltungsbezirk „Kabukicho“ auf, nach Hause zu gehen. 
Foto: dpa/Eugene Hoshiko

Wer all das beherzigt hat, der schloss schon vor Ausbruch der Corona-Krise zumindest ein Stück weit zum globalen Schlafdurchschnitt auf. Könnten nun auch diejenigen, die bisher ihre Tage und Nächte unermüdlich mit wenig Ruhe verbrachten, endlich aufholen? Es bleibt abzuwarten. Die Japanischlehrerin Azusa Yokota sagt schon: „Mir geht es jetzt viel besser. Am liebsten würde ich jede Nacht noch etwas mehr schlafen.“ In Zukunft wolle sie ihren Alltag so organisieren, dass sie auch in Zeiten, wenn sie wieder durch die tägliche Rushhour muss, mehr schläft.

Allerdings machen auch in der aktuellen Krisenzeit nicht alle Menschen in Japan die neuen Schlaferfahrungen. „Ich kenne Menschen, die hätten jetzt zwar mehr Zeit zu schlafen, aber wegen Zukunftssorgen drücken sie nachts kein Auge zu.“ Hinzu kommen diejenigen, die weiter täglich zur Arbeit fahren, weil sich in ihren Jobs kein Homeoffice ermöglichen lässt. „Aber vielleicht“, sagt Azusa Yokota, „wird bald einfach generell mehr über das Schlafen gesprochen.“ Und nicht nur über das Erschöpftsein.