Ursula M. Staudinger, neue Rektorin der TU Dresden. 
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BerlinAn der Technischen Universität Dresden hat die neue Rektorin Ursula Staudinger ein hierzulande ungewöhnliches Ressort geschaffen, das für „Universitätskultur“ verantwortlich ist. Dazu gehören Themengebiete wie „Diversität“, „Integration“, „Campusleben“ und „Work-Life-Balance“. Mit ihrer Initiative ist die Rektorin, die zuletzt an der renommierten Columbia-Universität in New York gelehrt hat und die Hochschullandschaft der USA gut kennt, der deutschen Entwicklung voraus. Ihr Vorstoß kommt zur rechten Zeit und verdient Nachahmer.

Seit vielen Jahren befassen sich unsere Hochschulen fast schon rituell mit Fragen ihres Wachstums, der Finanzierung und Ausstattung. Das ist richtig, denn ohne auskömmliche materielle Sicherheiten können sie ihre immer vielfältiger gewordenen Aufgaben nicht erfüllen. Umso bedeutsamer aber ist es angesichts einer fast erdrückenden Fülle von Funktionsbereichen, dass die Hochschulen sich ihrer besonderen Rolle im gesell­schaftlichen Ganzen bewusst werden. Dazu gehört auch Klarheit darüber, was sie leisten können, um als Modell für das öffentliche Miteinander in Kommunikation und Austausch zu dienen.

Die an der TU Dresden festgelegten Teilgebiete, die nun dem Rektoratsressort „Universitätskultur“ unterstehen, tragen sämtlich exemplarischen Charakter für die soziale Mission der Hochschulen. „Diversität“ steht für Weltoffenheit, vielfältige Biografien, die Kraft unterschiedlicher Denk- und Wissenschaftstraditionen. Sie wird durch Studierende und Forscher aus der ganzen Welt, durch Menschen mit sehr heterogenen Lebens- und Familienhintergründen geschaffen. „Integration“, das zweite Stichwort, steht für einen Auftrag, den die Hochschulen durch die besondere Organisation ihrer Arbeitsprozesse umsetzen. Forschung funktioniert heute mehr denn je als Teamwork, in offenen, weitgehend hierarchiefreien Gruppen.

Wer, wenn nicht die Hochschulen, kann Menschen mit unterschiedlichsten Biografien und Muttersprachen erfolgreich zusammenführen? Dass dazu auch eine angemessene Work-Life-Balance gehört, muss heute für einen guten Arbeitgeber selbstverständlich sein. Die Hochschulen haben die Chance, diesem Anspruch gerecht zu werden, indem sie trotz des hohen Zeitaufwands, den Wissenschaft verlangt, für eine Gemeinschaft der Kultur, des Sports und des Feierns sorgen, die entsprechenden Ausgleich schafft. Das ist auch im vierten Stichwort angelegt, dem Begriff des „Campuslebens“, der dieses Miteinander als Ausdruck einer besonderen akademischen Lebensform beschreibt.

Damit das Dresdner Ressort und mit ihm der soziale Auftrag der Hochschulen seinen Platz in der Wirklichkeit findet, muss es jenseits ambitionierter Programmatik um alltägliche Praxis gehen. Das ist nicht immer leicht, denn alle vier Leitbegriffe bergen auch Konflikte und Widersprüche: Vielfalt kann Spannungen freisetzen, Integration aufgrund von Gleichgültigkeit und Ignoranz ein Umsetzungsproblem erzeugen, die Work-Life-Balance leeres Versprechen sein, das Miteinander auf dem Campus zur Fiktion geraten. Man sollte allerdings vor solchen Herausforderungen keine Angst haben und die ihnen innewohnenden Aufgaben angehen. Denn es gehört zu einem inhaltlich erfüllten Begriff der Universitätskultur, dass sie im akademischen Alltag auch gegen Widerstände ausgehandelt und gelebt wird.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.