Berlin -  Endlich wieder Regelbetrieb: Von den Eltern herbeigesehnt, aber auch von den Schülern? Herrscht nun Friede, Freude und Eierkuchen? Nein, es ist gar nicht so leicht, sich zu akklimatisieren, sagen die Kollegen aus der Redaktion.

Die berühmte kurze Antwort

Früher, in unserer Kindheit, gab es ein festes Ritual: Das Kind kommt aus der Schule, die Eltern fragen: „Na, wie war’s?“ und das Kind antwortet: „Gut.“ Die Sache war dann meist abgehakt. Heutige Eltern haben aus schlauen Büchern gelernt, die Fragen anders zu stellen, konkreter, damit sie mehr erfahren. So machten wir es auch nach dem ersten Unterrichtstag im Regelbetrieb. Wir fragten: „Habt ihr heute auch gerechnet?“ Immer schön konkret fragen, damit sie nicht mit „gut“ antworten können. „Was gab es zum Mittagessen?“ oder „War es sehr laut mit all den anderen?“ oder „Habt ihr die anderen nach so langer Zeit überhaupt noch erkannt?“ Antworten kamen nicht so richtig. Der Blick des Kindes war eher irritiert oder leicht genervt. Die längste Antwort lautete: „War alles wie immer, war alles gut.“ Das gilt als übliche Jungs-Antwort. Wir wissen auch, dass das Kind die echten Probleme meist ein paar Tage später erzählt. Also mal abwarten. Aber dann erfuhren wir doch noch etwas ganz Wichtiges: Dass das Schmetterlings-Projekt in der Klasse super läuft. Einige Raupen haben sich bereits verpuppt. „Meine auch“, sagte das Kind und strahlte. Geht doch. Jens Blankennagel

Berauscht von der Normalität

Ein strubbeliger Kopf guckt um halb sieben unter der Bettdecke hervor, das Kind springt fröhlich aus den Federn. Kein Maulen, obschon wir im letzten halben Jahr einen komplett anderen Biorhythmus antrainiert haben. Mit Unterrichtsbeginn um elf galt bisher eher Modell Nachteule, jetzt flitzt der frühe Vogel los, um ja der Erste auf dem Schulhof zu sein. Er summt vor Aufregung schon auf dem Weg zur Schule. Werde ich meinen alten Platz wiederbekommen? Wie sind die Freunde in der Klasse 2a drauf, die man lange nur von Weitem gesehen hat? Schreiben wir heute wirklich alle zusammen einen Mathetest? Am Nachmittag dann das große Erzählen. Den Test hat die Lehrerin wohlweislich verschoben, für den nächsten Tag ist erstmal ein Wandertag angesetzt. „Wir sind alle wieder zusammen Essen gegangen“, freut sich das Kind. Was gab es? Vergessen. Vor lauter Jubilieren, dass es wieder einen gemeinsamen Alltag gibt. Ob die Berauschtheit von der neuen Normalität bis zu den Sommerferien anhält? Stefanie Hildebrandt

Geliebter Wechselunterricht  

Viele in seiner Klasse wünschten sich schon den Wechselunterricht zurück, sagt unser 14-jähriger Sohn. Und auch er hatte ihn eigentlich liebgewonnen. Denn nun hat man wieder doppelt so viel Schule, und es fehlen die zwei, drei Tage, an denen man es langsam angehen konnte, viel lesen und vor allem Online-Schach spielen mit Jugendlichen in Indien oder Pakistan. „Zum Glück ist jetzt Notenschluss, da sind die Lehrer entspannter.“ – Unsere neunjährige Tochter fand es in der Schule leider ziemlich laut und ziemlich heiß. Und ehrlich gesagt hatte sie den anderen Teil der Klasse gar nicht so furchtbar vermisst. „In der Pause gab es gleich die erste Rauferei.“ Und dann, mit lachenden Augen und einem Biss in ihr Vollkornbrot, sagt sie: „Vielleicht bekommen wir ja morgen hitzefrei!“ Eva Corino 

Die Wasserschlacht

Wie es in der Schule war? Der achtjährige Sohn strahlt übers ganze Gesicht. „Wir haben heute eine Wasserschlacht gemacht“, erklärt er hochzufrieden, „und dabei auch die Lehrer nass gespritzt.“ In den Heften sei dagegen nicht so viel gearbeitet worden, meint er noch: „Die Lehrerin hat ganz lange über die Aufgaben gesprochen, und ich habe mit meinen Freunden geredet.“ Kurzum, ein gelungener Schultag! Christian Schlüter

Gemischte Gefühle

Gemischte Gefühle. Meine 17-jährige Tochter hatte gemischte Gefühle nach diesem ersten Tag. Sie hatte sich gefreut, alle wiederzusehen. Ihre beste Freundin war während der Wechselunterrichts-Wochen leider in der anderen Gruppe. So oft es ging, haben sie zwar zusammen Homeschooling gemacht. „Aber es war sehr schön, wieder gemeinsam im Unterricht zu sitzen.“  Ansonsten sei es überfüllt und sehr laut gewesen, auch die Busse seien morgens wieder so voll. „Das nervt.“ Schade sei, dass man nicht mehr so oft drangenommen werde wie in den kleineren Gruppen. Da könne man gar nicht so zeigen, wie gut man vorbereitet sei. „Und ich bin müde, weil ich wieder jeden Tag früh aufstehen muss.“ Tobias Miller

Die Abenteuer von Perseus

Kinder sind, wie der Philosoph René Descartes einst Materie beschrieb: eine sich ausdehnende Sache. Und so ist mein Sohn in der Pandemie zwar an Stunden gemessen wenig zur Schule gegangen, aber inzwischen Experte für griechische Mythologie. Anstatt seine Wochenpläne zu erledigen, baute er in ewigen Episoden Lego, während nebenbei Hörspiele zu Perseus und seinen Verstrickungen in der Götterwelt liefen. Als Zweitklässler galt für ihn eine Schonfrist. Seine Lehrerin gab uns schnell zu verstehen, dass ihr vor allem das emotionale Wohl der Kinder wichtig sei. Sie ahnte, wie schwer Homeschooling und Homeoffice bei den meisten Eltern zu vereinbaren waren. Die Pandemie hat sicher Spuren hinterlassen. Als klar war, dass es bald in den Unterricht zurückgehen würde, übte sich mein Sohn in Allüren: Er würde nun gerne immer zu Hause bleiben. Der frühpubertäre Protest war aber schnell vergessen, als er wieder mit allen Mitschülern im Unterricht saß. Katharina Brienne