Berlin - Nach Experten-Schätzungen haben etwa 25 Prozent der Schüler und Schülerinnen in Deutschland mit gewaltigen Lernrückständen zu kämpfen. Eine neue Studie des ifo-Instituts zeigt, dass Schüler in der Krise sich bis zu drei Stunden weniger mit Schule beschäftigten als zuvor. Die Schere zwischen Schülern aus bildungsfernen und bildungsnahen Familien öffne sich immer weiter.  

Am Mittwoch wird das Kabinett jetzt über das Corona-Aufholpaket entscheiden. Eine Milliarde soll für Nachhilfe zur Verfügung stehen, eine weitere Milliarde für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen. Der Bund soll das Geld geben, die Länder befinden, wie sie es ausgeben, sagte ein Sprecher des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Es gibt Anzeichen dafür, dass etliche Länder die Mittel nur an lokale und analoge Nachhilfe-Programme vergeben wollen. Warum, so fragt man sich, nachdem ein Jahr lang über die Digitalisierung der Schulen diskutiert wurde, werden Nachhilfe-Milliarden wieder analog ausgegeben?

Nur ein blasser Schimmer vom Kulturwandel beim digitalen Lernen

Wahrscheinlich, weil es bisher keinen Überblick gibt über das Ökosystem der Lernhilfen im Netz. Am 27. April sprachen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesforschungsministerin Anja Karliczek mit einer Reihe von Persönlichkeiten, die den Kulturwandel im digitalen Lernen verkörpern. Dabei wurde der gute Willen der beiden sichtbar, aber auch, dass sie bisher ein eher undeutliches Bild davon haben, welche Möglichkeiten in den vergangenen Jahren auf dem digitalen Markt entstanden sind und wie sehr sie längst zur Lebenswirklichkeit von Schülern, Eltern und Lehrkräften gehören. „Man konnte den Moment der Erleuchtung bei der Kanzlerin richtig sehen,“ sagt der 25-jährige Alex Giesecke, der die Lernplattform „simpleclub“ gegründet hat. „Als sie ihre Ministerin fragte: Haben wir denn die digitalen Bildungsanbieter wirklich schon auf dem Schirm?“

Deshalb haben sich fünfzehn etablierte EdTech-Unternehmen, Start-ups, Vereine und Verbände zur „Initiative deutscher digitaler Bildungsanbieterzusammengeschlossen, um mehr Gehör bei der Politik zu finden. In einem offenen Brief schreiben sie: „Wir denken, dass ein Förderprogramm zur Lernhilfe so aufgebaut werden sollte, dass alle wichtigen Bereiche, synchrone, wie die klassische Nachhilfe ebenso wie persönliche Förderung/sozialpädagogische Hilfe, als auch asynchrone Hilfen wie Online-Lernhilfen für das Schließen von Wissenslücken in allen Fächern, abgedeckt sind. Aus diesem Grund schlagen wir einen virtuellen runden Tisch vor, bei dem die Bundesregierung und der Kreis der Kultusministerinnen und Kultusminister ihre Überlegungen präsentieren und wir erläutern, wie wir hier kurzfristig unterstützen könnten. Dies sollte aus unserer Sicht unbedingt noch vor den Sommerferien - am besten noch im Mai - stattfinden.“

Klassische Nachhilfe und Online-Angebote können einander ergänzen 

„Es geht also nicht darum, die klassische Nachhilfe gegen die Online-Angebote auszuspielen, sondern den Schülern eine gute Mischung anzubieten,“ sagt Stephan Bayer, Gründer von sofatutor, der die Initiative angeschoben hat. „Man braucht drei Formen: sozialpädagogische Förderung für diejenigen, die keine Lernmotivation mehr haben, fachliche Nachhilfe vor Ort oder online – und die Möglichkeit, bei bestimmten Wissenslücken im Netz nachzufragen, nachzuschlagen und zu üben.“ Bei den letzten beiden Formen könnten die etablierten Edtech-Firmen ihr Potential entfalten.

Einige sind in der Krise schon eingesprungen und haben ihre Dienstleistungen ohne Geld zur Verfügung gestellt. Bei sofatutor zum Beispiel konnten die Lehrkräfte kostenlos auf 11.000 hochwertige Lernvideos zugreifen und diese mit ihren Schülern teilen – und jeder vierte deutsche Lehrer hat im Lockdown so einen Teil seines Digitalunterrichts bestritten.

„Ich will jetzt nicht den Samariter spielen. Aber ich glaube, dass wir in der Krise einen wertvollen Beitrag geleistet haben. Und deshalb befremdet es mich, dass wir bis jetzt in den politischen Überlegungen überhaupt nicht vorkommen.“