Neue Gebäude und ein sanierter Ruf: Nicht nur die Kids sind heute stolz auf den „Campus Rütli“.
Foto:  Gerd Engelsmann

BerlinNatürlich ist er da, und natürlich stiehlt er allen die Show: Was wäre ein Festakt auf dem Campus Rütli ohne Heinz Buschkowsky? Schließlich war für die Einweihungsfeier der drei Neubauten im Neuköllner Reuterkiez am Donnerstagmittag „prominente Beteiligung“ angekündigt worden. Dass Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin mit Ambitionen auf das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, und Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sich entschuldigen lassen mussten, war dann gar nicht mehr so schlimm. Als in der Sporthalle alle Reden gesprochen waren und die Festgesellschaft auf dem Hauptplatz vor dem größten der drei cremefarbenen Flachdach-Neubauten stand, richteten sich alle Kameras erst mal auf den Mann.

72 Jahre alt ist der ehemalige SPD-Bürgermeister von Neukölln jetzt, und an der bombastischen Erfolgsgeschichte, die diese Woche hier fortgeschrieben wurde, hat er einen entscheidenden Anteil. Trotzdem ist Buschkowsky an diesem Donnerstag etwas grummelig: „Schöne Reden wurden hier gehalten“, sagt er, „aber das hier ist doch kein Schulprojekt, sondern ein Integrationsprojekt!“

Nach dem Schulbau ist vor dem Schulbau

Der aktuellen Senatsverwaltung, am Donnerstag vertreten durch den frischgebackenen Bausenator Sebastian Scheel (Linke) und Scheeres’ Staatssekretärin Sigrid Klebba, muss wohl allerdings nachgesehen werden, wenn sie sich über einen Erfolg in Sachen Schulneubau freut. Denn wie prekär die Gesamtsituation in Berlin ist, zeigt sich sogar hier: 32 Millionen Euro aus Bezirks- und Landesmitteln sind in die Errichtung der neuen Gebäude auf dem Campus Rütli geflossen – doch der Platz reicht immer noch nicht.

Nach einer minutenlangen Dankesrede an all die Funktionsträger aus Land, Bezirk und den Stiftungen, die „Rütli“ mit vereinten Kräften von der bundesweit bekannten Brennpunktschule zum Leuchtturmprojekt gemacht haben, sagt Schulleiterin Cordula Heckmann angelegentlich: „Die Grundstufe muss leider immer noch darauf warten, in vernünftig große und pädagogisch angemessene Räume zu ziehen.“ Wann dieses Warten ein Ende haben wird, fragte die Berliner Zeitung den Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU). Die lakonische Antwort: „Wenn wieder Geld da ist.“

Es könnte also besser sein, aber das könnte es immer in Berlin. Heute kann man sich mal freuen, und das tun all die festlich gekleideten Menschen hier auch ganz zu Recht. Bei der Vorstellung, dass man hier mal sein Abitur machen könnte, „hätte man uns vor 14 Jahren noch gesagt, dass wir uns mal beruhigen sollen“, sagt Heinz Buschkowsky, dann doch sehr zufrieden. 2006 schrieben Lehrerinnen und Lehrer einen Brandbrief, der durch die Bundesrepublik ging, beklagten kaputte Strukturen und gewaltbereite Schüler, von denen sie bedroht würden, und forderten die Auflösung der Rütli-Schule.

Der ehemalige Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky bei der feierlichen Einweihung auf dem Campus Rütli.
Foto: Gerd Engelsmann

Eine „Ausländer-Resteschule“ (Buschkowsky) war das damals, die „von der Polizei regelmäßiger besucht wurde als von ihren Schülern“ (auch Buschkowsky). Heute: Durch die Zusammenlegung der damaligen Hauptschule mit der Heinrich-Heine-Realschule und einer Grundschule ist der Campus Rütli eine boomende Gemeinschaftsschule mit schickem Logo und gymnasialer Oberstufe, die bei der Schulplatzvergabe übernachgefragt ist. Und in der sie darauf achten, dass ihre Schülerinnen und Schüler sich wertgeschätzt fühlen – wer will, kann hier als zweite Fremdsprache bis zum Abi Arabisch oder Türkisch belegen. Auch zwei Kitas sind Teil des Campus Rütli.

Wie schafft man so etwas? Christina Rau, Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, hat 2006 die Schirmherrschaft über die Schule übernommen, nachdem Buschkowsky ihr bei einem Spaziergang über das Gelände der Rütli-Schule seine Vision von einer neuen Schule erzählt hat. Von einer staatlichen Präsenz, die von den Neuköllnern nicht abgelehnt, sondern als Teil ihres Lebens und Zukunftschance für ihre Kinder akzeptiert wird. Sie habe sofort eingeschlagen, sagt Rau, und sich gemeinsam mit Dieter Rosenkranz und seiner Stiftung Zukunft Berlin an die Umsetzung dieser Vision gemacht. Ihr Leitmotiv jedes Mal, wenn sie an die Schule zurückkommt, weil es wieder irgendwo klemmt, ist das gleiche wie 2006: „Um Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden“, sagt Rau, „müssen wir weniger in Zuständigkeiten denken, und mehr in Verantwortungen.“