Lehrer erhalten für ihre Arbeit oft wenig Feedback. 
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BerlinBerliner Schüler haben ab sofort wieder eine Möglichkeit, ihre Lehrer zu bewerten – anonym und online. Denn am Freitag hat der 17-jährige Schüler Benjamin Hadrigan aus Wien die von ihm entwickelte App „Lernsieg“ herausgebracht. Das Prinzip der App: Schüler im deutschsprachigen Raum können Profile für Schulen, aber auch einzelne Lehrer anlegen, sie in Kategorien bewerten und einen bis fünf Sterne vergeben.

Bei Lehrern heißen diese Kategorien zum Beispiel: Unterricht, Fairness, Respekt, Geduld, Durchsetzungsfähigkeit, Pünktlichkeit. Die Bewertung ist anonym möglich, Interessierte müssen sich lediglich vorher mit ihrer Telefonnummer in der App verifizieren. Bedeutet: Auch Unbekannte, die gar nicht auf die besagte Schule gehen oder die Lehrer gar nicht kennen, können sie beurteilen. Ähnliche anonyme Angebote hatten in der Vergangenheit massive Probleme.

Die Plattform Spickmich war von 2007 bis 2014 als Lehrerbewertungsportal extrem erfolgreich. Gegründet von drei Kölner Studenten hatte die Webseite bald 1,6 Millionen Nutzer. Lehrer klagten mehrfach, unter anderem wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte und Datenschutzverstößen. Der Bundesgerichtshof entschied 2009, dass anonyme Lehrerbewertungen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Lehrerschaft soll durch Bewertung motiviert werden 

Spickmich durfte offiziell also weitermachen. 2014 wurde der Betrieb ohne offizielle Begründung eingestellt. Vermutet wird, dass ein Grund für das Ende die vielen Frust-Bewertungen und beleidigenden und vulgären Kommentaren waren.  Mit der neuen App „Lernsieg“ verfolgt Gründer Hadrigan nach eigener Aussage andere Ziele.

„Es gibt wahnsinnig engagierte Lehrer an meiner Schule, die leisten wahnsinnig viel“, sagt der 17-Jährige der Berliner Zeitung. Aber sie würden für ihre Arbeit nie Feedback erhalten. Viel mehr habe die „Bezahlung nach Alterspyramide“ die Folge, dass engagierte, junge Lehrer benachteiligt würden.

Ich habe keine Vernichtungsplattform gebaut, das ist nicht meine Intention.

Benjamin Hadrigan, App-Entwickler

Hadrigan will die Lehrerschaft mit seiner App nun neu motivieren. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man eine bessere Leistung erbringt, wenn man direkt Feedback bekommt – egal, ob positiv oder negativ.“  

Er selbst geht nicht mehr in die Schule. Er ist Externist – ein besonderes Lernkonzept in Österreich, bei dem Schüler sich bei Hausunterricht auf Prüfungen vorbereiten. Er lehne die Schule nicht ab, versichert er. Er habe lediglich so viele andere Projekte: Im März hat er ein Buch herausgebracht, das ebenfalls „Lernsieg“ heißt. Darin erklärt Hadrigan, dem früher Legasthenie und ADHS attestiert wurden, wie er mit dem Einsatz von sozialen Medien wie Youtube, Instagram, Twitter & Co. zum Einserschüler wurde.

Berliner Senatsverwaltung sieht App kritisch 

Nebenher gründete er ein Modelabel. Die App ist sein jüngstes Projekt – und zumindest aus der Wirtschaft erhielt er rasch extrem positives Feedback: Nach eigener Aussage hat er von Investoren einen „sechsstelligen Betrag“ für die Entwicklung der App eingesammelt. Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung sieht die App kritisch. Aussagekraft und Nutzen seien gering, weil offenbar jeder Nutzer „nach Lust und Laune“ Sterne vergeben könne.

Man befürworte einen offenen Dialog und Feedback-Kultur, Lehrer seien in Berlin dazu verpflichtet, sich von der Schülerschaft evaluieren zu lassen. Allerdings sollte das in einem „positiven und wertschätzenden Umgang innerhalb der Schulgemeinschaft“ erfolgen. Es drohe die Gefahr, dass eine externe App „unsachlichen Bewertungen“ Vorschub leiste. „Das dürfte der Akzeptanz von Evaluationsprozessen durch Lehrkräfte insgesamt schaden“, heißt es.