BerlinWir laufen durch den Kiez in Moabit, den Christian Hanne seit zehn Jahren mit seiner Familie bewohnt. Vorbei an Dönerläden und den Auslagen mit roten Granatäpfeln, die bei den türkischen Gemüsehändlern gerade im Angebot sind. Als die Dezemberkälte in unsere Schuhe und Mäntel kriecht, gehen wir ein paar Stufen hinauf in eine gemütliche Wohnküche. Christian Hanne kocht Kaffee, während wir streng maskiert über die neue Vaterschaft diskutieren.

Herr Hanne, sind Sie ein Elternzeitpionier? Sie haben Elternzeit gemacht, als das Format noch gar nicht erfunden war.

Die Elternzeit mit meinem Sohn 2006 lag wenige Monate vor der Einführung des Elterngeldes durch Ursula von der Leyen.

Was hat Sie dazu getrieben?

Ich wollte nicht, dass mein Sohn später sagt: „Papa? Das war doch der Mann, der sonntags mit uns gefrühstückt hat!“ Aber ich hatte auch andere Gründe: Die Stimmung im Büro war damals nur semi-gut und die Projekte nur semi-spannend. Das war ein guter Zeitpunkt, für ein paar Monate Laptop und Präsentationen gegen Fläschchen und Rassel zu tauschen.

Sie haben zu dieser Zeit bei einer großen internationalen PR-Agentur gearbeitet. Wie waren die Reaktionen?

Mein Chef fragte mich damals, ob ich mir das gut überlegt habe. Nach dem Motto: Den ganzen Tag mit einem Baby, könne ja langweilig sein. Ich dachte, das Gleiche gilt für die Arbeit im Büro, hielt mich aber zurück. Man soll nicht immer sagen, was man denkt.

Ich sehe schon, Sie neigen nicht dazu, die Welt der Lohnarbeit zu idealisieren – und eine 60-Stunden-Woche als das ultimative Selbstverwirklichungsprojekt zu stilisieren.

Da ich aber trotzdem Geld verdienen muss, habe ich mich inzwischen als Kommunikationsberater selbstständig gemacht und arbeite nur noch vier Tage die Woche. So habe ich mehr Zeit für die Familie und das Schreiben.

Über das Bloggen sind Sie zum Bücherschreiben gekommen: Witzige Short Stories und Ratgeber über die Gründerjahre der Familie. Ist die Vaterschaft der Fluchtpunkt Ihres Schreibens?

Ich habe nicht genügend Phantasie, um mir etwas auszudenken, da bot es sich an, das Familienleben auszuschlachten.

Und Ihre Familie hat das ausgehalten?

Anscheinend schon. Zumindest reden sie noch mit mir.

Ein wichtiger Gedanke bei der neuen Vaterschaft ist ja: Dass die Beziehungen zwischen Vätern und ihren Kindern viel inniger werden, wenn sie auch die praktischen Tätigkeiten übernehmen, die zur Fürsorge dazugehören: Wenn sie Brote schmieren, Strümpfe waschen und Rituale erfinden können, die die Kinder durch ihren Tag tragen. Würden Sie das unterschreiben?

Ja, unbedingt. Ich glaube schon, dass ich eine größere Nähe habe zu den Kindern – weil ich sie, als sie klein waren, auch gewickelt, gefüttert und angezogen habe. Außerdem ist es gut, wenn du auch alleine in der Lage bist, dich um Kinder und Haushalt zu kümmern.

Wenn man nicht immer nur Back-up ist für die Mutter.

Genau, du solltest dich nicht damit begnügen, deine Frau bei häuslichen Dingen zu „unterstützen“. Also immer zu warten, bis die Frau dir sagt, was du tun sollst. Ich finde das entwürdigend. Für beide. Und das ist ja auch eigentlich der Clou bei dieser Mental-Load-Debatte: Wahre Entlastung geschieht, wenn die Männer nicht nur mitmachen, sondern auch mitdenken.

Es gibt ja die Rede vom „Maternal Gatekeeping“ – das beschreibt Mütter, die immer einfordern, dass die Väter sich zu Hause engagieren, aber dann doch nicht loslassen wollen, und ihre Domäne als Mutter und Göttin des Hauses mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Das kommt vor, aber häufig ist das eine Schutzbehauptung der Männer. Warum sollte jemand, der sich im Beruf durchsetzt und Aufgaben an sich zieht, zu Hause nicht durchsetzen können, dass er Windeln wechselt oder das Kind ins Bett bringt.

Sie reden so, wie Mütter heute wollen, dass Väter reden. Ist irgendwie ein seltsames Gefühl.

An guten Tagen handele ich sogar so, wie ich rede. Abgesehen davon, dass das ein Gebot der Fairness gegenüber meiner Frau ist, habe ich auch hier ganz egoistische Gründe. Erstens will ich nicht allein für das Haushaltseinkommen verantwortlich sein, und zweitens, wenn ich nicht auf Teufel komm raus Karriere mache, senke ich mein Burn-out- und Herzinfarktrisiko.

Warum ist es immer noch so selten, dass Paare sich die Familienarbeit fünfzig-fünfzig aufteilen?

Männer sind vielleicht von Anfang an unsicher mit dem Kind und denken, die Frauen wissen auf natürliche Art und Weise, wie sie mit dem Kind umgehen müssen. Was nicht stimmt, weil die am Anfang auch keine Ahnung haben.

Ich verstehe, dass unsere Generation sich so obsessiv mit den Fragen des Lastenausgleichs auseinandersetzt. Gleichzeitig finde ich es schade, dass mehr über die Entlastung der Mutter als über die genuine Beziehung des Vaters zu seinen Kindern nachgedacht wird. Was braucht man, um ein guter Vater zu sein?

Zeit, um sich den Kindern wirklich zuzuwenden und eine Beziehung aufzubauen. Er sollte die Kinder außerdem bedingungslos lieben, unabhängig davon, ob sie bestimmte Leistungen erbringen. Sie sollen ja keine Miniaturausgaben von dir selbst sein oder deine eigenen unerfüllten Träume verwirklichen. Sie sollen ihre eigenen Interessen entwickeln und ihren eigenen Weg gehen.

Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Zur Person: 

Christian Hanne wurde durch seinen Blog Familienbetrieb.de bekannt. Jeden Freitag kuratiert er den witzigsten Familientweet der Woche. Er ist Autor von vier Büchern, Ratgebern und Humoresken, die von den Fallstricken der modernen Vaterschaft handeln und von den anstrengenden, aber auch heldenhaften Zeiten der Familiengründung. Im Herbst ist sein Buch „Papa braucht ein Fläschchen: Überlebenstipps für das erste Jahr als Vater“ erschienen. Hanne ist Kommunikationsberater, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Muss ein moderner Vater seine Kinder auch herausfordern? Brauchen wir vielleicht eine neue Ritterlichkeit?

Wie meinen Sie das?

Unsere Söhne haben in einem bestimmten Alter sehr gerne die Geschichten von J.R.R. Tolkien gelesen oder die Erzählungen der Ritter, die am Hof von König Artus spielen. Und ich glaube, was sie daran fasziniert hat, war, dass die Figuren dort echte Helden waren: Es ging um Mut, Tapferkeit und den Kampf für das Gute. Ich habe den Eindruck, dass diese Tugenden in unserer Gesellschaft inzwischen abgewertet werden.

Ich bin da kein Experte, aber Ritter waren ja auch an den Kreuzzügen mit zehntausenden Toten beteiligt. Das macht sie als Role Model für mich eher ungeeignet.

Aber wollen Sie nicht, dass Ihre Kinder mutig sind und sich für Schwächere einsetzen?

Schon, aber es kann auch eine Nummer kleiner als die Heldentat sein. Wenn zum Beispiel in der Klasse gemobbt wird, würde ich von meinen Kindern selbstverständlich verlangen, nicht mitzumobben, aber nicht, dass sie sich den Mobbern entgegenstellen.

Aber ist das nicht zu wenig? Ich glaube, dass unsere Jugendlichen im Moment fast darunter leiden, dass wir zu wenig von ihnen erwarten. Keine großen Dinge, die auch große Anstrengungen bedeuten. Keine Mithilfe zu Hause, kein soziales Engagement, keine Suche nach Abenteuern und neuen geistigen Welten. Ich denke, ihnen muss das Gefühl gegeben werden, dass sie aus ihrem Leben, ihren Begabungen etwas machen.

Auf jeden Fall sollten wir unseren Kindern nicht sämtliche Steine aus dem Weg räumen. Aber es gibt auch durchaus hohe Erwartungen an Jugendliche. Allerdings eher im schulischen Bereich und bei Sport oder Musik. Ihr soziales Engagement suchen sie sich anscheinend selbst. Immerhin sind es vorwiegend junge Menschen, die gegen die Klimakatastrophe oder gegen Rassismus auf die Straße gehen.

Ihre Kinder sind 14 und 17 und auf dem Sprung zum Erwachsenwerden. Was wäre für Sie ein Erziehungserfolg?

Wenn meine Kinder sich ihrer Privilegien bewusst sind und empathisch durchs Leben gehen.

Was wäre eine Niederlage?

Wenn sie AfD wählen.


Christian Hanne ist unser Blogger des Monats: Die Berliner Zeitung lädt kreative Netz-Persönlichkeiten ein, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Texten vorzustellen.