Das Arbeiten wird belohnt, nicht nur mit Barem, sondern auch vom niederländischem Gott. 
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Berlin Wie geht es Ihnen?  Falls Sie nun reflexartig „gut“ oder „muss ja“ antworten würden, sind Sie wahrscheinlich Berliner. Ich halte das auch für eine völlig adäquate Antwort. Frage ich hier in Amsterdam jemanden, wie es ihm geht, antworten mir Niederländer häufig „druk“, was so viel bedeutet wie „beschäftigt“, was ich wiederum recht bescheuert finde. 

Als ich nach Amsterdam gezogen bin, wusste ich meistens nicht so recht, was ich mit der Auskunft anfangen soll. Ist es unter diesen Umständen nicht sogar unverschämt, wenn ich diesen schwer beschäftigten Niederländer nun frage, ob wir gemeinsamen einen Kaffee trinken wollen?

In den Niederlanden ist es nämlich so: Die vorherrschende Glaubensrichtung ist der Calvinismus. Nach dieser Lehre belohnt Gott – etwas verkürzt zusammengefasst – die Schäfchen, die er am meisten liebt, mit barem Geld. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, wird  von Gott am meisten geliebt, und – so viel kann ich schon mal verraten – einen Geisteswissenschaftler wie mich liebt der niederländische Gott anscheinend nicht ganz so heiß und innig, nun ja.

Freizeit genießen ist verpönt

Ein Niederländer, der mir mitteilt, dass er beschäftigt ist, sagt mir also nicht nur, dass es ihm gut geht, sondern auch, dass er eigentlich gar nichts dafür kann, dass es ihm so verdammt gut geht. Im Grunde hat Gott ihm aus purer Liebe all die wichtigen Aufgaben aufgetragen und da soll er mit mir Kaffee trinken gehen? Das glaube ich doch wohl selbst nicht. Ohnehin ist es hier etwas verpönt, seine Freizeit in vollen Zügen zu genießen.

Kürzlich war ich mit einem Freund an einem Sonnabendabend in der Stadt, als mir auffiel, dass ein Kneipenabend mit Niederländern immer auch ein bisschen Cape Canaveral ist: In regelmäßigen Abständen vergewissert sich meine Begleitung in einer Art Countdown, wie viel Zeit noch bis zum Montagmorgen vergeht, wie groß der zu erwartende Kater nach wie viel Getränken sein wird und ob er ihn in der verbleibenden Zeit noch wird bewältigen können.

Ich bin betrunken ziemlich schlecht in Mathe, aber was ich verstanden habe, ist, dass das Wochenende hier eigentlich eher ein Wochenanfang ist: Sonnabend und Sonntag verbringt man damit, sich zu sorgen, wie es einem am Montag gehen wird. Die Feste feiert man hier unterdessen, wie sie fallen – sie fallen bloß einfach nicht so oft.

Der niederländische Gott hält nicht viel von Faulenzerei

Zwar gibt es über das Jahr verteilt elf gesetzliche Feiertage in den Niederlanden, der Gesetzgeber findet aber, dass man Karfreitag und den Befreiungstag am 5. Mai auch im Büro gebührend feierlich begehen kann, Jesus hat schließlich auch noch den ganzen Tag Blinden das Augenlicht zurückgegeben und aus Wasser Wein gemacht, bevor er nach Feierabend ans Kreuz genagelt wurde.

Seit der Einführung des Feiertags am Internationalen Frauentag haben Berliner, die im bundesdeutschen Vergleich ja auch nicht gerade für einen prall gefüllten Feiertagskalender bekannt sind, also einen Tag mehr frei. Das freut mich für Sie, liebe Leserinnen und Leser, aber Sie können sich sicherlich schon denken, was der niederländische Gott von so viel Faulenzerei hält.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde geschrieben, dass die Niederländer vier Tage weniger Urlaub haben als die Deutschen. Richtig ist aber, dass bei einer 40-Stunden-Woche die Anzahl der Urlaubstage identisch sind. Und der 5. Mai wird als Tag der Befreiung gefeiert, nicht der 4. (Volkstrauertag). Wir haben die Passage korrigiert.