Sabine Rennefanz. 
Foto: T. Seelinger/Imago

BerlinDer Freund meines Sohnes heißt Özcan. Özcan wohnt in Prenzlauer Berg, seine Mutter ist im Wedding geboren, sein Vater stammt aus der Türkei. Özcan, ein Experte für PJ Masks und Ninjago, ist das einzige türkische Kind in der Kita-Gruppe. Als er zum fünften Geburtstag meines Sohnes eingeladen war, kam er im kompletten Deutschland-Outfit der Fußballnationalmannschaft. Vielleicht dachte er, dass man das so macht, wenn man bei Deutschen eingeladen ist. Es war das erste Mal, dass er zu einem Kindergeburtstag eingeladen worden war, erzählte seine Mutter hinterher.

Acht Wochen ist es her, dass die Jungs sich das letzte Mal gesehen haben. „Kommt Özcan auch“, fragte mein Sohn, als ich ihm vor einigen Tagen sagte, dass er wieder in die Kita gehen würde. Zur Notbetreuung. Meine Tochter wollte am ersten Tag am liebsten schon um sechs Uhr morgens los. Sie hatte ihre Freundin Bria zuletzt sehr vermisst.

Mein Mann und ich arbeiten beide in den Medien, hatten aber dennoch gezögert, ob wir die Notbetreuung in Anspruch nehmen sollen. Setzen wir die Gesundheit unserer Kinder aufs Spiel? Unsere eigene? Und die der Erzieherinnen?

Am Anfang der Epidemie war alles klarer, eindeutiger. #StayHome war das Motto. Inzwischen hat sich etwas geändert, alle sind ungeduldig geworden. Am selben Tag, an dem Kanzlerin Angela Merkel davor warnte, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen, verkündete Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, dass die Spielplätze öffnen und dass die Ein-Eltern-Regelung für systemrelevante Beruf enorm ausgedehnt wird. Was ist richtig? Jeder muss jetzt für sich entscheiden, welches Risiko er eingehen will. Die Verantwortung wird an die Eltern und das Kitapersonal weitergegeben. Man könnte auch sagen: Sie werden allein gelassen.

In der ersten Woche, in der wir unsere Kinder wieder in die Kita schickten, waren nur etwa zwanzig, dreißig Kinder da, von sonst mehr als 200. Sie sind jetzt in zwei Gruppen auf zwei Haushälften aufgeteilt. Die Kinder treffen ihre Erzieher wieder, großes Hallo. Die meisten ihrer Freunde sind nicht da, Özcan auch nicht. Mein Sohn ist enttäuscht, gewöhnt sich aber schnell ein. Mir fiel auf, dass ich nie darüber nachgedacht habe, was die Eltern von Özcan beruflich machen.

Ich sage es nicht gerne, aber natürlich ist die Notbetreuung auch ein Privileg. Es ist so eine Zwei-Klassengesellschaft entstanden. Da sind die einen, die systemrelevant sind, also wichtig genug, um entlastet zu werden. Und dann sind da die anderen. Eltern von Kinder wie Özcan, die sowieso schon in der Entwicklung Jahre zurückliegen und die durch die Schließung weiter zurückgeworfen werden. Özcans Eltern leben von Hartz IV, zu Hause wird nur Türkisch gesprochen, Deutsch hat ihr Sohn in der Kita gelernt. „Wann kommt Özcan wieder“, fragt mein Sohn. Ich schreibe seiner Mutter eine Nachricht, um zu fragen, wie es geht.

In der nächsten Woche werden wieder sehr viel mehr Kinder in der Kita sein. Es gibt neue Regeln. Die Eltern sollen den Kindern vor der Übergabe die Hände waschen. Kinder mit Husten und Schnupfen werden nicht angenommen, weil die Symptome zu sehr denen von Corona ähneln. Özcans Mutter hat nicht geantwortet.