Nuni sucht das Abenteuer.
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Hätte die kleine Nuni nur auf die Enten gehört. Mit aufgeregtem Flügelschlagen versuchen sie, Nuni davon abzuhalten, ans andere Ufer des Murmelbaches zu klettern, um ein bisschen spazieren zu gehen und dann sogar in ein fremdes Auto zu steigen. Denn der böse Mann fährt sie weit weg und von dem Moment an, als er sie erbost aus dem Wagen wirft, ist ihr Heimweg schier endlos geworden.

Meine Tochter war vielleicht zehn, deutlich älter jedenfalls als Nuni, als ich begann, ihr die Geschichte der kleinen Weltentdeckerin vorzulesen, geschrieben von Fritz Mühlenweg („Großer Tiger und Christian“), der selbst in den 1920er und 30er Jahren ein großer Weltentdecker war. Sie war alt genug, um mit mir zusammen Freude an der eigenwillig tiefen Klugheit des Buches zu haben, und an Nunis vielen überraschenden Begegnungen und Konversationen.

Am Großen Zaun will der Specht sie nicht durchlassen. „Weitergehen gibt es nicht, sagte er. Der Zaun hat keine Tür. Hier ist die Welt zu Ende … Als Nuni das hörte, begann sie zu weinen. Warum weinst du, fragte der Specht. Man muss doch nicht weinen, weil es etwas gibt, das man nicht weiß.“ Rabe und Eule wollen helfen, aber echte Hilfe kommt erst als Nuni den Nordstern erreicht, der ihr ein Kärtchen mit den „Spielregeln“ mitgibt. OHNE MICH GEHT ES NICHT, schreibt er ihr in Druckbuchstaben auf. „Achte darauf, dass du mich stets im Rücken hast“, fügt er hinzu, und Nuni fühlt sich weniger allein.

Wir lasen „Nuni“ noch einmal, als meine Tochter kurz davor stand, für ein freiwilliges soziales Jahr ins Ausland zu gehen. Und kamen genau bis zum Nordstern. Dass auch Schwan und Großer Bär sie weitertragen werden, dass der Löwe sie sogar bis zur Wüste Alltag bringt, hatten wir beide schon vergessen. Aber dann wurde meine Tochter im Ausland krank und wochenlang nicht richtig gesund. „Kannst du mir Nuni vorlesen?“, fragte sie eines Abends am Telefon.

Nun ist sie, coronabedingt, wieder zuhause. Wir sind mit „Nuni“ noch nicht wieder durch. Wir sind, zugegeben, langsam, und noch lange nicht an der Stelle, als Nuni feststellt: „Es ist schwer, nach Hause zu kommen … Ich hätte nicht gedacht, dass ein Kind, das nach Hause kommt, so langsam geht oder dass es stehen bleiben muss. Ich sollte ein mutiges Herz haben … der Schwan hat es gesagt.“

Nein, da sind wir noch nicht. Aber vielleicht ist „Nuni“ auch einfach ein Buch, das einen durchs Leben begleitet, also müssen wir uns nicht beeilen. Was trotzdem schon klar ist: Wie gut, dass Nuni nicht auf die Enten gehört hat.

Fritz Mühlenweg, Nuni. Libelle Verlag, 40 S. Dies Buch ist momentan nur antiquarisch zu haben.