Am Gehalt liegt es nicht - über die tieferen Gründe des Lehrermangels

Die neue OECD-Bildungsstudie zeigt, dass deutsche Lehrkräfte im internationalen Vergleich zu den Spitzenverdienern gehören. Was macht den Lehrerberuf so unattraktiv?

Finanziell sei der Lehrerberuf in Deutschland nach wie vor attraktiv, intellektuell leider nicht mehr, sagt Bildungsforscher Schleicher.
Finanziell sei der Lehrerberuf in Deutschland nach wie vor attraktiv, intellektuell leider nicht mehr, sagt Bildungsforscher Schleicher.dpa/Marijan Murat

Der Bildungsforscher Andreas Schleicher hat die neue OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ vorgestellt. Eine Erkenntnis darin: Die Durchschnittsgehälter von deutschen Lehrkräften des Sekundarbereichs 1 sind mehr als doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt.

Mit Blick auf den dramatischen Lehrermangel in Deutschland sagte Schleicher, finanziell sei der Lehrerberuf in unserem Land nach wie vor attraktiv, intellektuell leider nicht mehr.

Für Schleicher gibt es drei wichtige Fragen, die man an das schulische Umfeld stellen muss: Haben die Lehrkräfte genug Zeit im Team für gemeinsame Vorbereitung und kontinuierliche Schulentwicklung? Haben sie genug Zeit, um Kinder auf ihrem individuellen Weg zu begleiten und zu fördern? Und bekommen sie genug Möglichkeiten für Aufstieg und persönliche Weiterentwicklung?

Bildungssysteme, die diese drei Fragen mit Ja beantworten können, haben gute Chancen im Wettbewerb um die besten Talente – selbst dann, wenn sie ihre Lehrkräfte nicht so gut bezahlen wie das deutsche. Das gilt zum Beispiel für das finnische System, wo trotz einer bescheidenen Entlohnung acht Bewerber auf jeden Studienplatz kommen.

Die Ausbildung der Lehrkräfte dauert hierzulande mit sechseinhalb Jahren deutlich länger als in vielen OECD-Staaten. In Deutschland braucht man Bachelor, Master und Referendariat, bevor man vor eine Klasse treten darf; in der Ukraine beispielsweise reicht ein Bachelor für den Einstieg. Schleicher lobte die lange Ausbildung als solide, kritisierte aber den späten Praxisbezug.

Da kann man von den nordischen Ländern lernen: Dort verbringen die Studenten das zweite Studienjahr schon weitgehend in der Schule und im engen Austausch mit erfahrenen Kollegen. So müssen sie sich früh in der Praxis bewähren und können zugleich herausfinden, ob der Lehrerberuf für sie wirklich das Richtige ist.

In Deutschland müsste man ebenfalls anfangen, die Lehrerausbildung mehr dual zu denken.