Der Dachs Dan ist ein tapferer Bursche.
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Wenn man den ganzen Tag mit Buchstaben und Texten zu tun hat, Fehler abflöht, Sätze stutzt, Gedanken begradigt oder lieber krumm lässt, ist es angebracht, abends einen Gang rauszunehmen und beim Lesen das innere Fenster aufzukurbeln. So als verließe man die Autobahn und hätte nur noch ein kurzes Stück Wegs vor sich auf einem Holpersträßchen zwischen Feldern durch den Sommer. Gut, wenn es dann auch was zu entdecken gibt.

Beim Vorlesen ist das Innehalten die halbe Miete. Bitte keine leeren Kunstpausen, mit denen mancher altgediente Schauspielerbeamte sparsam seine Karriere verwaltet. Es geht darum, das Geheimnis eines Satzes nur Stück für Stück zu enthüllen und den Hörern Gelegenheit zu geben, die in den Worten aufgehobenen Bilder zusammenzusetzen. Das macht umso mehr Freude, wenn sich diese Bilder nicht einfach und schnell mit dem schon aufgehäuften Klischeeprogramm abgleichen lassen, sondern sich von diesem absetzen.

So ein Satz zum Beispiel: „Das Lächeln des Fremden war so weiß wie ein Eisbärenhintern und fast zu breit für sein Gesicht.“ Er stammt A.L. Kennedys schrägem, dichtem Kinderbuchdebüt: „Onkel Stan und Dan“ (von dem es auch schon wieder zwei Teile gibt). Dan ist ein Dachs mit kleinen, aber formschönen Beinen, Onkel Stan ist nett und sehr ungewöhnlich, ein Haufen Lamas mit exotischen Namen ist falschen Versprechungen gefolgt und steht nun im Regen und in Gefahr, früher oder später zu Pasteten und Lederwaren verarbeitet zu werden. Aber wer wird denn vorauseilen.

Mit so einem Satz, in dem die Kategorien durcheinanderpurzeln und bei aller Unlogik doch ein Bild entsteht, das sich fast von selbst materialisiert (und sich im Verlauf der Geschichte bestätigt), könnte man einen ganzen Vorleseabend bestreiten. Umso schöner ist, dass Gemma Correll mit einer ihrer sehr einfach gehaltenen Zeichnungen beispringt. Mit einer Illustration, die eben nicht das weiße breite Grinsen im Gesicht eines Fremden vorführt, sondern einen Eisbären. Mit der schön überflüssigen Beschriftung „Eisbär (weiß)“ und einem Pfeil, der etwas unpräzise, aber umso tautologischer auf das Ende des Eisbären zeigt: „Eisbärenhintern (sehr weiß)“. Innehalten muss man auch, um den Blick des Tiers zu kontern, der direkt ins Auge des Betrachters trifft und deutlich macht, dass ihm die Situation nicht sehr angenehm ist, mitsamt dem Hintern so vorgeführt zu werden.

Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Ebene sich meine Töchter über das Vorgelesene amüsiert haben, wohl aber auch über ihren Vater und sein eisbärenhinternbreites Grinsen. Es ist entscheidend, dass auch er seine Freude hat. Schließlich ist er beim Vorlesen das eine oder andere Mal auch schon eingeschlafen.

A.L. Kennedy: Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer: Band 1, Onkel Stan und Dan und das ungeheuerlich ungewöhnliche Abenteuer: Band 2. Orell Füssli, 192 u. 271 S., 14,95 Euro.