Außer Atem steigt sie aus dem Auto. Gleich mehrere Paare hätten an diesem Nachmittag unangemeldet vor der Tür gestanden, berichtet Paartherapeutin und Mediatorin Nadja von Saldern, die zusammen mit ihrem Mann Clemens von Saldern, Paartherapeut und Psychobiologe, eine Praxis in Berlin und Potsdam-Babelsberg betreibt. „Ich konnte sie ja nicht wegschicken.“ Erstmal durchatmen also. Der Bedarf an Beratung und Therapie sei gerade enorm. „Wo man vorher sechs Wochen auf ein Erstgespräch warten musste, sind es jetzt drei Monate“, stellt von Saldern fest.

Verena Hausmann, Paar- und Familientherapeutin in München, berichtet dasselbe: „Ich werde gerade sehr oft über meine Homepage angefragt, sowohl für Paar- als auch für Einzeltherapie. Auch von Kolleginnen und Kollegen höre ich, dass alle bis zum Anschlag voll sind mit Anfragen und Arbeit.“ –  Was macht Corona, seit nun fast anderthalb Jahren allgegenwärtig, mit Paaren?

Inspiration, Genuss, Belohnung - alles weggefallen!

Home Office! Aufeinander hocken! Mit fehlender Kinderbetreuung konfrontiert sein! „Sehr vieles, was vorher an Ablenkung da war, aber auch an Inspiration, Genuss, Belohnung, ist weggefallen“, beschreibt Nadja von Saldern. Die Abende im Restaurant oder im Kino, im Theater, die langen Treffen mit Freunden, sogar Urlaube – nichts davon war möglich, und das nun seit ziemlich langer Zeit. „Die Tankstellen fehlten, an denen man vorher Kraft getankt hatte.“ An die Stelle dieser schönen Dinge trat – insbesondere für Eltern mit kleinen und Schulkindern – deutlich mehr Stress.

„Wir zwei mit den Kindern“ – das sollte nun alles, das sollte nun lange genug sein? Unter freilich höchst unterschiedlichen Bedingungen. Wer ein Haus mit Garten, wer ein Auto besitzt, für den war es deutlich leichter, „durchzuhalten“. „Wohnraum ist ein knappes Gut in München“, beschreibt auch Verena Hausmann die gegenüber Berlin noch verschärfte Situation in der bayerischen Landeshauptstadt. „Wie erkläre ich einem in räumlicher Enge lebenden Paar, dass es in der durch Corona eng gewordenen Welt drum geht, persönliche Nischen zu finden? Ich traue mich manchmal kaum, solche Gedanken zu äußern, weil es so klingen könnte, als würde ich die harten Lebensbedingungen ignorieren.“

Corona als Verstärker. Als kritische Zuspitzung. Diese Worte fallen häufig in den Gesprächen mit den Fachleuten. Ein „Vergrößerungsglas“, nennt es Verena Hausmann. „Es vergrößert, was ohnehin da ist. Das trifft auch auf die psychischen Muster zu – wer vorher zu Depression neigte, unter Zwängen litt, leiden nun noch stärker.“

Die symbiotischen Paare haben es einfacher als die auf Autonomie bedachten

Ja, Corona polarisiert. „Es gibt ja auch die Paare, die das unerwartete Mehr an gemeinsamer Zeit genießen, das Wegfallen der Fahrtwege und die Arbeit in vertrauter Umgebung, Paare, die Sport miteinander machen, zusammen kochen“, berichtet Hausmann. „Das sind die, die nicht durch Corona in eine wirtschaftliche oder sonstige Notlage gebracht werden“, bestätigt auch von Saldern, „und die außerdem gern eine gewisse Symbiose miteinander leben. Partner, die sowieso eher familienorientiert sind, haben jetzt eine leichtere Zeit als die auf Autonomie bedachten.“

Corona also auch als möglicher Gewinn für das Beziehungsleben? Ein Klient habe berichtet, dass er durch Corona realisiert hat, wie vieles auch ohne Geld geht. Er hätte immer gedacht, dass Beziehungsglück auch sehr vom Geld abhinge, das man aufwendet, erzählt Nadja von Saldern. „Wenn ein Paar versteht, dass es vor allem darum geht, zusammen zu wachsen, dann kann man das gemeinsame Gehen durch eine Krise leichter annehmen“, beschreibt sie. Und womöglich Kreativität entfalten.

Wir beide als Paar, bei dem alles angefangen hat

„Wir haben jetzt manchmal Picknicks im Auto zusammen gemacht“, erzählt von Saldern aus der eigenen Beziehung. „Weingläser im Auto, Pizza aus der Hand“, – ein kleines feines Alltagsglück. Überhaupt: zum Wesentlichen kommen. „Man muss in so einer Zeit in die persönliche Keimzelle der Familie zurück. Also wir beide als Paar, bei dem alles angefangen hat. Was wünsche ich mir vom anderen? Wie haben wir am Anfang unserer Beziehung unsere Wochenenden verbracht? Könnten wir das nicht wieder probieren?“

„Diese Fragen“, relativiert von Saldern, „können sich aber nur Paare ohne Kinder oder mit Kindern, die schon auf eigenen Füßen stehen, leisten. Für die anderen, womöglich noch mit wenig Geld, wäre es an den Haaren herbeigezogen, Corona positiv finden zu wollen. Da hält man mal zwei Monate unter verschärften Bedingungen durch. Aber eineinhalb Jahre?“ Die Gefahr sei groß, in alte schwierige Muster zu fallen, sagt auch Hausmann. „Da fühlt man sich vom anderen missverstanden. Merkt nicht, wie man selbst alte Muster herstellt. Erwartet die Veränderung nur vom anderen. Je weniger Kommunikation über all das möglich ist, desto schlechter ist das für ein Paar.“

Privat
Die Therapeutinnen:

Nadja von Saldern (Bild oben), 1967 geboren, ist Paartherapeutin, Juristin und Autorin. Ihr Buch „Glücklich getrennt. Wie wir achtsam miteinander umgehen, wenn die Liebe endet" erschien 2018 im Ullstein Verlag. Sie hat drei große Kinder, lebt und arbeitet in Potsdam und Berlin.

Verena Haussmann (Bild unten) studierte Psychologie und ist seit 28 Jahren an einer Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche tätig. Außerdem arbeitet sie freier Praxis als Paar- und Familientherapeutin in München.

Da ist das Paar mit dem kleinen Kind. Er ist es gewohnt, Dinge mit sich selbst auszumachen, hat mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich. Jetzt sind sie beide im Homeoffice, er spricht kaum, sagt: „Am liebsten würde ich nachhause, zu meinen Eltern“. Sie sagt: „Dann soll ich also alles alleine tragen!“ Er wartet buchstäblich darauf, dass auch diese Beziehung wieder scheitert und erkennt gar nicht, dass er selbst der Beziehung zu wenig Chancen gibt. Auch sie verliert ihre Spielräume, kann die Auszeiten mit Freundinnen, die er ihr sonst ermöglicht, nicht mehr nehmen. „Beide müssen sich fragen, was sie selbst zur Veränderung beitragen können“, skizziert Hausmann eine mögliche therapeutische Herangehensweise. „Wie mache ich das, den anderen teilhaben zu lassen an meinem inneren Leben? Sich auch mit seinen Ängsten zu zeigen, kann ein Schritt in echte Intimität sein.“

Privat
Verena Haussmann.

Die Münchnerin beobachtet, dass die durch die Pandemie erzwungenen Disziplinierungen, der Verzicht, den Jüngeren schwerer fallen. „Ältere Paare haben es leichter, gelassen zu bleiben. Sie spüren auch eher die Dankbarkeit dafür, nicht allein durch diese Zeit zu müssen.“ Wer in der Kommunikation geübt ist, schafft es eher, sich zu sagen: Unser beider Nerven liegen blank. „Sie müssen den vergrößerten Stress nicht auf den anderen schieben.“ Diese Paare aber sähe man ja meist gar nicht in der Beratung, genau so wenig wie jene, die sie am nötigsten bräuchten, weil etwa der Arbeitsplatz durch Corona verlorengegangen ist oder die finanziellen Verluste ans Eingemachte gehen. Hausmann: „Da leistet man sich den Luxus der Paarberatung nicht, weil ja auch das mit Kosten verbunden ist.“

Mehr Trennungen, weniger Seitensprünge

Überraschend findet Nadja von Saldern, dass im Vergleich zu „normalen Zeiten“ das Thema Fremdgehen fast völlig ausbleibt. „Vor Corona lag es durchaus fünf-, sechsmal pro Woche vor uns auf dem Tisch, jetzt manchmal eine Woche lang gar nicht.“ Dennoch trennten sich tendenziell eher mehr als weniger Paare in dieser Zeit. Nadja von Saldern überlegt. „Wir sehen keine dramatisch erhöhte Zahl an Trennungen. Aber wenn eine Beziehung vorher schon auf der Kippe stand, können die Zumutungen der Pandemie dazu führen, dass sie endgültig scheitert.“ Ganz klar ist für sie sichtbar: „Leute sind stärker als sonst mit der Frage beschäftigt: Trennen oder Zusammenbleiben?“ Man sei schneller bei den existenziellen Themen. „Die Gespräche, die wir in diesen Monaten führen, gehen oft tiefer, sie handeln weniger von Alltagskram, wer wie oft die Spülmaschine ausräumt usw.“

Was wird sein, wenn das alles vorüber ist? „Ich vermute, dass nach der akuten Phase der Pandemie erst sichtbar wird, wie viele psychischen Probleme sich aufgehäuft haben“, erwartet Verena Hausmann. „Die soziale Isolierung, oft verbunden mit noch angespannteren Arbeitsbedingungen hat viele Fälle von Burnout, Depressionen, Zwangsstörungen und Ess-Störungen erzeugt.“

Eine Lage, in der für Nadja von Saldern deutlich wird: „Das Wichtigste von allem ist die Kommunikation miteinander. Da kann man sich als Paar viel erarbeiten.“ In der Partnerschaft sollte man versuchen, Dinge mehr als Wunsch zu formulieren denn als Kritik, sagt Verena Hausmann – den Humor nicht vergessen und Momente der Leichtigkeit schaffen! In einer schweren Zeit gilt das noch mehr als sonst.“