Berlin - In den letzten Wochen sah es so aus, als seien die siebten bis neunten Klassen vergessen worden. Während alle anderen Klassen spätestens ab dem 17. März wieder in die Schule gehen und Wechselunterricht erhalten werden, gibt es für bestimmte Klassen der Mittelstufe bisher keine klare Perspektive. Das könnte sich jetzt schnell ändern.

Denn die Berliner Bildungsverwaltung steht unter Druck, rasch zu handeln. Am Mittwoch erklärte das Berliner Verwaltungsgericht den kompletten Ausschluss einzelner Klassenstufen vom Wechselunterricht für rechtswidrig. Zwei Gymnasiasten hatten geklagt, dass das gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoße, und ihrer Klage wurde stattgegeben.

Die beiden Gymnasiasten sind daher vorläufig nach den Vorschriften für die Abschlussjahrgänge zu behandeln. Danach kann deren Schule bis zum 16. März entscheiden, ob sie für sie Präsenzunterricht in halbierten Lerngruppen anbietet oder nur schulisch angeleitetes Lernen zu Hause. Ab dem 17. März müsste die Senatsbildungsverwaltung aber darauf dringen, dass die beiden Schüler an ihrem Gymnasium Extra-Super-Sonder-Wechselunterricht erhalten.

Die Entscheidung der Kammer gilt zunächst nur für die beiden Schüler, was überraschend anmutet. Doch ist sie politisch richtungweisend. Die Folge könnte sein, dass sie den Prozess der vollständigen Schulöffnung beschleunigt.

Ein kurzes Wiedersehen vor Ostern statt klassischem Präsenzunterricht

Senatorin Scheeres sagte am Donnerstagnachmittag: „Wir sind mit den Schulleitungsverbänden, Amtsärzten sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bereits seit vielen Tagen im Gespräch über eine mögliche Rückkehr der Klassen 7 bis 9 im Wechselunterricht. Das Thema werde ich in die nächste Senatssitzung einbringen. Die Idee ist, dass diese Schülerinnen und Schüler vor Ostern zumindest noch einmal Präsenztermine haben, einen unmittelbaren Kontakt zu ihrer Lehrkraft erleben und mal wieder ihre Schule von innen sehen.“

Die definitive Entscheidung wird also voraussichtlich erst am Dienstag fallen. Und das Wort „Präsenztermine“ legt nah, dass es zunächst nur um ein kurzes Wiedersehen vor den Osterferien gehen könnte – und noch nicht um den klassischen Wechselunterricht. Zugleich deutet sich an, dass die Berliner Bildungsverwaltung nicht plant, bei der nächst höheren Instanz Beschwerde gegen die Beschlüsse des Berliner Verwaltungsgerichts einzulegen.

Die Zeichen der Zeit sind auch nicht schwer zu lesen: Die beiden Grünen-Politikerinnen Bettina Jarasch und Silke Gebel haben bereits dafür plädiert, dass die siebten bis neunten Klassen vor den Osterferien in die Schulen zurückkehren. Auch SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey will sich dafür einsetzen, dass die vernachlässigten Mittelstufenschüler ab 22. März in ihre Schulen gehen.

Es ist verständlich, dass Sanda Scheeres bisher gezögert hat, sich festzulegen. Handelt es sich doch erneut um eine knifflige Entscheidung: Was geht vor, der Infektionsschutz oder das Recht auf Bildung? Das Bemühen, eine dritte Welle zu verhindern oder das Streben, die Homeschooling-Leiden der Kinder zu lindern? Doch verständlich ist auch, dass es für die betroffenen Schüler und ihre Eltern schwer ist, die entstandene Unsicherheit noch länger auszuhalten.

Die Elternschaft ist gespalten, die Lehrkräfte können sich nicht zerreißen

Normann Heise vom Landeselternausschuss sagte der Berliner Zeitung: „Im Moment ist das die Frage, die die Eltern unserem Gremium am häufigsten stellen: Wann können, dürfen, müssen die Schüler der siebten bis neunten Klassen zurück in die Schulen?“ Dabei sei die Elternschaft wie immer gespalten. Die einen könnten die Rückkehr ihrer Kinder kaum erwarten, während die anderen mit Blick auf die Zahlen sagten: „Nein, wir fühlen uns mit der Aussicht auf eine schnelle Rückkehr nicht wohl.“

Normann Heise hat auch die Interessen der Schulleitungen im Blick. „Viele werden nicht begeistert sein, neue Stundenpläne zu erarbeiten, die nur für eine einzige Woche gelten. Denn kurz nach den Osterferien beginnen die Abiturprüfungen. Und da müsste der neue Stundenplan dann gleich wieder umgestoßen werden.“

Für die Lehrkräfte wird es auf Dauer einfacher sein, nur in einem einzigen Modus zu unterrichten. Nichts ist nervenzerfetzender als eine wilde Mischung aus Fern- und Präsenzunterricht. „Viele Schulen können das weder personal- noch internettechnisch abbilden“, sagt Heise. Und selbst für Lehrerinnen und Lehrer mit pädagogischen Superkräften gilt, dass sie sich nicht ständig zwischen Schule und ihrem Zuhause hin- und herbeamen können.