Wer am Arbeitsplatz nichts zu tun hat, kann ähnliche Symptome entwickelt wie bei Überarbeitung – Doch das Boreout-Syndrom ist weitestgehend unbekannt.
Foto: imago/Panthermedia

Dießen am AmmerseeHalb Deutschland ächzt unter der Belastung am Arbeitsplatz. Zu viel, zu schnell, zu lange. Längst ist der Begriff Burnout in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viel unbekannter hingegen ist das Boreout. Denn auch Langeweile am Arbeitsplatz kann der psychischen Gesundheit langfristig schaden. Diplom-Psychologe Timo Schiele (32) gehört zum Expertenteam der Klinik Kloster Dießen am Ammersee. Der ausgebildete Verhaltenstherapeut hat sich auf Burnout- und Boreout-Erkrankungen spezialisiert. Im Interview erklärt er, woran man die chronische Unterforderung erkennt und was man dagegen tun sollte.

Was genau versteht man unter dem Begriff Boreout?

Boreout beschreibt einen anhaltenden körperlichen und psychischen Risikozustand der Erschöpfung bis hin zur Erschöpfungsdepression, ausgelöst durch tägliche Konfrontation mit Langeweile und Unterforderung am Arbeitsplatz. Die Symptome ähneln stark denen des viel bekannteren Burnout-Syndroms, nur werden sie eben nicht durch Überforderung, sondern durch kontinuierliche Unterforderung und Monotonie hervorgerufen. Ähnlich wie das Burnout-Syndrom kann also auch das Boreout-Syndrom als Erklärungsmodell und Risikozustand für das Entstehen einer arbeitsbezogenen psychischen Erkrankung wie z.B. einer Depression gesehen werden

Wie machen sich die Symptome bemerkbar?

Typische Folgen eines ausgeprägten Boreouts können beispielsweise Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Sinnlosigkeitserleben sein. Betroffene haben das Gefühl, dass ihre Situation aussichtslos ist und empfinden eine tiefe innere Leere. Sie sind dauerhaft erschöpft und müde, obwohl sie sich auf der Arbeit nicht verausgaben, sondern die Zeit totschlagen müssen. Auch körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Schwindel sind nicht unüblich. Hält diese depressive Stimmung über mehrere Wochen an, sollte man sich professionelle Hilfe holen.

Welche Folgen hat eine chronische Unterforderung langfristig?

Langfristig und unbehandelt kann das Boreout-Syndrom in eine schwerwiegende psychische Erkrankung münden und damit auch gravierende Folgen haben. Betroffene verlieren die Freude an Dingen, die sie sonst immer gern gemacht haben, was sich auch auf das private soziale Umfeld auswirkt. In extremen Fällen kann es außerdem zu völligem Sinnverlust und Lebensmüdigkeit sowie wiederkehrenden Suizidgedanken kommen.

Wenn ich bemerke, dass mich meine Arbeitssituation belastet, sollte ich dann das Gespräch mit meinem Chef suchen? Oder riskiere ich nicht sogar meinen Job, wenn keine anderen Aufgaben für mich zu erledigen sind?

Sicher ist es auch für einen Arbeitgeber nicht ideal, wenn er die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter nicht ausschöpft oder ausschöpfen kann. Gelangweilte Mitarbeiter erbringen zudem schlechtere Leistungen und sind allgemein nicht gut für das Arbeitsklima. Außerdem ist es schwer, unglückliche Mitarbeiter auf Dauer zu halten. Wenn zwischen Arbeitgeber und -nehmer eine vertrauensvolle Basis herrscht, kann ein offenes Gespräch durchaus hilfreich sein. Vielleicht kann bei einer Aussprache über die Unterforderung und die daraus resultierende psychische Belastung eine gemeinsame Lösung gefunden werden. Sich einzugestehen, dass etwas nicht in Ordnung ist und dann auch noch den Mut aufzubringen, dies bei einem Vorgesetzten offenzulegen, ist hierbei aber für viele eine zu große Hürde. Zum Einstieg kann daher auch das vertrauensvolle Gespräch mit Kollegen leichter sein.

Wie kommt es dazu, dass Arbeitnehmer sich langweilen? Weshalb verzichten Arbeitgeber auf Kompetenzen Ihrer Angestellten?

Langeweile auf der Arbeit kann verschiedene Ursachen haben. Beispielsweise sind fehlende oder übermäßig triviale Aufgaben sowie mangelndes persönliches Interesse am eigenen Job schlechte Voraussetzungen für Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Monotone und wenig herausfordernde Tätigkeiten können dabei ebenso ermüden und energielos machen, wie überfordernde Jobs. Dementsprechend ist es wichtig, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber von vornherein aufeinander abgestimmte Erwartungen und Ansprüche an eine Position haben. Sicher verzichten viele Arbeitgeber auch unwissentlich auf die Kompetenzen ihrer Angestellten, weil sie sich derer gar nicht bewusst sind.

Monotone und wenig herausfordernde Tätigkeiten können ebenso ermüden und energielos machen, wie überfordernde Jobs.

Dipl. Psychologe Timo Schiele

Gibt es Berufsfelder, in denen Boreout verstärkt auftritt oder kann jeder davon betroffen sein, sogar in Berufsgruppen, wo Fachkräftemangel herrscht?

Boreout kann in jedem Berufsfeld auftreten. Verstärkt sind aber überqualifizierte, hoch ausgebildete Menschen mit festen Anstellungen betroffen, bei denen kein Spielraum für Kreativität oder Eigenmanagement bleibt. Selbstständige und Freiberufler, die ihren Alltag flexibel gestalten können, sind hingegen kaum gefährdet. Menschen in einem sicheren und möglicherweise sogar gut bezahlten Angestelltenverhältnis tun sich häufig sehr schwer, sich aus diesem zu lösen. Einerseits verständlich, wer gibt gute Rahmenbedingungen schon gerne auf. Andererseits führt das Verharren in einer solchen Position dennoch nicht selten zu einer Zunahme von Unzufriedenheit und Frust – beinahe wie in einem goldenen Käfig.

Was kann ich, aber auch mein Arbeitgeber tun, damit es erst gar nicht zum Boreout kommt?

Es ist, wenn möglich, immer sinnvoll, einen Beruf zu wählen, den man leidenschaftlich ausübt und der einen ausreichend fordert. Man sollte sich jedenfalls, bevor man eine Stelle annimmt, ausreichend über das Berufsfeld, die Tätigkeiten und Möglichkeiten informieren und mit dem Arbeitgeber besprechen, was genau dessen Ansprüche sind. Gleichzeitig sollte aber auch der Arbeitgeber darauf Wert legen, dass Jobanforderungen und Fähigkeiten des Bewerbers sich decken und eine Überqualifizierung nicht als Vorteil zu sehen. Als Vorgesetzter auf gerechte Arbeits- und Auftragsverteilung unter den Mitarbeitern zu achten ist außerdem genauso wichtig, wie grundsätzlich aufmerksam und offen für Wünsche und Fragen zu sein. Letztlich gilt es jedoch auch, sich bewusst zu machen, dass an jedem Arbeitsplatz auch Tätigkeiten anfallen, die gewissermaßen notwendige Übel sind. Solange das Gleichgewicht stimmt, muss daraus nicht zwingend ein Boreout werden.