In Wartestellung: Ein junger Mann auf einer Berliner Brücke. 
Foto:   Ostkreuz/Sebastian Wells

Berlin Es ist ein kühler, aber sonniger Morgen in Berlin Grunewald. Auf dem Schulhof des Gymnasiums zum Grauen Kloster stehen ein paar Dutzend Fahrräder. Drinnen rauchen jetzt noch die Köpfe, denn heute werden Abiturprüfungen in Latein und Biologie geschrieben. Vor der Aula sitzen zwei junge Lehrerinnen an Tischen und halten Wache, damit auch alles mit rechten Dingen zugeht – in Sachen Hygiene und damit die Klo-Gänge nicht zum Spicken genutzt werden. Ich postiere mich am Ausgang und fange die Abiturienten ab. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, in Corona-Zeiten Abitur zu schreiben? Was sie nach den Prüfungen machen wollen und wie stark die Krise in ihre Lebenspläne eingreift?

Zuerst treibt Benedikt an mir vorbei, ein blonder Junge mit schwarzer Lederjacke. Er ist unheimlich froh, dass er seine Abiturprüfungen jetzt doch noch schreiben durfte. Im April hat er die intensiven Diskussionen über das Notabitur in den sozialen Medien verfolgt und gedacht: Die Gegner der Prüfungen, die hatten keine guten Argumente.

„Ich bin nicht so ein guter Schüler, und schon deshalb hatte ich mir vorgenommen, beim Abitur alles zu geben. Ich habe mal ausgerechnet, dass man mit erstklassigen Prüfungen seinen Durchschnitt bis zu 0.6 Notenpunkte hochziehen kann.“ Benedikt will so schnell wie möglich Medizin studieren. „Schade, dass es jetzt in Berlin kein Nachtleben gibt, keine Partys. Fürs Büffeln war es gut, aber nach dem Abi wollen ja viele mal die Sau rauslassen“, und das gehe jetzt nicht: Feiern, Herumreisen, die Welt erobern. Immerhin, die Familie seines besten Freundes hat ein Ferienhaus auf Sylt, vielleicht können sie da mal hin.

Ist das Abitur 2020 ein „Abitur der Tränen“, weil alle Festlichkeiten wegfallen? Abistreich, Abiball und Abifahrt – eigentlich braucht man diese Rituale, um den Übergang ins Erwachsenenleben zu zelebrieren. Caroline will nicht darauf verzichten. „Wir haben alles, was keinen Spaß macht am Abi. Und was am Abi Spaß macht, haben wir nicht.“ Die Wochen der Unsicherheit fand sie anstrengend, das Verschieben und die plötzliche Ballung der Prüfungen. Aber auch sie ist dankbar, dass sie die Prüfungen schreiben konnte, dass es nach zwölf Jahren Schule einen krönenden Abschluss gibt.

So ein Gefühl von Unvollständigkeit

Eva, die frühere Schulsprecherin, sagt: „Es mag seltsam klingen, aber ich finde es gut, dass ich noch mal den ganzen Stoff gelernt habe und jetzt weiß: Ich kann ihn! Mit einem Notabitur hätte ich wahrscheinlich immer so ein Gefühl von Unvollständigkeit gehabt. Und es hätte an meinem Selbstbewusstsein genagt, wenn die Leute an der Uni dann sagen: Ach, ihr seid doch der Corona-Jahrgang, dem man das Abi einfach so geschenkt hat.“

Eva möchte ab Oktober dringend Physik studieren. Aber wenn es nur online geht, müsste sie sich das gut überlegen. Denn wie trocken und trostlos so ein Online-Studium sein kann erlebt sie gerade bei ihrem Bruder. Zum letzten Wintersemester war er in eine kleine Universitätsstadt gezogen, dann musste er wegen Corona zurück ins Elternhaus. Und zwar bevor er die Chance hatte, in der neuen Stadt neue Freunde zu finden. Inhaltlich kann er dem Studium folgen. Denn fast alle Vorlesungen werden inzwischen auf Video aufgezeichnet – aber die Selbstständigkeit geht verloren und all das, was das Studentenleben so schön und aufregend macht.

Danil wirkt gelöst. Im Latein-Abitur kam etwas von Cicero dran, das hatte er sich fast schon gedacht. Die Prüfungsbedingungen seien gut gewesen, sagt er, beim Schreiben durften sie die Masken absetzen. Auch war es ungewöhnlich still im Haus. Danil will Mathe und Chemie auf Lehramt studieren, aber auf keinen Fall im Fernstudium. Dann lieber ein Jahr lang jobben oder Praktika machen. Obwohl es natürlich auch unklar ist, ob man in dieser wirtschaftlichen Lage überhaupt noch Jobs und Praktikumsplätze bekommt? Aber Danil ist erst siebzehn, er kann die Sache ruhig auf sich zukommen lassen.

Ein anderer Schüler erzählt von einer Freundin, die auf einer internationalen Schule in Kanada war. Die Schule wurde geschlossen, das Mädchen musste zurück nach Deutschland fliegen und mitansehen, wie sich ihr ganzes soziales Leben von einem Tag auf den anderen in Luft auflöste. Dieses intensive Zusammensein mit jungen Leuten aus der ganzen Welt, nächtliche Spaziergänge, billiger Rotwein und lange Diskussionen. Alles weg! Nun ist sie erst einmal in ein tiefes Loch gefallen und sogar krank geworden. Außerdem macht es ihr ungeheuer zu schaffen, dass sie nun keine IB-Prüfungen schreiben darf, sondern ihr internationales Abitur „geschenkt“ bekommt – ein vergiftetes Geschenk: Denn wenn man sich nicht noch einmal richtig angestrengt hat für die Prüfungen, hat man doch kein Recht, sich jetzt zu freuen und zu feiern! Oder doch?

Helene, Juliane und Zoey kommen gleichzeitig aus der Aula, ein lebenslustiges Freundinnen-Trüppchen. Helene sagt: „Beim letzten Abi-Jahrgang habe ich das gesehen: wie man so hinlebt auf die letzte Prüfung, den Moment, an dem man alles geschafft hat und seinen Freundinnen um den Hals fällt. Es ist schwer sich zu motivieren, wenn dieser Moment wegfällt.“

„Mir hat die Corona-Quarantäne geholfen, mich gut auf das Abitur vorzubereiten“, findet Juliane. „Ich will gar nicht wissen, wie es gewesen wäre mit diesen ganzen Verlockungen, auszugehen und wilde Partys zu feiern.“ Doch auch zu Hause gäbe es genug Gelegenheit, sich abzulenken, meint Zoey. „Und zack hast du schon wieder zwei Stunden mit Instagram vertan.“

Corona hat ihre Pläne ziemlich durcheinandergewirbelt. „Ich hatte fünf Reisen geplant, die ich alle absagen musste“, klagt Helene. „Zum Trost habe ich mir jetzt vorgenommen, in eine WG zu ziehen.“ Früher hätte Juliane es cool gefunden, ein eigenes Café zu haben oder in einem Start-up zu arbeiten. Durch die Pandemie hat sich ihre Perspektive auf die Welt verändert, nun denkt sie: „Vielleicht sollte ich doch lieber etwas Systemrelevantes machen, etwas Krisenfestes.“

Trotz Corona zusammen abhängen und feiern? Clique von jungen Leuten auf einer Treppe.
Foto:  Ostkreuz/Sebastian Wells

In der Willy-Brandt-Oberschule gleich hinter dem Gesundbrunnen-Center sieht es aus wie nach einer Schnitzeljagd. Überall sind bunte Pfeile aufgemalt, um die Wege der Schüler in Einbahnstraßen durch die Gänge zu lenken. An diesem Vormittag ist kaum etwas los. Vor dem alten Gebäude mit seiner Säulenfassade stehen nur eine Handvoll Schüler. Auf der Brunnenstraße um die Ecke wuseln die Leute dagegen schon wieder zwischen den Auslagen der Obstläden hin und her. Am anderen Ende der Schule ist es menschenleer. Hier war einst eine Promenade, auf der nun ein zugemüllter Grünstreifen mit Spielplatz ist, als wäre die Berliner Stadtreinigung in Dornröschenschlaf gefallen.

Vor einem Kindergarten sind Laufräder und Dreirädchen mit einer großen Kette angeschlossen. Unvorstellbar, dass Kinder den Spielplatz nutzen können. Gegenüber hängt hinter drei stark verschmutzten Fenstern im Erdgeschoss dreimal die Deutschlandfahne. Jemand hat auf den Putz darunter gesprayt: „Nie wieder Deutschland“.

Die Willy-Brandt-Oberschule nennt sich auf der Homepage selbstbewusst „Teamschule“. Das klingt viel freundlicher als die Zuschreibung „Brennpunktschule“. Der Berliner Senat heißt ja auch nicht „Brennpunkt-Senat“. Sieben Schüler der zehnten Klasse haben sich bereit erklärt, mit mir über ihre Erfahrungen in der Corona-Schließzeit zu sprechen. Die Jungs kommen allein, die Mädchen zu zweit. Hinter ihrem Mundschutz wirken sie etwas verschüchtert. Vielleicht liegt es daran, dass ich hinter dem Schreibtisch des stellvertretenden Schuldirektors Platz nehmen sollte.

Als erster erzählt Bakr. Er ist fünfzehn. In den ersten vier Wochen zu Hause seien alle am Handy gewesen, sagt er. Aber dann habe seine große Schwester ihm Beine gemacht. „Lern was, sonst wird nix aus deinem Leben“, habe sie gesagt. Aus Bakr spricht Zustimmung und Dankbarkeit für so eine große Schwester. Sie arbeitet in einem Büro. Seine Eltern können ihm in der Schule kaum helfen. Das Lernen zu Hause ist Bakr schwergefallen, vor allem hatte er viel vergessen. Und ohne Erklärung konnte er die Aufgaben kaum verstehen. Nun ist er erleichtert. Seine Klasse wurde geteilt, außerdem hat er jetzt nur noch halbtags Schule. Zwei Pluspunkte für ihn.

Ramadan half beim Lernen

In der letzten Woche hat er seine Präsentationsprüfung bestanden, eine Art Gruppenreferat. Bakr ist traurig, dass die Schule nun aufhört. Die Willy-Brandt-Schule geht nur von der siebten bis zur zehnten Klasse. Also möchte Bakr entweder das Schuljahr wiederholen oder in die elfte Klasse einer andere Schule gehen, wenn die Noten das zulassen. Beim Lernen hat ihm geholfen, dass gerade Ramadan ist. Das diszipliniert, sagt Bakr. Da lernt man, einiges auszuhalten. Zum Glück kann er sich aus der Kantine der Ganztagsschule ein Lunchpaket mitnehmen. Er ist schon ein bisschen blass um die Nase, aber am Sonnabend hat er es geschafft. Dann ist der Ramadan zu Ende, der Corona-Ramadan.

Die vier Mädchen sind eher der Typ große Schwester. Sie sind ein bis zwei Jahre älter als Bakr und haben in der Corona-Zeit fleißig zu Hause gelernt. Esra trägt zu ihrer Vintage-Jeansjacke ein schwarzes Kopftuch, das den Hals umschließt. Seit der neunten Klasse hat sie ihren Ausbildungsvertrag in der Tasche. Sie wird eine Pflegefachschule besuchen.

Esras Präsentationsprüfung ist super gelaufen. Thema: Der Aufstieg des 1. FC Union in die Fußballbundesliga. Das war nicht ihre erste Wahl. Aber in der vorherigen Arbeitsgruppe hatten sich drei Schülerinnen darauf verlassen, dass Esra die Arbeit macht. Also haben die Lehrer sie in eine Jungs-Gruppe gesteckt und die faulen Mädchen kassierten eine Vier.

Auch Dejana hat einen Ausbildungsplatz. Sie will Sport- und Fitnesskauffrau werden. Ihre Freundin Melike will auf ein Oberstufenzentrum mit dem Schwerpunkt Soziales wechseln und später Erzieherin lernen.

Mariam trägt eine Allergiker-Maske. Ihre Präsentationsprüfung über „Satelliten im All“ hatte sie schon vor Corona fertig vorbereitet. Aber als sie zur Prüfung mit einem heftigen Schnupfen erschien, haben die Lehrer sie nach Hause geschickt. Als sie erneut antreten durfte, hatte sie alle Karteikarten für ihren Vortrag verloren. Also musste sie frei reden und bekam eine glatte Eins. Corona hat unsre Noten besser gemacht, sagen die Mädchen. Denn die schwierigeren schriftlichen Prüfungen in den Hauptfächern sind entfallen.

Wie Bakr wirkt auch Ehat eher bedrückt. Er findet es schade, dass die Schule nun vorbei ist und man seine Freunde nicht mehr sieht. Nun bewirbt er sich bei Kaufland und Rewe um eine Lehrstelle zum Einzelhandelskaufmann. Corona hat ihn geschockt, sagt er. Und ja, die Jungs hätten sehr viel an der Playstation gehangen, um Fortnite, Fifa und GTA zu spielen. Am Handy seien fast alle bei TikTok und Tellonym unterwegs, auch die Mädchen.

Es scheint, als freute sich Ehat kaum über seine Zwei-plus in der Präsentationsprüfung. Mit Esra hatte Ehat den 1. FC Union unter die Lupe genommen und dabei auch etwas über die DDR gelernt. Mehr hat ihn allerdings die Talentförderung in der Bundesliga interessiert.

Nur für Benjamin war Corona keine Ausnahmesituation. Er ist 16 und spricht so eloquent wie ein Deutschlehrer. Nach einigen Schulwechseln ist er zum Einzelgänger geworden und sowieso schon viel zu Hause. Er sei oft mit seiner Oma auf den Friedhof gefahren – um  das Grab der Urgroßeltern zu pflegen. Ob seine Familie aus West- oder Ost-Berlin komme, frage ich dämlich. Aus West und Ost, sagt Benjamin weise.

Es gibt Jugendliche, die auch ohne Schule reifen. Die Lehrer an seinem alten Gymnasium hätten einfach nicht akzeptiert, dass er kein Abitur machen wolle. Lieber möchte er „visuelles Marketing“ bei einem Einrichtungshaus lernen. Mathe liegt ihm nicht so, aber in Kunst ist er gut. Ohne Corona, sagt Benjamin, hätte er seinen Mittelschulabschluss sehr wahrscheinlich nicht geschafft. Manchen ist das Schicksal in der Krise ein Helfer.