Staunen über Entfernungen und Nachbarschaften, die Größe von Ländern und Ozeanen, die Winzigkeit anderer Staaten und die Beweglichkeit von Grenzen.
Foto: dpa/Jens Wolf

Vor ein paar Wochen, als die Schließung von fast allem und das Verbot von vielem noch eine dunkle Wolke am Horizont war, hatte das Kind eine Atlas-Phase. Es blätterte, langgestreckt auf dem Sofa, durch das große Buch, fuhr mit dem Finger über Karten, staunte über Entfernungen und Nachbarschaften, die Größe von Ländern und Ozeanen, die Winzigkeit anderer Staaten und die Beweglichkeit von Grenzen.

Anstoß zu dem neuen Hobby gab ein trauriges Thema: Im Radio hatte mein Kind viel von Lesbos und Moria, neuen Zäunen und dem alten Streit mit der Türkei gehört. Und es hatte Fragen. Wenn es auf dem einen Weg nicht geht, warum nehmen die Fliehenden keinen anderen? Die ersten Erkundungen des Atlasses dienten der Suche nach alternativen Fluchtrouten.

Kurze Zeit danach war die beschämende Lage auf den griechischen Inseln weitgehend aus dem Radio verschwunden, die Themen beim Abendessen blieben jedoch wuchtig und die Fragen des Kindes waren weiterhin so viel größer als das Kind: „Wie entscheiden die das in Italien eigentlich, wen sie sterben lassen und wen sie retten?“

In dieser Phase wurde der Atlas, nach der Suche nach Antworten und den sich daraus ergebenden wichtigen, auf eine seltsame Art schönen, aber sehr anstrengenden Gesprächen, für uns zum Ort zahlreicher Fluchten.

Wir reisten. An Orte, die wir lieben und vermissen. In Länder und Städte, die wir gerne mal sehen würden. Wir belohnten uns mit Schwelgen und Fantasieren nach dem Denken und Irrewerden an der Realität.

Vier Wochen später liegt der Atlas lange unberührt. Die Fragen und Sehnsüchte des Kindes sind kleiner und konkreter geworden. Wen darf ich treffen? Ich will raus, raus, nur raus. Und auch ich vermisse die Menschen und die Stadt so sehr. Alles Virtuelle, ob Chat oder Museumsrundgang, ist mir zu dürftig. Zu glatt, zu tot der Bildschirm.

Mein Blick fällt auf den Regalmeter mit Berlin-Büchern. Bildbände, Stadtführer, Geschichte und Geschichten. Ich denke an die tröstlichen Atlasreisen und beginne zu blättern. Denke mich an vertraute Orte und in vermisste Straßen.

Mit fällt ein, welche Fahrten und Spaziergänge ich seit langem vorhabe und immer wieder verschiebe. Entdecke Gegenden und Haltestellen, die auf meinem inneren Stadtplan bisher gar nicht vorkamen, deren Besuch mir aber jetzt reizvoll und irgendwie auch dringend erscheint.

Ich flaniere, suche nicht, aber finde, notiere und fabuliere und aus jedem Foto in den Büchern entstehen Bilder im Kopf.

Die Unruhe und der Frust vor dem Bildschirm weicht einer großen Vorfreude, vielleicht, weil Papier nicht so flüchtig ist, im Gegenteil, die mitunter alten Bücher und noch älteren Fotografien sagen eindringlich: Die Stadt verändert sich zwar ständig, aber es wird sie auch nach dieser Zeit noch geben. Genauso wie die großen Fragen.

Jetzt, da die Schließung von fast allem und das Verbot von vielem hoffentlich langsam dem Ende zugeht, weiß ich: Reisen brauche ich vorläufig nicht. Es gibt genug wiederzusehen und neu zu entdecken.

Und vielleicht finden wir beim Gehen ja sogar ein paar Antworten.