Berlin - Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich ihn im Prenzlauer Berg getroffen, im stillen Hof der Bötzow-Brauerei. Ganz in der Nähe wohnt Max Maendler nämlich und führt sein 2016 gegründetes Unternehmen lehrermarktplatz.de inzwischen aus dem Homeoffice. Heute reicht die Zeit nur für einen Videocall, aber die Bilder des Hofs steigen kurz in mir auf, während wir an unser erstes Gespräch anknüpfen.

Berliner Zeitung: Herr Maendler, vor einem Jahr haben Sie zusammen mit Verena Pausder den ersten #wirfürschule-Hackathon ins Leben gerufen. Wieso und warum?

Max Maendler: Wir wollten den Lockdown-Frust etwas entgegensetzen und habe uns gefragt: Wie können wir die Krise nutzen, um die Modernisierung der deutschen Schulen voranzutreiben? Wir beide waren inspiriert von dem #wirvsvirus-Hackathon der Bundesregierung, dem größten Hackathon aller Zeiten – haben dann in wenigen Wochen unseren eigenen Hackathon auf die Beine gestellt.

Und waren überwältigt von der großen Resonanz?

Ja, über 6000 Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen aus ganz Deutschland kamen in digitalen Foren zusammen und haben fünf Tage lang über die Schule der Zukunft diskutiert. Es gab eine Aufbruchsstimmung, ein „Wow-jetzt-geht’s-endlich-los-Gefühl“ und alle sind mit Feuereifer zu Werke gegangen. Am Ende wurden über 200 Lösungen eingereicht und aus den 15 Gewinnerprojekte sind heute – ein Jahr später – kleine Unternehmen und NGOs geworden. Viel von sich reden macht zum Beispiel naklario.de, eine Initiative, die deutschlandweit kostenlose Online-Nachhilfe für bedürftige Schüler organisiert.

Ende Juni soll nun der zweite #wirfürschule-Hackathon steigen – und sie hoffen sogar auf etwa 50 000 Teilnehmer. Was soll diesmal anders werden?

Diesmal sind wir noch ambitionierter: Wir wollen nicht nur einzelne Start-up-Ideen generieren, sondern ein nationales Curriculum entwerfen – und deshalb haben wir jetzt auch einen Zukunftsrat einberufen, der den Hackathon inhaltlich vorbereitet und unsere Ergebnisse am Ende der Kultusministerkonferenz vorlegt. Und stellen Sie sich vor: Die KMK und alle sechzehn Bildungsministerien sind bereit, sich das zu Gemüte zu führen – und wenn wir Glück haben, später sogar in Gesetze zu gießen.

Warum brauchen wir einen Zukunftsrat, Herr Maendler?

Weil ein grundlegendes Update für unser Schulsystem ansteht. Die Zeit ist überreif für eine grundlegende Veränderung.

Ist ein Zukunftsrat eine Art runder Tisch?

Es ist eine Bürgerversammlung, in der hundert Mitglieder unserer Gesellschaft miteinander ins Gespräch kommen: Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleiter, Vertreter aus sozialen Einrichtungen oder der Wirtschaft. Fünf Wochen lang debattieren sie an digitalen runden Tischen über eine Vision der Schule von morgen – indem sie sich austauschen, streiten über Werte, Kompetenzen und Lernprinzipien.

Dürfen Experten auch ihren Senf dazugeben?

Es gibt Experten, die Impulsvorträge machen und dann für Rückfragen zur Verfügung stehen. Bei der ersten Sitzung des Zukunftsrates am 15. April hat zum Beispiel Andreas Schleicher einen Impulsvortrag gehalten und beschrieben, welche Schulsysteme im internationalen Vergleich schon weiter sind als das deutsche. Dann haben wir die Innovationsbeauftragte des finnischen Bildungsministeriums zu Besuch gehabt. Und auch die Berliner Schulleiterin Margret Rasfeld, die über die Möglichkeiten des projektorientierten Lernens gesprochen hat. Also die hundert Zukunftsräte sollen nicht „frei“ sein von Gedanken. Denn das Zukunftskompetenz-Papier der OECD, das ist schon eine wichtige Wissensvorlage: Und warum sollte man versuchen, das noch mal zu erfinden? Darauf kann man aufbauen.

Berliner Zeitung/ Isabella Galanty
KlassenZImmer, Flieg! 
Gespräche über die Zukunft der Bildung. Wie können wir die Erfahrungen der Corona-Zeit nutzen, um unsere Schulen wirklich voranzubringen? Wir fragen Menschen aus  verschiedenen Generationen und Berufen - von der Bildungsministerin bis zum Brennpunktschüler. Eine Serie der Berliner Zeitung. 

Ihr wollt ein „nationales Curriculum“ entwickeln. Gibt es in Deutschland eigentlich ein Wort, das weniger Sex-Appeal hat als das Wort „Lehrplan“?

Das Wort „Lehrplan“ suggeriert, dass wie bisher haarklein vorgeschrieben wird, was zu machen ist. Wir wollen zugleich weniger und mehr: Nämlich die Kompetenzen und Werte umreißen, die Schule vermitteln will und die Prinzipien, wie das geschehen soll. Unser Meinung nach ist ein gutes Curriculum nicht länger als 15 Seiten. Wenn Schulen z. B. logisches Denken beibringen wollen, dann können sie das mit Latein machen, mit Programmieren oder Schachspielen.

Habt ihr keine Angst vor den Gefahren des „Think Big“? Wenn man über „Werte“ spricht, kann man sich leicht verlieren – in nichtssagender Abstraktion.

Natürlich gibt es keine Garantie, dass da etwas Gutes herauskommt. Aber wir sind nicht die Ersten, die an diese Frage so herangehen. Finnland, Dänemark und Neuseeland haben in den letzten zehn Jahren einen ähnlichen Prozess durchlaufen – und sind weggekommen von einem extrem detaillierten Curriculum, das unserem ähnelt. Das Curriculum von Neuseeland zum Beispiel, das liest man mit Freude und möchte danach sofort einen Einbürgerungsantrag stellen (lachend). Dennoch liest es sich nicht so abstrakt, dass man sich nichts vorstellen kann. Also wenn es uns gelingt, diesen Ton zu treffen und im Hackathon Lernprinzipien mit Best-Practice-Beispielen auszumalen, wird das Ganze sehr erlebbar, inspirierend und mächtig. Und dann wird es schwer werden für die Bildungspolitiker, sich dem zu entziehen.

Wollen Sie öffentlichen Druck aufbauen, um der Politik auf die Sprünge zu helfen?

Bildungspolitik und Verwaltung sind gerade in einem organisatorischen Überlebens-Modus, die gucken, ob sie das irgendwie mit dem Testen hinkriegen, mit der größeren Schulöffnung, mit der Durchführung des Abiturs; sie sind so defensiv, dass sie im Moment nicht dazu kommen, eine Vision zu entwickeln. Und die KMK-Präsidentin Britta Ernst hat sogar gesagt: Ihre Hoffnung sei, dass wir das machen. Ein Bild entwerfen von den Schulen in Deutschland in zehn oder zwanzig Jahren.

Haben Sie auch die Schnauze voll von den ewigen Diskussionen über Schulöffnungen, Tests und Filter?

Ja, das haben wir alle satt … Doch ist es einfach eine Scheißsituation, alle versuchen jetzt immer noch, das Beste aus ihrer Restkraft zu machen. Aber das heißt nicht, dass das Beste rauskommt. Weil unser Schulsystem so verdammt viele Reibungsverluste produziert. Aber meine Hoffnung als Daueroptimist: Spätestens jetzt ist allen klar, dass wir unser System grundlegend verändern müssen – Fragen stellen wie: Brauchen wir wirklich so viele verschiedene Schulfächer? Ist unser Notensystem noch zeitgemäß? Wie verhindern wir, dass Jugendliche als funktionale Analphabeten von der Schule gehen?

Die Person, das PrOjekt
Max Maendler, 46, studierte europäische Politik in London und Paris. 2016 schuf er die Plattform lehrermarktplatz.de, auf der Lehrkräfte ihre Unterrichtsmaterialien teilen können. Unter dem Namen „eduki“ wagt das Unternehmen gerade den Schritt in den spanischsprachigen Raum. Der Vater von drei Kindern lebt mit seiner Familie in Berlin.

2020 initiierte Max Maendler mit Verena Pausder den ersten #wirfürschule-Hackathon. Am 15.4. hat der Zukunftsrat seine Arbeit aufgenommen und kommt in fünf Wochen zu sechs Sitzungen zusammen. Er bereitet den zweiten Hackathon vor, der Mitte Juni stattfindet. Die Ergebnisse werden der KMK vorgelegt.

Rückblick auf das vergangene Jahr: Wie weit sind wir gekommen mit der Digitalisierung der Schule?

Es gibt etwas mehr Wlan, Laptops, Tools an den Schulen. Aber reicht das aus? Selbst die einfachsten Hausaufgaben haben wir nicht abgeschlossen – noch immer sind wir weit davon entfernt, dass alle Schulen schnelles Wlan haben und einen unkomplizierten Zugang zur digitalen Welt.

Welche guten Entwicklungen gab es?

Der Wert des selbstständigen und projektorientierten Lernens wurde offenbar. Diese reformpädagogische Ansätze, die seit Jahrzehnten rumschwirren, haben es endlich in die Breite geschafft. Und das stimmt mich hoffnungsvoll. Organisatorisch haben insbesondere die Schulleitungen Menschenunmögliches geleistet, ich weiß nicht, welche Schulleitung mal einen Sonntag nicht durchgearbeitet hat in den letzten zwölf Monaten? Und doch: Vielen Schulen hat dieses aufopferungsvolle Stundenschrubben noch nicht zu einem Durchbruch verholfen.

Wo sehen Sie das größte Versagen der aktuellen Bildungspolitik?

Dass sie die strukturellen Probleme unseres Bildungssystems nicht angeht und noch nicht mal in der Öffentlichkeit darüber redet. OECD-Studien zeigen die Mängel auf: Zum Beispiel, dass in Deutschland nur 17 Prozent der Entscheidungen in den Schulen selbst getroffen werden, Entscheidungen wie: Teste ich vor Ort oder nicht, welche Lehrer stelle ich ein, wie viele Stunden Mathematik unterrichte ich? In den Niederlanden bestimmen die Schulen das zu 80 Prozent, und die Daten der Bildungsforschung zeigen, dass man so zu besseren Ergebnissen kommt.

Wenn die Schulen mehr Autonomie haben …

Ja, die größere Autonomie muss gepaart sein mit größerer Accountability, dann blühen die Schulen auf …  In Deutschland gibt es im Bildungsbereich eine fatale Tendenz zum Mikromanagement. Den Mächtigen fehlt das Vertrauen, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn sie als zentrale Kontrolleure nicht alles entscheiden. Man hängt hier am Gefühl der eigenen Wichtigkeit und wehrt sich gegen jede vorgeschlagene Reform, indem man irgendein Bundesland zitiert, das mit einer ähnlichen Reform schon mal gescheitert ist.

Woran liegt das?

In jedem System gibt es „vested interests“ (Besitzstandsinteressen), jedes System schafft mehr von sich selbst und arbeitet nicht daran, sich selbst abzuschaffen. Deshalb braucht es ein Rütteln und Schütteln an so einem System.

Anja Karliczek, Britta Ernst und Dorothea Bär sind die Schirmherrinnen eures Projekts. Fürchten die sich nicht vor diesem Rütteln und Schütteln?

Wahrscheinlich haben die auch Sehnsucht, mehr zu tun als nur den Status quo zu verwalten. Deshalb sind wir in einen Dialog eingetreten. Doch spüren wir immer wieder: Da kommen Mut und Angst in Wellen zusammen. Es gibt zum Beispiel eine Landesbildungsministerin, die erst sagt „Oh ja, da machen wir mit!“ und dann zwei Wochen später: „Oh nein, da müssen wir jetzt aber ziemlich aufpassen!“

Denn ihr habt Revolution im Sinn.

Revolution heißt, dass sich eine Gruppe gegen eine andere auflehnt. Wir aber hoffen, dass wir alle gesellschaftlichen Akteure mitnehmen und eine große Bildungstransformation ins Werk setzen können. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja im Juni eine günstige Konstellation der Sterne.


#wirfürschule-Hackathon Nr. 2: Wer kann wie mitmachen? 

  • Die Anmeldung erfolgt über die Webseite: https://wirfuerschule.de/Hackathon-2021/
  • Gefragt sind: Schüler, Lehrkräfte, Schulleitungen, Eltern, Bildungsexperten, Vertreter der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.
  • Sie können sich als Einzelperson anmelden, als Schulgemeinschaft oder als Team.
  • Schulen können eine Projektwoche daraus machen. Auch bestehende Organisationen können an konkreten Umsetzungsmaßnahmen mitarbeiten.
  • Mitmachen kann jede/r ab 16 Jahren mit Zeit, Lust und Internetzugang vom 14.–18.6.2021.
  • Auch Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren können sich beteiligen, wenn ihre Eltern oder Lehrkräfte eine Einverständniserklärung unterschreiben.
  • Man kann sich stundenweise, aber auch die ganze Woche engagieren.
  • Die Teilnehmenden arbeiten während des Hackathons in Teams und wählen eines der drei Handlungsfelder: Good-Practice-Beispiele von Schulen, Arbeit an Vision und Curriculum, Umsetzung der Bildungstransformation.