Die Moderatorin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim.
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BerlinDie Wissenschaft kommuniziere zu wenig, so heißt es häufig. Sie müsse der Gesellschaft, die sie schließlich aus Steuermitteln finanziert, gründlicher erläutern, was sie tut. Diese Forderung ist richtig, aber sie sollte nach den Erfahrungen der letzten Monate präzisiert werden. Die Corona-Krise zeigt deutlich, dass es nicht nur um das Informieren und Erklären geht. Von großer Bedeutung ist auch der Umgang mit den Effekten, die Wissenschafts­kommunikation in der Öffentlichkeit, der Presse und den sozialen Medien auslösen kann.

Gerade soziale Medien sind durch ein hohes Maß an Reaktionsschnelligkeit, interes­segeleiteter Selekti­vität und Meinungsfreude geprägt. Oft antworten Nutzer auf bestimmte Beiträge binnen Minuten, wobei sie Inhalte vielfach ungenau zur Kenntnis nehmen und unvollständig, nach Maßgabe der eigenen Vor-Meinung, verarbeiten. Debatten geraten auf diese Weise schnell zu emotionalen Disputen über Interpretationen und Reaktionen, wobei die ursprünglichen Inhalte kaum noch eine Rolle spielen. Derartige Wirkungen einer gut gemeinten Wissenschaftskom­mu­nikation beobachtet man immer wieder.

Die Aufgabe der Wissenschaft sollte in der sachlichen Entschleunigung zugespitzter Erregungsdynamik bestehen. Debatten über Kohlendioxid-Emissionen, Klimawandel, Virusinfektionen oder Impfstoffe verlangen in regelmäßigen Abständen eine kritische Bilanz. Wie man emotional geführte Streitigkeiten über brisante Forschungsthemen analytisch abkühlt und einem breiten Publikum verständlich macht, zeigt mustergültig die Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin, Fernsehmoderatorin und You­Tuberin Mai Thi Nguyen-Kim.

In ihren Beiträgen prüft sie Argumente und Fakten, indem sie Statistiken und Arbeitsweisen erläutert und so drohende Missverständnisse aufzeigt. Mit zeitgemäßen Mitteln produziert sie Aufklärung im besten Sinne – in einer Mischung aus Sachlichkeit, Scharfsinn und feiner Ironie. Eine der wichtigsten Funktionen ihrer Sendungen besteht darin, dass sie heiß gelaufene Debatten kritisch durchleuchtet. Dabei wird auch sichtbar, dass zahlreiche Meinungsdispute in den sozialen Medien nicht der Wissenschaft selbst, sondern den möglichen Konsequenzen gelten, die ihre Befunde und Debatten auslösen können. Gerade dort aber, wo objektive Untersuchung und subjektive Meinung fahrlässig vermischt werden, muss die Wissenschaft selbst eine sachliche Analyse der voneinander abweichenden Perspektiven und Bewertungen vorlegen.

Der Soziologe Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass Kommunikation auf Information, Mitteilung und Verstehen beruht. Verstehen ist nur dort möglich, wo man die Information von den Formen ihrer Mitteilung löst und sich auf ihren inhaltlichen Kern konzentriert. Wer also eine wissenschaftliche Theorie verstehen will, darf sie nicht mit den Zielsetzungen eines Mitteilungssystems gleichsetzen, zu denen Werbung, Unterrichtung und Beeinflussung gehören können.

In sozialen Medien begegnen wir solchen und anderen Gleichsetzungen ständig. Die Wissen­schafts­­­­kommu­nikation muss lernen, mit solchen Effekten zurechtzukommen, ohne ihren Aufklärungsanspruch preiszugeben. Das gelingt nicht durch immer mehr Kommunikation, sondern durch ein Informa­tions­management, das auch die Wirkungen von Debatten analytisch einzufangen und damit zu versachlichen vermag.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.