Der Bildungsforscher Prof. Dr. Hans Anand Pant.
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Er ist einer der hellsichtigsten Bildungsforscher in Deutschland. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht die Frage: Welche Schulen sind gut und innovativ? Und wie kann man die Erfolgsrezepte von guten Schulen für andere zugänglich machen? Dafür brennt er, das ist in jedem Augenblick unseres Gesprächs zu spüren. Hans Anand Pant ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität und außerdem Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie.

Berliner Zeitung: Sie sagen, Corona habe den tiefgreifenden Reformbedarf des deutschen Bildungssystems offenbart. Inwiefern?

Hans Anand Pant: Corona ist nach Inklusion und Flüchtlingskrise das dritte disruptive Ereignis innerhalb weniger Jahre, das Schulen vor große Herausforderungen stellt. In dieser Krise zeigt sich überdeutlich, dass sie unter vier Syndromen leiden, die auf jahrzehntelangen, falschen Prioritätensetzungen im deutschen Schulsystem beruhen.

Welches sind diese vier Syndrome?

Das erste ist das „Technikmangel-Syndrom“. Wir haben zu wenig hochwertige Ausstattung in den Schulen und zu wenig digitale Kompetenzen bei den Lehrerinnen und Lehrern. Das zweite nenne ich das „Einzelkämpfer-Syndrom“. Viele Lehrkräfte haben leider kein Interesse daran, sich fachlich mit Kolleginnen oder Kollegen auszutauschen, gemeinsam Unterricht vorzubereiten oder Projekte zu planen. Es gibt keinen Geist der Zusammenarbeit und der arbeitsteiligen Bewältigung der anstehenden Probleme: Inklusion, Lehrkräftemangel und sozial heterogene Schülerschaft, um nur einige zu nennen. Das dritte Syndrom besteht für mich in der Überbewertung des Fachlichen. Es wirkt geradezu bizarr, angesichts einer multifaktoriellen Krise wie Corona an starren Fächergrenzen festzuhalten, anstatt zu überlegen, wie wir fächerverbindendes Lernen stärker in den Vordergrund rücken können. Als viertes Syndrom können wir in Deutschland ein „Primat des Prüfens über das Lernen“ beobachten. Die offiziellen Regelungen in der Krise zielten vor allem darauf ab, Prüfungen stattfinden zu lassen. Erst in zweiter Reihe ging es darum, wie man Kinder in dieser Ausnahmesituation pädagogisch professionell begleitet, insbesondere diejenigen, die bereits benachteiligt sind. Dies ist eine völlig unzeitgemäße Priorisierung von Prüfungshandeln gegenüber dem Anspruch an Schule, die Schülerschaft zum selbst regulierten und lebenslangen Lernen zu befähigen.

Ausschnitt von Prof. Dr. Hans Anand Pant aus dem 10. Digitalen Impuls mit dem Thema: Mehr Eigenverantwortung für Schulen in und nach der Corona-Krise.

Video: Youtube

Welche Schulen sind besonders gut durch die Krise gekommen?

Schulen, die schon in Vor-Corona-Zeiten digitale Lernhilfen mit einer anderen Lernkultur verbunden haben. Weil sie das Lernen der Schülerschaft und der Organisation Schule auf Kooperation ausgerichtet haben. Digitale Tools wurden mit diesem Ziel erprobt, verbessert und in den Normalbetrieb übernommen. Sie waren nie Selbstzweck und dienten dazu, während des Lockdowns die Beziehungen zu den Schülern und innerhalb des Kollegiums aufrechtzuerhalten.

Wie kann und sollte man die Digitalisierung der Schulen vorantreiben?

Digitalisierung ist ein tiefgreifender Transformationsprozess, das muss uns klar sein. Mit der Anschaffung von Endgeräten allein ist das nicht getan. Damit Schulen diesen Prozess gut bewältigen, müssen sie gemeinsam mit allen Beteiligten Medienkonzepte entwickeln, die die digitalen Möglichkeiten für das Lernen aufgreifen und Risiken reflektieren. Ein gutes Medienkonzept enthält außerdem eine Planung für schulinterne Fortbildung und verändert die räumlichen und zeitlichen Strukturen des Lernens. Anders gesagt: Bitte Technik nie ohne Pädagogik denken!

Brauchen wir auch einen Kulturwandel bei der Fortbildung der Lehrer?

Ja, denn die Lehrkräftefortbildung in Deutschland ist etwas verstaubt. Ein einzelner Lehrer besucht eine einzelne Fortbildung und kehrt zurück an seine Schule. Dort verfliegt nach kürzester Zeit sein anfänglich noch vorhandener Wille, das Neugelernte umzusetzen. Weil es sich gegen bestehende Alltagsroutinen im Kollegium nicht durchsetzen kann. Stattdessen müssen wir Fortbildungen in den Prozess der Schulentwicklung einbetten – auf schulinterne und schulübergreifende Formate setzten, bei denen Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen verschränkt sind. In der Corona-Zeit haben wir ja gesehen, was für eine euphorische Aufbruchsstimmung das erzeugen kann, wenn Kollegien gemeinsam loslegen, Neues ausprobieren und mit einer anderen Fehlerkultur an die Sache herangehen.

Wie deuten Sie die Forsa-Umfrage bei Lehrern aus dem April diesen Jahres?

Im Schulbarometer Spezial der Robert-Bosch-Stiftung lassen sich alle vier von mir genannten Syndrome ablesen. So haben nur 14 Prozent aller befragten Lehrkräfte angegeben, dass vor Corona schulweit zumindest einmal pro Woche digitale Medien im Unterricht genutzt wurden. Jede fünfte Lehrkraft berichtet, dass sie während der Schulschließungen praktisch den Kontakt zur Schülerschaft verloren hat. Und über ein Drittel sagte mit Blick auf das eigene Kollegium, dass man während der Schulschließung lieber für sich allein gearbeitet hat, anstatt zu kooperieren. Dies sind ernüchternde Ergebnisse. Und das zeigt auch, dass wir die neue Generation sensibilisieren müssen für eine professionelle Beziehungsgestaltung in der Lehre.

Durch Corona haben sich die Lehrer auf die Kernfächer und aufs Wesentliche besonnen – sind unsere Lehrpläne veraltet und zu vollgestopft? Wie können sie entrümpelt werden?

Welches Wissen und welche Fähigkeiten brauchen junge Menschen, um sich in einer komplexen digitalen Welt zu orientieren und sie aktiv mitzugestalten? Fachliche Kenntnisse, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, ein Sense of Citizenship, also ein argumentatives Rüstzeug, um sich für eine menschenrechtlich und demokratisch fundierte Gestaltung der Gesellschaft zu engagieren. Natürlich brauchen sie daneben auch Einblicke in die Funktions- und Wirkungsweisen digitaler Medien. Diese Kompetenzen sollten sie in Verbindung mit einem zeitgemäßen Fachunterricht entwickeln. Schulen haben deshalb jetzt die Aufgabe, die Inhalte der Fächer unter diesen Aspekten zu reflektieren.

Sie sagen, Noten seien ungerecht. Wie sehen alternative Formen der Leistungsbeurteilung aus. Sollen sie die Noten ersetzen oder ergänzen?

Noten sind ungenau und unfair und damit genau das, was ein gutes Instrument zur Leistungsbeurteilung nicht sein sollte. Leistungsfeedback an Schülerinnen und Schüler sollte partizipativ und lernförderlich angelegt sein. Es gibt dafür eine ganze Palette von Tools, die sich in der Schulpraxis bewährt haben: Lernentwicklungsberichte oder persönliche Coaching-Gespräche ersetzen Zeugnisse oder ergänzen diese zumindest. Lerntagebücher helfen Kindern zu verstehen, wo sie aktuell stehen und welches Lernziel sie als Nächstes anpeilen sollten. Digitale Portfolios dokumentieren Lernprozesse und Ergebnisse viel präziser als das Noten je könnten. Gemeinsam neue Instrumente der Leistungsbeurteilung auszuprobieren, wäre jetzt die Devise.

Ein Ergebnis des 8. Nationalen Bildungsberichts: Mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss. Was kann man dagegen tun? Brauchen wir eine Festschreibung von Mindeststandards?

Auch wenn das Bildungssystem durchlässiger geworden ist, hängt der Bildungserfolg eines Kindes in Deutschland nach wie vor stark von den sozialen Verhältnissen der Familie ab, oft noch verstärkt durch einen Zuwanderungshintergrund. Deshalb müssen wir den qualitativen Ausbau der Ganztagsschulen weiter forcieren. Denn sie helfen, jene Kinder zu fördern, deren Eltern dazu nicht so gut in der Lage sind. Standards brauchen wir für die Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien ebenso wie für lernförderliche Nachmittagsangebote im Ganztag, die Sprachbildung oder eine sinnvolle Umsetzung von Inklusion. Schon aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit können wir uns alles andere langfristig gar nicht leisten.

Das Gespräch führte Eva Corino.