Franziska Giffey und Sandra Scheeres bei der Verleihung des Deutschen Kita-Preises in Spandau. 
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

BerlinLangsam ist die Erkenntnis in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen: dass sich das menschliche Gehirn im Alter zwischen null und sechs Jahren sehr schnell entwickelt. Und dass die Zuwendung und Förderung, die Kinder am Anfang ihres Lebens erfahren oder eben nicht erfahren, ungeheure Auswirkungen hat auf die Frage, wie sie später leben werden: wie sie Beziehungen knüpfen, lernen, arbeiten und in die Welt treten.

Deshalb lohnt es sich für jede moderne Gesellschaft, in diese frühen Jahre viel Liebe, Zeit und Geld zu investieren. Der Nobelpreisträger James Heckmann konnte ja zeigen, dass jeder Dollar, den man in die Frühförderung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien investiert, viel „Rendite“ bringt – und zwar nicht nur in menschlicher, sondern auch in ökonomischer Hinsicht.

Zwei-Verdiener-Familie als neue Norm

Außerdem muss man sich klarmachen, dass im Deutschland des Jahres 2020 die Zwei-Verdiener-Familie längst zur neuen Norm geworden ist. Und das heißt, dass viele der familiären Erziehungsaufgaben heute den Kindertagesstätten anvertraut werden. Für alle Berliner Familien mit kleinen Kindern ist die Frage also von überragender Bedeutung: Wie ist der Kita-Ausbau in den letzten Jahren vorangekommen?

Dies vorweg: Seit dem Amtsantritt von Sandra Scheeres im Jahr 2011 ist der Kita-Ausbau zum ersten Mal in den politischen Fokus gerückt. Ihre Vorgänger hatten die Sache mit den Kitas so ziemlich auf die leichte Schulter genommen. „Aber auf einmal war klar: Es fehlen Plätze und Fachkräfte in großem Stil!“ So beschreibt es die bildungspolitische Sprecherin der Grünen Marianne Burkert-Eulitz, die zeitgleich mit Sandra Scheeres ins Berliner Abgeordnetenhaus einzog.

Quereinsteigerinnen als Bereicherung

In den letzten zwei Legislaturen sind in Berlin rund 50.500 Kita-Plätze geschaffen und gesichert worden – plus rund 5300 in der Tagespflege. Aus Bundes- und Landesmitteln wurde bisher eine Summe von rund 500 Millionen investiert, um die Zahl und die Qualität der Berliner Einrichtungen zu steigern.

Deutliche Fortschritte gibt es zum Beispiel beim Betreuungsschlüssel: Vor neun Jahren hat eine Berliner Erzieherin im Durchschnitt fünf Kinder betreut, die jünger waren als zwei  Jahre, heute sind es nur noch 3,75 Kinder. Das ist zwar immer noch ein gutes Stück von den 1:3 Kindern entfernt, die die von der Bertelsmann-Stiftung konsultierten Experten empfehlen, aber immerhin ein sichtbarer Sprung nach vorn. 

Der Leitungsschlüssel wurde ebenfalls verbessert: Heute kann eine Kita-Leitung, die für mehr als 85 Kinder zuständig ist, sich von ihren pädagogischen Aufgaben freistellen lassen oder aber Geld für eine Verwaltungsassistenz beantragen.

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel wurden drei Siege errungen: Erstens müssen die angehenden Erzieherinnen und Erzieher kein Schulgeld mehr bezahlen. Zweitens wurde das Tarifgefälle zwischen Brandenburg und Berlin ausgeglichen, die Berliner Fachkräfte werden jetzt etwas besser bezahlt. Und drittens gibt es eine berufsbegleitende Ausbildung für Quereinsteiger, die sich anscheinend wachsender Beliebtheit erfreut.

Marianne Burkert-Eulitz beobachtet, dass Menschen in der Lebensmitte, die auf diesem Wege ihren Abschluss als „staatliche anerkannte Erzieher“ machen, ihrem Beruf oft länger treu bleiben als die jungen Leute, die mit Anfang 20 von den Erzieherschulen kommen.

Zeit ist die entscheidende Währung

Trotz dieser positiven Trends: Die Politik darf sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Wir brauchen noch mehr Erzieherinnen und Erzieher, müssen sie gründlicher ausbilden und fairer bezahlen, um für Kinder schöne Orte zu schaffen. Viel Auslauf, helle Räume, anregende Spielsachen und leckeres Essen sind wichtig für das Glück der Kinder. Aber noch viel wichtiger sind die Menschen, die sich um sie kümmern – und die Frage, ob sie genug Zeit haben, sich wirklich zuzuwenden: Zeit, um mit Kollegen über pädagogische Prozesse zu sprechen, Zeit, um sinnstiftende Rituale zu erfinden, Zeit, um gemeinsame Ausflüge und Feste vorzubereiten.

Es darf nicht sein, dass die Erzieherinnen im Alltagsstress zu Fütter- und Wickelmaschinen degradiert werden. Und dass sie sich mit viel zu großen Kindergruppen alleingelassen fühlen.

Außerdem: Die Hauptstadt wächst in rasantem Tempo. Die Bevölkerungsprognose aus dem Februar diesen Jahres sagt, dass bis 2025 fast 80.000 Kinder unter 18 Jahren in die Stadt ziehen werden. Der Bedarf nach gutem Personal und nach attraktiven Kindergartenplätzen wird also weiter in die Höhe schnellen: durch Zuzug, steigende Geburtenraten und durch den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem ersten Lebensjahr, auf den immer mehr Eltern pochen.

Es gibt ein interessantes Phänomen: dass die Kinder jetzt jünger in die Kitas kommen und dort länger verweilen. Die Sprecherin der Jugendverwaltung des Senats Iris Brennberger sagte, dass inzwischen ein Drittel der Sechsjährigen noch in der Kita ist. 

Kita-Gründer vor den Kopf gestoßen

Die Zahl der benötigten Plätze seriös zu beziffern, ist kein einfaches Unterfangen. Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband schätzt, dass bis zum Jahr 2025 noch einmal 25.000 zusätzliche Plätze benötigt werden. Diese Schätzung ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, aber im Oktober wird der neue Kita-Entwicklungs-Plan (KEP) veröffentlicht – und liefert belastbare Zahlen.

Vor dem Hintergrund des großen Bedarfs irritierte die Nachricht, dass die 70 Millionen aus dem Landes-Ausbau-Programm „Auf die Kitas, fertig, los“ für das Jahr 2020 schon im Juni ausgeschöpft waren. Viele der potenziellen Kita-Gründer bekamen Briefe aus der Senatsverwaltung: Dort wurden sie in einem ziemlich barschen Ton aufgefordert, ihre mühsam zusammengetragenen Antragsunterlagen abzuholen – ansonsten würden sie umgehend vernichtet.

Viele der freien Kita-Träger äußerten sich empört: Vor allem diejenigen, die – wie die Kita Hoppípolla und die Fröbel-Kindergärten – finanziell in Vorleistung gegangen waren und sogar schon Mietverträge unterschrieben hatten. Sie fürchteten, nun bis zum Jahr 2022 keine Zuschüsse mehr zu erhalten.

Scheeres: „Wir werden nicht nachlassen!“

Marianne Burkert-Eulitz hatte deshalb Ende August eine schriftliche Anfrage gestellt, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt. Liest man die Antwort der Senatsverwaltung, so dämpft sich das Skandalgefühl. Denn aus den Corona-Hilfen des Bundes wird das Land Berlin gut 48 Millionen für den Kita-Ausbau bekommen. Außerdem stehen noch 23 Millionen aus dem Landesprogramm für 2021 zur Verfügung.

Inzwischen hat der Senat schnell nachgearbeitet: Es wurde eine Warteliste erstellt und bis Mitte September eine Förderauswahl getroffen, sodass die aussichtsreichsten 47 von 111 Projektanträgen jetzt doch schon Finanzierungszusagen erhalten haben. Durch ihre Realisierung werden in naher Zukunft 2668 Kita-Plätze geschaffen und vielleicht sogar noch mehr: Denn die übrigen Projektanträge können sich bis Mitte Oktober um die 20 Millionen der verbliebenen Bundesmittel bewerben.

„Das sieht nach geordnetem Vorgehen aus,“ sagt Burkert-Eulitz. „Aber was mich nach wie vor ärgert, ist, dass Sandra Scheeres nicht schon im vergangenen Haushalt für mehr Gelder gekämpft hat. Denn intern waren die Zahlen der letzten Bevölkerungsprognose sicher schon früher bekannt.“ Auch Sandra Scheeres weiß, dass es fatal wäre, jetzt das Tempo aus dem Kita-Ausbau zu nehmen. „Wir werden nicht nachlassen!“, gelobte sie bei der Verleihung des Deutschen Kita-Preises in Spandau. Denn Spandau gehört zu den Vierteln der Stadt, in denen mindestens 500 Kita-Plätze fehlen.

Zahlen und Fakten zum Berliner Kita-Ausbau:

  • In Berlin gibt es im Moment rund 2700 Kitas und 1200 Kita-Träger
  • Seit 2011 wurden in der Hauptstadt aus öffentlichen Mitteln rund 50.500 Kita-Plätze geschaffen und gesichert: Inzwischen sind es 169.000 Kita-Plätze plus rund  5300 Plätze in der Tagespflege. 
  • In den Berliner Kitas arbeiten rund 34.000 Fachkräfte (=28.300 Vollzeitäquivalent). Seit  2015 ist ein Personalaufwuchs von 6300 Vollzeitäquivalenten geschehen.
  • 16,6% der Fachkräfte in den Berliner Kitas sind aktuell Quereinsteigende.
  • Im Schuljahr befanden sind 10.300 Personen in der Erzieherausbildung an den Berliner Fachschulen für Sozialpädagogik. Es war das zweite Jahr in Folge, dass die Marke von 10.000 überschritten wurde.
  • Für das Kita-Ausbau-Programm des Landes standen im Jahr 70 Millionen Euro zur Verfügung, im Jahr 2021 kommen 23 Millionen hinzu. Aus dem Corona-Hilfe-Programm des Bundes werden 48 Millionen in den Berliner Kita-Ausbau fließen.

Paul Fresdorf, der bildungspolitische Sprecher der FDP, kritisierte das Fehlen einer „Willkommenskultur“ für die gründungswilligen freien Träger. „Viele haben nicht das Gefühl, einbezogen zu werden in die Entscheidungsprozesse. Kommunikation ist leider eine große Schwäche der aktuellen Regierung.“

Lars Bekesi vom Verband der kleinen und mittelgroßen Kitaträger (VKMK) fordert, die steigenden Mietkosten in der Kostenrechnung des Senats zu berücksichtigen. Manche Kita-Träger besäßen ihre Immobilie oder hätten alte Mietverträge, während andere in attraktiven Innenstadtlagen mit galoppierenden Quadratmeterpreisen konfrontiert seien. „Wenn man kein Kita-Sterben riskieren will, muss die Politik auf diese Unterschiede reagieren.“

Sprachförderung als Schlüsselaufgabe

Die nächste große Aufgabe, der Politik und Kitas sich in den nächsten Jahren verschreiben müssen, ist die Sprachförderung. Es gibt immer noch sehr viele Kinder in Berlin, die zum Zeitpunkt ihrer Einschulung nicht richtig sprechen können. Und damit ist nicht nur das Beherrschen der deutschen Sprache gemeint, sondern überhaupt ein vertrauter Umgang mit Sprache. Wie sagte der Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.

Deshalb noch einmal das Mantra: Wir brauchen Erzieherinnen und Erzieher, die gut ausgebildet und gut bezahlt werden und genug Zeit haben, um mit den einzelnen Kindern zu sprechen und ihnen zuzuhören. Und wir brauchen clevere Konzepte wie das der „Sprachkita“, das der Bund in den letzten Jahren erfolgreich erprobt hat.

Gebührenfreiheit umstritten

Stolz ist die Regierung Scheeres darauf, dass sie die Gebührenfreiheit der Berliner Kitas durchgesetzt hat. Diese Reform ist allerdings in Fachkreisen und auch bei Eltern sehr umstritten – und wird auch als Instrument einer größeren Bildungsgerechtigkeit angezweifelt. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben ja schon vor der Reform keine oder nur sehr geringe Gebühren bezahlt. Und viele gut verdienende Eltern sagen, dass sie gerne Beiträge bezahlen würden, um die Qualität der Betreuung weiter zu steigern. Passiert jetzt nicht eine Gleichheit – als Nivellierung nach unten statt nach oben?

Bisher gab es ja in jedem Jahr satte Haushaltsschüsse in Land und Bund, mit denen man den Kita-Ausbau und die Gebührenfreiheit finanzieren konnte. Aber nun hat sich unsere finanzielle Welt plötzlich gedreht und wir müssen überlegen, wie wir mit den Corona-Folgen und mit den Corona-Schulden umgehen. In dieser Legislatur steht die Abschaffung der Gebührenfreiheit sicher nicht zur Debatte. Aber vielleicht wieder im Herbst 2021 – und für den Fall, dass die Qualität der Betreuung einer neuen Sparwut zum Opfer fällt.