Schulunterricht zu Hause? Vielen Schulen und Lehrern fällt es noch schwer, digitale Angebote zu machen. 
Foto: Imago/Thomas Imo

BerlinDie Schulen sind für die Kinder nur an wenigen Tagen geöffnet, der Unterricht fällt oft aus, die Hausaufgaben werden in vielen Fällen nur per Mail übermittelt. Die Digitalisierung der Schule ist in den vergangenen Jahren kaum vorangekommen, das zeigt sich zurzeit deutlich. Woran liegt das? Ein Gespräch mit Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI), wo im Auftrag des Bildungsministeriums auch die HPI-Schulcloud entwickelt wird. 

Herr Meinel, der Spiegel schrieb zuletzt, dass kein anderer Bereich in der Corona-Krise annähernd so versagt wie das Schulsystem. Ist das auch Ihr Eindruck?

Wir haben leider das Problem, dass wir ein Defizit der vergangenen 15 bis 20 Jahre aufholen müssen. In Deutschland hat Digitalisierung in der Schule weitgehend keine Rolle gespielt oder nur in einer Art „Wildwuchs“, wo einzelne, digitalaffine Lehrer aktiv geworden sind.

Der Spiegel ging noch weiter: Mitarbeit mangelhaft, Versetzung gefährdet.

Bashing hilft aber auch nicht weiter. Es ist ja nicht die Schuld eines einzelnen Lehrers oder einzelnen Ministers. Ich habe mich lange gefragt, warum wir als hochentwickelte Industrienation so schlecht dastehen.

Schulunterricht mit digitaler Unterstützung ist jedenfalls keine Generationsfrage.

Christoph Meinel

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Die föderale Struktur ist sicherlich besonders hinderlich. Lange hat man die Schulen allein gelassen, die sollten sich selber um die Digitalisierung kümmern. Die Schulträger sollten die Hardware und Computer zur Verfügung stellen, der Bund stabile Datennetze. Aber die Bildungshoheit liegt bei den Ländern, und da stellt sich die Frage, ob die nicht auch für die digitale Schulbildung zuständig sind.

Christoph Meinel ist Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam. Foto: HPI/Kay Herschelmann
Zur Person

Christoph Meinel ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) sowie Dekan der Digital-Engineering-Fakultät an der Universität Potsdam. Unter seiner Leitung wird mit Unterstützung des Bildungsministeriums seit 2017 die länderübergreifende Bildungsplattform HPI-Schul-Cloud entwickelt.

Warum nicht die Schulen?

Eltern von schulpflichtigen Kindern wissen das. Auch wenn die Schulen technisch gut ausgestattet sind und über eine stabile Netzverbindung verfügen, kommen die Lehrer mit ganz verschiedenen Lernsystemen für die Kinder, und in jedem Fach kommen andere Anwendungen und Systeme zum Einsatz. Eltern und Kinder müssen sich also immer wieder neu einarbeiten. Schwieriger noch, die Eltern müssen aus Gründen des Datenschutzes vor der Nutzung jedes neuen interaktiven Lernsystems schriftlich zustimmen, weil die Systeme ohne Speicherung der Nutzerdaten und -historie nicht funktionieren. Bei vielen der in der Corona-Not genutzten und empfohlenen Systeme haben sich so Lehrer unwissentlich strafbar gemacht, wenn sie sich nicht abgesichert haben.

Und das könnte eine bundesweite Schul-Cloud ändern?

In der Schul-Cloud müssen sich Familien einmal registrieren und haben dann über die Cloud Zugriff auf alles, was sie zum digitalen Arbeiten und Lernen brauchen: auf Office-, Chat- und Videokonferenzsysteme und auch auf die digitalen Inhalte im Lernstore der Schul-Cloud, die datenschutzkonform über eine Pseudonymisierungsschnittstelle erreicht werden. So eine komplexe Infrastruktur selbst zu entwickeln, das kann eine einzelne Schule oder ein Schulträger nicht schaffen, selbst für die Länder ist das viel zu teuer. Deshalb übernimmt der Bund die Entwicklungskosten der Schul-Cloud. Wenn eine solche digitale Infrastruktur aber einmal steht, dann ist es egal, ob da 100 Schulen oder 10.000 Schulen mitmachen, es entstehen nur unterschiedliche Betriebskosten.

Bei Videokonferenzen sieht man sehr gut, dass unterschiedliche Lehrer unterschiedlichen Anbietern vertrauen.

In der Schul-Cloud des HPI setzen wir auf Open-Source-Angebote, deshalb bieten wir BigBlueButton für Videokonferenzen an. Das wird sehr gut angenommen, es ist ja auch eine unmittelbare digitale Abbildung der Klassenraumsituation. Aber digitale Bildung kann viel mehr – es gibt Tools, um Klassenarbeiten zu schreiben, Vorträge vorzubereiten und mit Anmerkungen weiterzureichen, einen Verteilungsplan für Hausaufgaben zu erstellen, damit die Schüler nicht an einzelnen Tagen überfordert sind. Außerdem können Schüler dort auch Aufgaben gemeinsam lösen.

Wie werden diese Angebote denn angenommen.

Das ist sehr unterschiedlich und hat sich auch durch die Corona-Krise und Schulschließungen stark verändert. Insgesamt arbeiten jetzt bundesweit knapp 2000 Schulen mit der HPI-Schul-Cloud.

Das klingt noch ausbaufähig. Mit dem Digitalpakt vor vier Jahren sollten die Schulen zukunftsfähig gemacht werden. Vor drei Jahren startete die Pilotphase der Schul-Cloud mit dem Verein Mint-EC, einem Zusammenschluss von 150 naturwissenschaftlich-mathematisch profilierten Gymnasien. Warum machen denn nicht mehr Schulen mit?

Das Projekt war bis 2021 zunächst nur auf diesen begrenzten Kreis an MINT-EC-Schulen beschränkt, dann kamen Pilotprojekte in den Bundesländern Niedersachsen, Brandenburg und Thüringen hinzu. Vor Corona haben etwa 300 Schulen die Schul-Cloud mit uns zusammen entwickelt und genutzt. Durch die zusätzliche Bereitstellung von Soforthilfen durch die Bundesregierung in der Krise konnte dann die HPI Schul-Cloud für alle interessierten Schulen vorzeitig geöffnet werden. Jetzt arbeiten schon knapp 2000 Schulen mit der Schul-Cloud. Außerdem haben sich weitere 1500 Schulen bei uns angemeldet, und wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese ebenfalls schnell anzuschließen.

Können Sie auch sagen, warum Lehrer oft Schwierigkeiten haben, sich mit den neuen Methoden und Tools anzufreunden?

Schulunterricht mit digitaler Unterstützung ist jedenfalls keine Generationsfrage, sondern eine Frage der Motivation. Es gibt auch ältere Kollegen, die sehr aktiv sind. Viele Lehrer haben trotz schlechter technischer Ausstattung ihrer Schule versucht, die digitale Technik einzusetzen und sind dann gescheitert. Wenn so etwas passiert, gibt es Gelächter in der Klasse, und der Lehrer versucht es nicht wieder.

Nicht gut.

Wichtig wäre ein Kulturwechsel im Lehrerzimmer. Menschen können ganz selbstverständlich ihr Smartphone bedienen, weil sie sich gegenseitig schulen. Sie sprechen über die Geräte und tauschen Tipps aus. Niemand braucht eine Weiterbildung, um ein Handy zu nutzen. Es wäre gut, wenn diese Kultur sich auch im Lehrerzimmer etablieren würde, wenn es um digitale Lerninhalte geht. Und wenn wir  mit der Schul-Cloud ein System hinstellen, das so einfach zu nutzen ist wie das Handy, dann wäre sehr viel gewonnen, und daran arbeiten wir.

Noch einmal zurück zu Ihrer Cloud, da gibt es noch zwei Kritikpunkte. Von einem Hackerangriff im Mai ist berichtet worden.

Ja, vor einigen Wochen wurden wir darauf hingewiesen, dass personenbezogene Daten über eine Schwachstelle potenziell einsehbar waren. Diese Datenschutzlücke konnten wir binnen weniger Stunden schließen und sind damit sehr transparent umgegangen.

Zweite Sache: Andere Anbieter von Schul-Clouds kritisieren, dass die staatliche Förderung des HPI-Projekts die Digitalisierung der Schulen behindere. Die Anbieter hätten schon seit Beginn der Schulschließungen Soforthilfe geleistet, indem sie Schulen unbürokratisch und teils auch komplett kostenlos ihre Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellten. Statt diese Bemühungen zu unterstützen, würde das Bildungsministerium nun erneut einen zweistelligen Millionenbetrag in die HPI-Lösung stecken. Was sagen Sie dazu?

Ich denke, dass die Corona-Krise die Defizite bei der digitalen Schulbildung sehr deutlich aufzeigt und der Status quo keinesfalls zufriedenstellend ist. Als HPI haben wir den Auftrag, mit der Schul-Cloud eine integrative und offene Lernumgebung zu schaffen, die Lehrkräften und Schülern das digitale Arbeiten in einem geschützten und sicheren Raum ermöglicht – ganz ohne Verwertungsinteressen. Unter welchem Namen die HPI-Schul-Cloud in den Bundesländern betrieben wird, welche digitalen Lerninhalte dort von Inhalteanbietern über den Lernstore der Schul-Cloud zur Verfügung stehen oder welche landesspezifischen Systeme zum Einsatz kommen sollen, können die Länder selbst entscheiden. Die HPI-Schul-Cloud ist kein Produkt, sondern ein Open-Source-System.

Und zu dem Vorwurf, Ihr Projekt zögere die Digitalisierung der Schule weiter hinaus? Anstatt auf funktionierende Lösungen am Markt zu setzen, müssten Schulen und Träger auf das vermeintlich kostenlose Allheilmittel vom Bund warten, hieß es.

Mit den Problemen der Ausschüttung der Mittel des Digitalpakts hat das Schul-Cloud-Projekt nichts zu tun. Wir haben uns dem Auftrag gestellt, die digitale Transformation in den Schulen in Deutschland voranzutreiben. Die derzeitige Corona-Krise hat nun wirklich jedem deutlich gemacht, wie wichtig die Anstrengungen zur Digitalisierung in den Schulen sind und wie misslich es ist, wenn die durch die digitalen Technologien gebotenen Möglichkeiten nicht genutzt werden können. In anderen Ländern haben Schulschließungen viel weniger Probleme bereitet.