Zu hohe Erwartungen, zu wenig Wertschätzung: Verzweifelte Lehrerin in einem Klassenzimmer . 
Foto: Imago Images/Liesa Johannsen

BerlinIch studiere jetzt im sechsten Semester Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Freien Universität. Die Hörsääle sind voller idealistischer Menschen, die ihre Ideen energisch vertreten. In den höheren Semestern führt dies auch außerhalb der Seminare zu langen Debatten über die Bedingungen von Bildung und Erziehung in Deutschland.

Gerade bei den Diskussionen über die Chancengleichheit wird immer wieder in der Schule nach Ursachen und Lösungen gesucht. Sie müsse dafür Sorge tragen, dass Kinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, das in ihnen schlummernde Potenzial entdecken und gleichsam ausschöpfen können, müsse Sprachprobleme ausgleichen und schlussendlich für eine faire Zukunft aller Kinder sorgen.

Immer wieder kamen mir in der Uni dieselben Sätze über die vermeintliche Zuständigkeit von Schule für die Lösung tiefgreifender Grundsatzprobleme sozialer Reproduktion zu Ohren – allein durch Bildung sollten Kinder die Hürden ihrer sozialen Herkunft überwinden. „Das Ganze fängt ja schon in der Schule an …“; „Das muss das Schulsystem doch leisten …“ – so oder ähnlich beginnen die kurzgreifenden Argumentationsketten, an deren Ende so häufig das Schulsystem für schuldig befunden wird. Dann wird noch Bourdieu zitiert und am Ende klingt es beinahe so, als würden wir alle seit Jahren übersehen, dass die Schule Deutschland in tiefe Ungerechtigkeit stürzt.

Vergessen wird, wenn man die Lösung aller möglichen sozialen Probleme an die Schule delegiert, dass die Kinder immense Auswirkungen unterschiedlicher Sozialisation mitbringen. So müssen Lehrkräfte Schüler und Schülerinnen begleiten, die zwar die erste Klasse besuchen, aber noch nicht richtig sprechen können – und damit sind nicht zwingend Effekte eines Migrationshintergrundes gemeint. Andere beherrschen bereits das Alphabet und können einfache mathematische Aufgaben lösen. Vielen von uns ist scheinbar nicht klar, unter welch unterschiedlichen – und teils prekären – Bedingungen Kinder auch in Deutschland leben und aufwachsen. Diese Kluft können die Lehrkräfte unmöglich im Alleingang schließen. Schule ist hier am Limit.

„Das Ganze“ fängt also nicht in der Schule an. Über die gesamte Schulzeit bildet sich eine geballte Ungleichverteilung von Ressourcen ab, vor deren Ausgleich die Lehrerinnen und Lehrer nicht nur auf Grund des Personalmangels kapitulieren müssen. Vor allem wenn man es ihnen zur Aufgabe macht, diese Unterschiede nicht nur zu erkennen, sondern sie zu beseitigen. So erscheint der ohnehin schon unterbesetzte Beruf für potenziell Interessierte mehr und mehr als eine Mammutaufgabe, der sich immer weniger Menschen bereit sind, zu stellen.

Schon jetzt stößt man bei der Recherche in den Datenbänken psychologischer Studien auf ganze Bücher und Papers über das Burnout-Syndrom bei Lehrkräften, die nach Erklärungen für das besonders häufige Auftreten des Krankheitsbildes in dieser Berufsgruppe suchen. In Verbindung gebracht wird es neben den üblichen Faktoren wie starker Lärmbelastung immer wieder mit hohem Verantwortungsdruck und unzureichender Wertschätzung.

Dies sollten wir nicht zusätzlich durch utopische Erwartungen eskalieren, denn für viele Schulen in Deutschland ist es Alltagsrealität, dass der Ausfall auch nur eines einzigen erschöpften Lehrers oder einer überlasteten Lehrerin die Schule vor beinahe unlösbare organisatorische Probleme stellt. Und das bedeutet in der Folge einen qualitätsmindernden Engpass in der Betreuung der Kinder. Das wollen und können wir uns nicht leisten.

Unbestritten ist, dass ein gutes Bildungssystem seinen Beitrag zum Abbau ungerechter Verhältnissen in der Gesellschaft leisten kann. Doch die Triebkraft eines solchen Bildungssystems sind motivierte und psychisch gesunde Lehrkräfte. Dafür brauchen wir mehr unbürokratisch zugängliche und kluge Investitionen und weniger zeitlich begrenzten Aktionismus. Soziale Ungerechtigkeit ist eines der großen Probleme unserer Zeit. Schule kann helfen, es einzudämmen – aber eine wirkungsvolle Politik muss den Hebel viel früher ansetzen.