Seit Jahrzehnten schulpolitisch aktiv: Schulleiter und Verbandsvorsitzender Ralf Treptow.
Foto:  Gerd Engelsmann/Berliner Zeitung

BerlinKönnen Abschlussprüfungen in der Corona-Krise überhaupt stattfinden? Sandra Scheeres' (SPD) hält noch daran fest: Ihre Verwaltung veröffentlichte am Dienstag einen neuen Prüfungsplan. Am gleichen Tag verkündete Schleswig-Holstein als erstes Bundesland, seine Abiturprüfungen abzusagen. Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren und Leiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, fordert das Gleiche für Berlin – und kritisiert Scheeres’ Zaudern.

Herr Treptow, am vergangenen Wochenende hat Schulsenatorin Sandra Scheeres alle Abschlussprüfungen, die noch vor den Osterferien hätten stattfinden sollen, auf die Zeit danach verschoben. Was halten Sie von dieser Entscheidung?

Viel zu zögerlich. Wer sagt uns denn, dass wir nach den Osterferien wieder Prüfungen machen können? Das steht überhaupt nicht fest. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir das System, wie es jetzt besteht, retten können, wenn wir die Prüfungen weiter Woche um Woche nach hinten verschieben. Bei den Kindern und Jugendlichen der Jahrgangsstufen 10, 12 und 13 und auch bei den Eltern herrscht eine große Unsicherheit.

Was hätten Sie sich von der Senatorin gewünscht?

Scheeres hätte ein klares Signal senden müssen. Bis heute gibt es keine Versicherung der Senatorin, dass die Feststellung aller Bildungsabschlüsse in Berlin auch in diesem Schuljahr erfolgen wird. Auf diese Aussage warten aber Tausende Jugendliche und deren Familien. Und wenn die Senatorin das Signal nicht aussendet, dann mache ich das jetzt eben: Liebe Jugendliche, es wird auch in diesem Schuljahr an jeder Berliner Schule festgestellt werden, ob ihr die Bildungsabschlüsse, die ihr anstrebt, auch erreicht habt. Und wir werden das auch noch in diesem Schuljahr tun!

Sie setzen sich dafür ein, dass das Abitur in diesem Schuljahr auf der Grundlage der erbrachten Leistungen in den vier Qualifikationssemestern verliehen wird.

Ich habe die Senatsbildungsverwaltung schon Mitte März gewarnt, dass diese Lösung unvermeidlich werden wird, wenn sie nicht sofort umsteuert. Wenn am Ende des Schuljahres manche in diesem Abiturjahrgang nur eine, zwei, drei oder vier Prüfungen absolviert haben, dann brauchen wir auch eine Grundlage, auf der wir trotzdem für alle das Abitur feststellen können. Je länger Corona sich in Berlin ausbreiten wird, desto mehr wird das aktuell. Wir können nicht mehr warten. Wir müssen eine Grundsatzentscheidung fällen, und zwar noch vor den Osterferien. Die wahrscheinliche Absage aller Abiturprüfungen in Schleswig-Holstein sollte Berlin sich so schnell wie möglich zum Vorbild nehmen.

„Der Begriff ‚Notabitur‘ ist stigmatisierend“

Und wenn sich in den Osterferien herausstellen sollte, dass die Abschlussprüfungen doch durchgeführt werden können?

Ich halte es in der jetzigen Situation für völlig ausgeschlossen, dass wir in den noch nicht einmal mehr drei Monaten bis zum Beginn der Sommerferien in Berlin alle Abiturientinnen und Abiturienten durchprüfen können. Das schaffen vielleicht noch Bayern und Baden-Württemberg mit ihren späten Sommerferien, wenn dort bis Ende Mai die Corona-Krise abflachen sollte. Mein Vorschlag: Die Grundlage für das Abitur sind in diesem Jahr die Leistungen aus den vier Semestern. Und diejenigen, die doch noch Prüfungen absolvieren könnten, können nach Bekanntgabe der Ergebnisse entscheiden, ob sie diese in ihre Abiturberechnung einfließen lassen wollen oder eben das Abitur auf der Grundlage der Semesterleistungen berechnet bekommen haben wollen.

Bild: BLZ / Gerd Engelsmann
Zur Person

Ralf Treptow leitet seit fast 30 Jahren das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow und ist seit Jahrzehnten auch schulpolitisch aktiv, unter anderem als Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin (VOB). Die VOB beschäftigt sich vor allem mit dem Gymnasialbereich, äußert sich aber auch allgemein zum Schulwesen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Abschlüsse ohne Prüfungen dann als minderwertig gelten?

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz hat schon zugesagt, dass die Bundesländer die jeweiligen Wege zur Feststellung des Abiturs untereinander akzeptieren. Das war ein ganz wichtiges Zeichen. Deshalb ist diese Gefahr vom Tisch und wir sollten sie auch nicht herbeireden. Es ist unser aller Pflicht, unsere Jugendlichen nicht zu verunsichern.

Das Abi ohne Prüfungen kursiert aber schon unter dem Namen „Notabitur“.

Das ist ein stigmatisierender Begriff, das sollten wir unseren Jugendlichen nicht antun. Wir werden das Abitur verteilen, das unter den jetzigen Umständen verantwortlich vergeben werden kann, und das wird für die Umstände des Jahres 2020 ein vollwertiges Abitur sein.

Wie soll mit dem Mittleren Schulabschluss und der Berufsbildungsreife umgegangen werden?

Für dieses Schuljahr schlagen wir, die Mitglieder der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin, vor, dass alle Bildungsabschlüsse auf der Grundlage der Zeugnisse verteilt werden und zusätzliche Prüfungen dafür nicht herangezogen werden. Auch an den Integrierten Sekundarschulen (ISS) muss man ja davon ausgehen, dass wir diese Prüfungen vielleicht gar nicht mehr durchführen können. Die Vertreter der ISS hatten für die Verschiebung plädiert, weil sie den nun ausgefallenen Unterricht gebraucht hätten, um die Schülerinnen und Schüler auf diese Prüfungen vorbereiten zu können. Was ist, wenn vor den neuen Terminen nur eine Woche oder gar kein Unterricht möglich ist? Das reicht dann zur Vorbereitung an den ISS wiederum nicht aus.

Sie sagen, Scheeres hätte früher handeln müssen. Was hätte das aus ihrer Sicht geändert?

Es hätte noch Möglichkeiten gegeben, wenigstens einige Prüfungen abzusichern. Die habe ich der Senatsbildungsverwaltung auch unterbreitet. Ein Beispiel: Im aktuellen Prüfungsplan verteilen sich die Termine für das dritte Prüfungsfach im Abitur auf fünf verschiedene Tage. Wenn man noch jeweils zwei Nachschreibetermine mit einrechnet, sind das in der Summe 15 Tage. Mit einer mutigen Entscheidung vor zwei Wochen hätte man noch sagen können: Wir prüfen alle dritten Prüfungsfächer an einem Tag, für den gesamten Jahrgang, in leeren Schulhäusern. Dann braucht man noch einen Nachprüfungstag und einen Nachnachprüfungstag und hätte aus 15 Prüfungstagen drei gemacht. Das ist übrigens eine Umstellung, die wir als Verband seit Jahren fordern. Dass das bisher nicht geschehen ist, fällt uns jetzt auf die Füße.

Was halten Sie denn von den Vorschlägen, den Beginn der Sommerferien zu verschieben oder die Prüfungen zu Beginn des nächsten Schuljahrs abzuhalten?

Dass wir zu Beginn der Sommerferien aus der Coronakrise heraus sein werden, ist ja erst mal auch nur eine Annahme. Aber selbst wenn: Ich fürchte, das Land Berlin würde dann von einer Klagewelle überrollt. Wenn endlich wieder Sozialkontakte gepflegt werden dürfen und die Familien zu den Großeltern verreisen könnten – dann wollen wir ihnen das verweigern, damit ihre Kinder Abschlussprüfungen schreiben können? Bei solchen Planspielen muss man die Folgen bedenken. Das geht nicht. Es sei denn, man wäre zu einem kompletten Systemwechsel bereit.

Wie könnte der aussehen?

Die Kultusministerkonferenz und die Ministerpräsidentenkonferenz müssten so schnell wie möglich beschließen, dass das Schuljahr ab sofort für die nächsten Jahrzehnte zu Beginn der Herbstferien endet. Das müsste also eine dauerhafte Entscheidung werden, ansonsten müsste ja eines der nächsten Schuljahre wieder verkürzt werden. Und die Hochschulen müssten in der Folge den Beginn der Regelstudienzeit ins Frühjahrssemester schieben. Ich sehe aber nicht, dass zu solchen weitreichenden Eingriffen im Moment der politische Wille da ist. Ich plädiere für Grundsatzentscheidungen jetzt, um nach der Coronakrise wieder in den normalen Rhythmus überzugehen und endlich all das erledigen zu können, was in den letzten Jahren in Berlin schon hätte neu und besser geregelt werden können.

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