Schulleiterin Gaby Plachy: „Kinder brauchen heute viel Nähe und Führung“

Die Havelmüller-Grundschule in Berlin-Tegel ist für den Deutschen Schulpreis nominiert. Schulleiterin Gaby Plachy verrät, was diese Schule so besonders macht.

Gaby Plachy, langjährige Schulleiterin der Havelmüller-Schule in Berlin Tegel. Die Schule wurde als einzige Berliner Grundschule für den Deutschen Schulpreis nominiert. 
Gaby Plachy, langjährige Schulleiterin der Havelmüller-Schule in Berlin Tegel. Die Schule wurde als einzige Berliner Grundschule für den Deutschen Schulpreis nominiert. Volkmar Otto

Berlin-Am Mittwoch wird in Berlin der Deutsche Schulpreis verliehen. In Anwesenheit von Bundeskanzler Olaf Scholz, der die Auszeichnung für die fünf besten und innovativsten Schulen des Landes überreichen wird. Zu den 15 nominierten Schulen gehört die Havelmüller-Grundschule aus Tegel, die sich gute Chancen auf den Hauptpreis ausrechnen kann. Wir sprachen mit der langjährigen Schulleiterin Gaby Plachy über das, was ihre Schule ausmacht.

Berliner Zeitung: Frau Plachy, ein Jurymitglied des deutschen Schulpreises hat gesagt, an Ihrer Schule sei es schön, Kind zu sein. Hat Sie das gefreut?

Gaby Plachy: Ja, sehr. Ich habe diesen Satz als eine Krönung meiner 18-jährigen Arbeit als Schulleiterin empfunden. Ich habe den Eindruck, dass die vielen Neuerungen, die wir in den letzten Jahren in unserem Team angestoßen haben, inzwischen ineinandergreifen – zum Wohle unserer Kinder. Wir sind ja schon lange Hospitationsschule. Das heißt, es kommen immer wieder Kollegen von anderen Schulen, um zu sehen, wie wir arbeiten – und viele sagen: An eurer Schule, da gibt es eine ganz besondere Atmosphäre.

Wie entsteht diese Atmosphäre?

Das Wichtigste ist, dass inzwischen nur noch Pädagogen an unserer Schule arbeiten, die das wirklich wollen und die unser Konzept voll mittragen. Kollegen, die ein großes Herz haben und sich sehr engagieren für die Kinder. Junge Kollegen, die froh sind, dass bei uns so viel im Team entwickelt wird – und nicht dieses Einzelkämpfertum herrscht. Das war ganz anders, als ich die Schule im Jahr 2004 übernommen habe.

Das hört sich so an, als ob Sie ziemlich systematisch Personalmanagement betrieben haben? Geht das überhaupt an einer staatlichen Schule in Deutschland?

Ja, eigentlich kann man ziemlich gut steuern, wer an die eigene Schule kommt. Ich habe immer viele Gespräche geführt, sehr systematisch Personalentwicklung und Nachwuchsförderung betrieben. Die meisten Studenten und Auszubildenden, die bei uns Praktika gemacht haben, sind nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zu uns zurückgekommen.

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Der Deutsche Schulpreis
Der Deutsche Schulpreis
Der renommierte Bildungspreis wird jährlich von der Robert Bosch Stiftung, der Heidehof Stiftung, der ARD und der ZEIT Verlagsgruppe verliehen an Schulen mit hervorragender pädagogischer Praxis. Für die Bewertung werden anspruchsvolle Kriterien herangezogen, die die Schule als leistungsorientierten Ort ansehen, aber auch als demokratischen Lebens- und Lernort. Der Hauptpreis ist mit 100 000 Euro dotiert, vier weitere Preise mit je 30 000 Euro, die restlichen Nominierten erhalten einen Anerkennungspreis von je 5000 Euro. Die Verleihnung, die am 28. September um 12.30 Uhr beginnt, wird im Fernsehen übertragen.  

Also die Kollegen sind besonders, die Atmosphäre, der Teamspirit … Wie ist es mit dem Konzept?

Wir setzen schon lange auf den jahrgangsübergreifenden Unterricht. 300 Kinder lernen von der ersten bis zur dritten und von der vierten bis zur sechsten Klasse gemeinsam. Die Lerngruppen bilden mit den Lehrkräften und Erzieherinnen sogenannte Lernfamilien. Der Unterricht wird von beiden Professionen im Tandem gestaltet. Und auf Augenhöhe. Was die Erzieherinnen als sehr wohltuend empfinden. Die Tandems bleiben oft viele Jahre zusammen und können so den Kindern ein Gefühl von Stabilität und Geborgenheit vermitteln.

Vor einem Jahr haben Sie vier neue Lernhäuser eingerichtet: das Kreativhaus, das Entdeckerhaus, das Forscherhaus und das Sporthaus. Vor der Einschulung können sich die Kinder und ihre Eltern für eines der Häuser entscheiden. Täglich wird in diesen Häusern dann zwei Stunden fächerübergreifender Projektunterricht gemacht. Können Sie Beispiele nennen für erfolgreiche Projekte des letzten Jahres?

Im Kreativhaus haben die Kinder ein Theaterstück entwickelt, Kulissen gebaut und alles, was dazugehört. Im Entdeckerhaus gab es ein Projekt zum Thema Markt. Da haben die Kinder erst eigene Produkte entworfen, haben Taschen genäht oder Lebensmittel hergestellt, die sie dann an ihren Ständen verkauft haben. Und mit dem verdienten Geld haben sie dann bei den Ständen der anderen eingekauft. Dabei wurde natürlich sehr viel gerechnet und gezählt. Und auf diese Weise konnte man dann Mathematik auf handlungsorientierte Weise lernen.

Eingang der Havelmüller-Schule in Tegel Süd. 
Eingang der Havelmüller-Schule in Tegel Süd. Volkmar Otto

Gelingt es den Pädagogen, diese aufwendigen Projekte im Alltag vorzubereiten?

Wir haben das „Havelseminar“ eingerichtet: Zehn Pädagogen bekommen jede Woche zwei Entlastungsstunden, in denen sie konzentriert und gemeinsam an Themen der Schulentwicklung arbeiten. Im Moment ist es ihre Hauptaufgabe, die Projekte für die Lernhäuser vorzubereiten.

Inwiefern ist Ihre Schule eine inklusive Schule?

An unserer Schule haben zehn Prozent aller Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf und sechzig Prozent der Kinder Migrationshintergrund. Wobei die meisten in Berlin geboren sind und sehr gut Deutsch sprechen. Als junge Lehrerin war ich an einer Schule, in der viel Integrations- und Inklusionsarbeit geleistet werden musste. Eine große Herausforderung, weil ich das in meiner Ausbildung nicht gelernt hatte. Zugleich hat diese Zeit die Überzeugung in mir reifen lassen, dass eine moderne Schule immer eine inklusive Schule sein muss. Also nicht nur in dem begrenzten Sinn, dass wir zu einem guten Umgang mit behinderten Kindern finden müssen, sondern dass wir antworten auf die wachsende Heterogenität aller Kinder. Deshalb unser Motto: Es ist normal bei uns, verschieden zu sein.

Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gehen in die „Oase“ und auf „Die Zauberinsel“ – was geschieht da?

So nennen wir die temporären Lerngruppen, die täglich zwei Stunden parallel zum Stundenplan stattfinden. Denn oft sprengt das ja den Rahmen, wenn die Lehrkräfte sich im Unterricht um einzelne verhaltensauffällige Kinder kümmern. Und umgekehrt ist es für diese Kinder schwierig, in der Klasse immer nur anzuecken. In den Lerngruppen gibt es genug Zeit und Raum für Sozialkompetenztrainings – und den Kontakt zu unseren Schulhunden.

Sie haben Schulhunde?

Ja, das sind ausgebildete Therapiehunde, meistens Labradore, die eine sehr beruhigende Wirkung auf unsere Schüler haben. Und ich finde es immer wieder frappierend, dass die sich intuitiv zu den Kindern gesellen, die gerade die größten seelischen Schwierigkeiten haben.

Sie haben vorhin von Lernfamilien gesprochen … weil  Grundschulen heute versuchen müssen, den Kindern ein zweites Zuhause zu bieten?

Ja, so sehe ich das. Kinder brauchen heute ganz viel Aufmerksamkeit und Fürsorge. Sie brauchen Ruhe, sie brauchen die Chance, nicht schon wieder allein vor irgendwelchen viereckigen Geräten zu sitzen.

Warum ist das so? Weil viele Familien unter den äußeren Druckverhältnissen implodieren – es immer mehr Scheidungen gibt, Trennungen, Umbrüche für die Kinder? Und weil durch die intensive Berufstätigkeit beider Eltern kaum noch Zeit und Ruhe bleibt für die Erziehung?

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Foto: Volkmar Otto
Zur Person
Gaby Plachy, 1958 in Hamburg geboren, war zunächst Kriminalbeamtin und arbeitete dann zwölf Jahre in Berlin-Hermsdorf als Lehrerin, bevor sie 2004 die Schulleitung der Havelmüller-Grundschule in Berlin-Tegel übernahm. Durch ihre geduldige und visionäre Arbeit wurde diese zu einer echten Leuchtturmschule. Im Juli  diesen Jahres ging Gaby Plachy mit 68 Jahren in Rente und berät seitdem andere Grundschulen, die sich weiterentwickeln wollen. Plachy ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Ich will diese Entwicklungen nicht werten, aber ich muss als Schulleiterin mit den Folgen umgehen. Dass die Kinder seelisch etwas retardiert sind, viel Nähe und Führung brauchen.

In den Hauptfächern Mathematik und Deutsch setzen Sie auf stark individualisiertes Lernen – ein  Buzzword in der Bildungswelt von heute. Aber was heißt das eigentlich? Arbeiten Sie mit Wochenplänen, die jedem Kind je nach Auffassungsgabe und Geschwindigkeit des Lernens verschiedene Aufgaben zuteilen?

Ja, wir sprechen nicht von Wochenplänen, sondern von Lernwegen, aber das Prinzip ist das gleiche. Im Raum sind dann verschiedene Materialien aufgehoben, die sich die Kinder je nach Lernweg heraussuchen können.

Zwei meiner Kinder haben in der Grundschule mit Wochenplänen gearbeitet. Und was dabei leider oft herauskommt, ist eine Art solipsistisches und verzetteltes Lernen. Als kleiner Sechsjähriger sitzt man dann stundenlang einsam vor seinem Stapel mit Arbeitsblättern und langweilt sich. Der Frontalunterricht hat ja inzwischen leider einen schlechten Ruf, aber so ein schwungvoller Lehrervortrag mit anschließenden Fragen war im Vergleich mit der Wochenplan-Ödnis für meine Kinder die reinste Erholung.

Ich denke, dass Sie da einen wichtigen Punkt berühren. Damit das nicht passiert, braucht man am Tag genug Unterrichtsstunden, in denen Lehrer und Schüler wirklich interagieren. Und wenn die Kinder für sich arbeiten, muss man auf interessante Materialien achten. Man braucht andere Medien als nur die guten alten Arbeitsblätter: zum Beispiel kurze Filme oder Spiele, die dann von drei oder vier Schülern zusammen gespielt werden. Dann macht das Lernen ohne den Lehrer gleich viel mehr Spaß!

Das mündige Kind, das selbst entscheidet, was und wie es lernen will, ist ein schönes Ideal. Aber überfordert man so einen kleinen Erstklässler nicht mit diesem gewaltigen Anspruch an Selbstorganisation und die eigene Entscheidung, was jetzt das Beste ist für ihn?

Deshalb bekommen besonders die Erstklässler noch ganz viel Führung, damit sie sich erst einmal eingewöhnen können und verstehen, wie die Abläufe bei uns sind. Ich sage immer: Vergesst die Kleinen nicht! Vergesst die Guten nicht und auch nicht die Mütter! Denn die dürfen beim individualisierten Lernen nicht zu Hilfslehrern mutieren!

(Das Gespräch führte Eva Corino.)

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