Berlin - Freitagmorgen, zehn vor acht, es ist kühl und regnerisch. Ein brauner Klinkerbau in einer Plattenbaugegend in Charlottenburg-Nord. Die Schüler haben sich vor der Moltke-Grundschule brav in Reihen aufgestellt und warten darauf, dass ihr Klassenlehrer sie abholt. 

440 Schüler gehen jetzt wieder in die Moltke-Grundschule, trotz Lockdown hat der Senat das erlaubt, am Montag war der Neustart. 70 Kinder sind seit Januar in der Notbetreuung gewesen, 30 Kinder waren gezielt eingeladen, in der Schule ihre Aufgaben zu machen – aus sozialen Gründen. „Alle anderen sind froh, dass die Schule jetzt wieder losgegangen ist“, sagt die Schulleiterin Isabel Marxen. „Die Unlust der Schüler wurde in den letzten Wochen immer größer. Die Hausaufgaben wurden nicht mehr so konsequent abgegeben, das Schriftbild war nicht mehr so ordentlich. Bei den Kleinen müssen jetzt die Beziehungen neu aufgebaut werden. Sie fremdeln etwas und sagen nicht mehr ‚Guten Morgen‘, wenn man ihnen im Flur begegnet. Also: Man merkt, dass sie lange nur in der Familie waren.“

Eigentlich sollten die Schulen nur in der Woche nach den Weihnachtsferien geschlossen sein. Doch aus einer Woche sind nun sieben Wochen geworden, jedenfalls für die Schüler der ersten bis dritten Klassen, die am Montag zum ersten Mal wieder zum Wechselunterricht kommen sollten und durften. Wann die anderen Jahrgänge folgen, ist noch nicht klar.

Roland Wanke, der im Februar als Quereinsteiger an die Schule kam, hat Biologie studiert und als Ornithologe gearbeitet. „Meine Schüler freuen sich, dass ich ihnen viel über die Natur beibringen kann“, sagt der junge Lehrer. Die erste Woche sei turbulent gewesen. „Ein bisschen wie nach den Sommerferien. Man muss sich erst mal wieder an alles gewöhnen.“ Wanke schätzt, dass etwa zwei Drittel seiner Schüler Lernrückstände haben. „Vor allem die Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen. Die hatten jetzt viele Monate keine Sprachpraxis im Deutschen.“

Kahn Wahiduzzaman hat seine Tochter Manha zur Schule gebracht. Vor zehn Jahren kam er aus Bangladesch nach Berlin, er arbeitet in einem Jugendklub und kümmert sich dort um Kinder, die zu Hause keine Unterstützung bekommen. Die Freizeitaktivitäten fallen im Moment weg, er hilft bei den Hausaufgaben und dabei, die Leihgeräte für den Digitalunterricht in Betrieb zu nehmen.

Wenn der Frust kommt, dann ist man leider nicht mehr freundlich

Abends arbeitet er dann mit der sechsjährigen Manha den Wochenplan ab. Seine Frau muss sich um den Bruder kümmern, der noch ein Säugling ist. „Wir setzen uns in ein ruhiges Zimmer und üben die Buchstaben. Es ist schon eine Doppelbelastung. Und wenn der Frust kommt, dann ist man leider nicht mehr freundlich, sondern schimpft: Jetzt mach das endlich! Das tut mir dann leid. Wir können ja nicht so gut erklären wie die Lehrer – und ich kann auch nicht so schnell lesen, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist.“

Hussein Sehmujovic hat drei Kinder, ein Baby und zwei Grundschulkinder. „Meine Frau hat gepowert. Sie hat das gut hingekriegt“, sagt er. „In meiner Branche gab es ziemliche Einbrüche wegen Corona. Aber es geht immer irgendwie.“ Seine Tochter Ileida trägt eine geblümte Maske, die ein wenig verrutscht ist. Mit sanfter Geste zieht der Vater sie wieder über die kleine Nase.

Direkt vor der Schultür steht auch eine Mutter mit langem Rock und schwarzem Pferdeschwanz: Sie kann nur wenig Deutsch und bittet ihre etwa zehnjährige Tochter, für sie zu übersetzen. Das Wort „iPad“ ist gut zu verstehen. Die Mutter ist gekommen, um ein Leihgerät abzuholen.

„Wir freuen uns sehr über die Geräte der Bildungsverwaltung, leider sind sie erst nach den Winterferien geliefert worden“, sagt Isabel Marxen, die Schulleiterin. „Obwohl wir sie den ganzen Januar über dringend gebraucht hätten. Das war ziemlich absurd: Gerade weil wir große Mengen brauchten, sind wir erst ganz zum Schluss beliefert worden. Angeblich aus logistischen Gründen.“

Wie ist die Lage? 

Der Stufenplan ist noch nicht wieder in Kraft getreten, die Präsenzpflicht ist ausgesetzt: Alle Eltern, die ihre Kinder aus Angst vor Ansteckung nicht in die Schule schicken wollen, dürfen das. 

Am Tag zuvor um kurz nach eins, Frühling im Februar. Die ersten Eltern stehen schon vor den Toren der Grunewald-Grundschule und warten auf ihre Kinder. Manche tragen zum ersten Mal ihre Sonnenbrillen, die Vögel zwitschern wie wild in den angrenzenden Gärten. Wie war die erste Woche? „Mein Sohn hat wieder viel mehr Energie und ich auch“, sagt ein Vater. „Schön, wenn man mal wieder fünf Stunden für sich hat!“

Wie war der Tag? „Maskig und heiß, sonst ziemlich normal“, sagt ein Mädchen lapidar und schiebt ihr Rad auf die Straße. Zwei Jungen drängeln mit ihren Ranzen an ihr vorbei. „Es war toll, die Freunde wiederzusehen, in der Pause zu spielen. Fangen durften wir nicht spielen, aber Verstecken und Krokodil: Das ist ein Spiel, wo der Fänger unten an der Rutsche steht und versucht, die anderen an den Füßen runterzuziehen.“

Kopfschmerzen habe er bekommen von der blöden Maske, klagt ein Junge. „Einmal wollte ich meine Nase rausstrecken, das durfte ich nicht.“ Astrid Stock, die in einer Jül-Klasse unterrichtet, findet, dass das Maskentragen für Lehrer und Kinder eine große Zumutung ist. In der Schule gilt eine strenge Maskenpflicht, allerdings müssen die Schüler nur Alltagsmasken tragen, keine FFP2-Masken. Dennoch: „Die Kinder waren so dankbar, wieder eine echte Lehrerin vor sich zu haben, die alles erklären kann. Lernrückstände habe ich nicht bemerkt, im Gegenteil: Manche Kinder haben sogar davon profitiert, dass ihre Eltern sich so gekümmert haben. Die haben tolle Fortschritte gemacht.“

Sakman Ayhan, der am Zaun der Schule lehnt und durch die Nachrichten auf seinem Handy scrollt, kann das bestätigen: Sein Sohn Yusuf ist beim Schreibenlernen gut vorangekommen in den letzten Wochen. Weil seine Frau mit ihrer Berufstätigkeit pausiert und stattdessen vier Stunden pro Tag mit Yusuf und seinen Geschwistern Schule gemacht hat.

Statt Lernrückständen Lernfortschritte durch die 1:1-Betreuung der Eltern

Auch Maren Aldinger hat sich täglich vier Stunden neben ihre beiden Grundschulkinder gesetzt.  „Allein konnten sie sich schlechter konzentrieren, da konnten kurze Aufgaben sich ungeheuer in die Länge ziehen. Aber ich denke schon, dass die beiden durch die 1:1-Betreuung gewonnen haben, zum Beispiel beim Thema Rechtschreibung.“

Aldinger ist froh, dass ihre Kinder jetzt an den zwei bis drei Schultagen insgesamt sechs Stunden haben. In der Nachbarschule hätten Kinder täglich nur zwei Stunden. „Meine Freundinnen stöhnen, weil sie in diesen zwei Stunden nicht arbeiten können, sondern nur mit Hin- und Herfahren beschäftigt sind.“

„Das Gute am Homeschooling war, dass man als Mutter besser verstanden hat, wie das eigene Kind lernt“, sagt eine junge Frau mit Kinderwagen und russischem Akzent. „Das Schlechte, dass man in einem Rollenkonflikt war. Meine Tochter hat zu mir gesagt: Ich will, dass du einfach meine Mutter bist und nicht meine Lehrerin.“

Die erste Woche sei unaufgeregt verlaufen, fast schon professionell, sagt die Schulleiterin Ruth Stephan. „Die Kinder kennen viele Abläufe schon. Neu waren die Schnelltests. Wir haben schnell Freiwillige gefunden, die als Testteam ausgebildet wurden – und jetzt die Kollegen testen. Immer montags und donnerstags von 7.30 Uhr bis 10 Uhr. „Ich habe mich gleich als Erste testen lassen und kann versichern: Es tut nicht weh, sondern killert nur ein bisschen. Gut, dass wir jetzt im Kollegium diese Möglichkeit haben. Das nimmt viele Ängste.“