Am vergangenen Freitag haben die Schulämter die Bescheide für die weiterführenden Schulen versendet. Rund 28.000 Berliner Schüler und ihre Familien haben am Wochenende erfahren, auf welche Schule sie nach den Sommerferien wechseln werden und ob es eine der drei Schulen ist, die sie als Wunschschule angegeben haben.

In diesem Jahr und auch in den vergangenen Jahren war es so, dass rund 90 Prozent der Schüler an einer ihrer Wunschschulen gelandet sind, während die restlichen zehn Prozent anderen Schulen zugeteilt wurden – und zwar auch solchen, für die elfjährige Kinder Fahrwege von über einer Stunde in Kauf nehmen mussten.

Bei den Elternausschüssen im Land und in einigen Bezirken häuften sich die Beschwerden von Eltern, deren Kinder selbst mit sehr guten Leistungen in der Förderprognose keinen Platz in einer wohnortnahen Wunschschule bekommen konnten. Natürlich sind die Eltern und die Kinder verzweifelt – und viele fragen sich, warum sie sich dann in den letzten Jahren so angestrengt haben, um gute Noten zu erreichen.

So weit, so bekannt. „Und jährlich grüßt das Murmeltier!“ – so hat der Landeselternausschuss seine Pressemitteilung zum Thema „Schulplatzbescheide für Oberschulen“ überschrieben. Doch zwei Entwicklungen sind neu, sprechen für eine „neue Unqualität“, wie der Landeselternsprecher Norman Heise sagt: Und zwar, dass es in diesem Jahr 170 Schüler aus den Bezirken Pankow, Mitte und Treptow-Köpenick gab, die einen Bescheid bekommen haben, auf dem noch überhaupt keine Schule zugeteilt wurde.

Der Staatssekretär Alexander Slotty sagte im vergangenen Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses, grundsätzlich sei die Schulplatzvergabe eine Aufgabe der Bezirke, doch die Bildungsverwaltung sei gerne bereit, die Bezirke zu unterstützen. Man sei sehr zuversichtlich, dass man bis zum 22. Juni allen Schülern eine konkrete Schule zuweisen könne. Im Moment werde geprüft, ob man an Oberstufenzentren oder an den zentral verwalteten Schulen noch Plätze oder Filiallösungen schaffen kann. Zu den zentral verwalteten Schulen gehören die beruflichen Schulen sowie die Spezialschulen, die staatliche Ballettschule, die Eliteschulen des Sports, das deutsch-französische Gymnasium und das Musik-Gymnasium Carl-Philipp-Emanuel Bach.

Wenn selbst die beste Förderprognose nicht mehr ausreicht

Ebenfalls neu ist die Tatsache, dass man an manchen Schulen inzwischen den astronomischen Notendurchschnitt von 1,0 vorweisen muss, um aufgrund dessen aufgenommen zu werden. Die B. Z. berichtete von einem Mädchen, das selbst mit einer Förderprognose (Notendurchschnitt der Hauptfächer) von 1,1 den ersehnten Schulplatz am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow verfehlt hatte, da sich auf 126 Plätze 236 Schüler beworben hatten. Von diesen 126 Plätzen gingen zwölf an Härtefälle, 38 wurden verlost und 76 wurden nach Förderprognose vergeben.

Dieses Mischungsverfahren wurde vor gut zehn Jahren eingeführt und löste das BVG-Verfahren ab, das die Entfernung zwischen Wohnsitz und Schule zum einzigen Kriterium hatte. Mit dem aktuellen Verfahren wollte die Verwaltung die Wahl der Schule freier gestalten und die Schärfung der Schulprofile unterstützen. Auch sollte eine gewisse soziale Durchmischung sichergestellt werden, indem man zehn Prozent der Plätze an Härtefälle vergibt, 30 Prozent über Losverfahren und 60 Prozent nach Kriterien, die die Schule selbst festlegt.

Manche Schulen hatten sich große Mühe gegeben, eigene Eignungsverfahren festzulegen: Sie führten Gespräche, baten um Vorspiele, berücksichtigten, wenn ein Schüler in der Grundschule schon Klassensprecher gewesen war. Doch wurden die meisten dieser Verfahren im Laufe der Jahre weggeklagt, sodass immer mehr Schulen ausschließlich auf den Notendurchschnitt als das vermutlich rechtssicherste Prozedere setzen.

Auffällig ist, dass bei den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen jedes Jahr im Grunde dieselben Schulen im Ranking ganz oben stehen: Dazu gehören zum Beispiel diejenigen Schulen, die nach Martin Buber, Max Beckmann, Herbert Hoover, Sophie Scholl und Heinz Brandt benannt sind.

Schwankungen bei der Top Ten der Berliner Gymnasien

Bei den Gymnasien hingegen gibt es von Jahr zu Jahr eine relativ starke Veränderung der Präferenzen, vermutlich, weil die Eltern versuchen, antizyklisch zu wählen. Bei den Gymnasien, die im vergangenen Jahr ganz oben auf der Beliebtheitsliste standen, rechnen sie sich zu wenig Chancen aus für ihr Kind und suchen nach Alternativen. Doch wenn sie Pech haben, folgen viele Eltern gleichzeitig derselben Ausweichbewegung.

In diesem Jahr waren zum Beispiel die Gymnasien übernachgefragt, die nach Immanuel Kant, Heinrich Hertz, Hannah Arendt und Melanchthon heißen. Das Carl-von-Ossietzky stand auf Platz acht, das Rosa-Luxemburg auf Platz zehn.

Ratsam ist es wohl außerdem, wenn man als Erstwunsch eine sehr beliebte Schule angibt, als Zweit- und Drittwunsch jedoch etwas weniger beliebte Schulen beziehungsweise „Geheimtipps“, die sich in jüngster Zeit erst gut entwickelt haben. Die Eltern des Mädchens, die von der B. Z. zitiert wurden, haben auch deshalb Pech gehabt, weil sie nur beliebte Schulen gewählt hatten. Ihr Erstwunsch war das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, ihr Drittwunsch das Rosa-Luxemburg. Die Schulen wiederum entscheiden sich zuerst für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sie als Erstwunsch angegeben haben.

Der Landeselternausschuss hatte bereits im letzten Jahr angeregt, eine Art Tauschbörse für Schulplätze zu initiieren. „Wir sind prinzipiell offen für alle Verfahren, die zu einer Verbesserung des Verfahrens beitragen“, teilte ein Sprecher der Bildungsverwaltung mit. „Auch gibt es Überlegungen im Haus, ob es sinnvoll sein könnte, die persönliche Wunschliste zu erweitern.“