Walter Womackas Bauchbinde am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt)
Foto Wikipedia CC-by 3.0/SpreeTom

BerlinNoch keine Erwähnung fanden in dieser Serie über das Schulleben in der DDR die Ferienjobs. Sie generierten ein nachhaltiges Klassenbewusstsein. Die Stundenlöhne lagen bei ungefähr drei Mark. Das war nicht wenig Geld. Aus meinem Lieblingsjob in der Vorbereitungsküche eines Interhotels, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben grünen Blumenkohl sah und lebend angelieferte Fische erstach, flog ich raus, weil ich mich mit meinem Kumpel in der Kühlkammer eingeschlossen und wir Dauerwurst in uns reingestopft hatten. 

Härter ging es in einer Weißenseer Möbeltischlerei zu. Und im Schilkin-Werk in Kaulsdorf, wohin die es mich, gerade 16 geworden, im Sommer 1988 verschlug. Ein Ort mit Geschichte. 1921 ließ sich der aus St. Petersburg vor der Revolution geflohene Appollon Fjodorowitsch Schilkin, Wodka-Hoflieferant des Zaren, mit seiner Familie in Herrenhaus in Kaulsdorf nieder. Mit seinem geretteten Vermögen baute er es zu einer Schnapsfabrik um, die bald pleiteging, im Krieg zerstört, danach vom Sohn Sergej wieder aufgebaut und halbstaatlich weitergeführt wurde. 1972 ging der Betrieb gänzlich in Volkseigentum über, im selben Jahr erhielt Sergej den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze, vielleicht zum Trost.

Milchtüte und Ranzen
Illustration: Nadia Budde

Ich lernte also einen traditionsreichen volkseigenen Betrieb von innen kennen und erinnere mich an den überwältigenden Geruch, der mir jeden frühen Morgen bei Schichtbeginn tief ins Rückenmark drang und dort bis heute abgespeichert ist: Gin. Überall Gin. Nur der Pausenraum bot olfaktorische Abwechslung, indem die rot- und hohläugigen Kollegen ihn systematisch zuquarzten.

Meine Aufgabe war es, benutzte Leerware, die von den Sekundärrohstoffannahmestellen angeliefert wurde, auf ein schmales, eingefasstes Fließband zu stellen. Die Flaschen wackelten mit ohrenbetäubendem Scheppern im Gänsemarsch in Richtung Waschanlage, was dort passierte, hätte mich vielleicht interessiert, aber es war zu laut und zu anstrengend und zu stressig, um irgendwas in Erfahrung zu bringen. Ich konnte mit einer Bewegung vier, mit etwas Mühe und Übung sechs Flaschen an den Hälsen greifen und mit einer synchronen Drehung der Handgelenke einsortieren. Die verschiedensten Branntwein-, Korn-, Likör- und Wermutreste bildeten einen Klebefilm, der über die Hände in die Ärmel in alle Körperwinkel kroch und sich dort mit Schweiß vermischte.

Für kaputte oder angeschlagene Flaschen waren Sammelbehälter in der Halle verteilt. Es war in der Ödnis ein bescheidener Spaß, die Flaschen nicht in den nächsten dieser Behälter, sondern in einen entfernteren zu werfen, zumindest in die Richtung. Der schnapsfeuchte Boden in dieser Abteilung der Fabrik war ohnehin mit Glassplittern bedeckt, die meine Gummistiefel zerschnitten. Wenn ich nicht traf, und die Flasche an einem Pfeiler oder auf dem Boden zerbarst, begann meine kleine dicke Kollegin mit Down-Syndrom und Kopftuch wie ein Rohrspatz zu meckern. Der Betrieb, geführt von Sergejs Schwiegersohn, besteht bis heute, ob sie noch immer dort arbeitet? Ich war mir seinerzeit nicht sicher, wie ich eine ganze Woche in dieser Monotonie und in diesem Dschumm überleben sollte. Der Job zermürbte mich binnen Stunden. Er bot proletarische Erweckungserlebnisse, die scharf mit der geltenden Ideologie kontrastierten. Aber ein Klassengefühl hatte sich ganz unmittelbar eingestellt, ich sprach schon am ersten Feierabend von „wir“.