Walter Womackas Bauchbinde am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt)
Foto Wikipedia CC-by 3.0/SpreeTom

BerlinIn der 7. Klasse bekamen wir das Unterrichtsfach „PA“, produktive Arbeit. Einen Tag in der Woche gingen wir in den volkseigenen Betrieb VEB Sternradio. In einer zugigen Baracke löteten wir den SKR 550 zusammen, unter Aufsicht eines missgestimmten, glatzköpfigen Brigadiers, unter dessen grauem Kittel sich ein Bierbauch wölbte.

Der Stereokassettenrekorder SKR 550 war der teuerste Kassettenrekorder der DDR, er kostete über 2000 Mark. Zwanzig Vierzehnjährige saßen in einer langen Reihe an Tischen, die Lötplätze waren durch halbhohe Trennwände voneinander geteilt. Auf jedem Tisch lagen aufgereiht in nummerierten Schachteln kleine elektronische Bauteile, die aussahen wie gefangene Insekten mit Fühlern und Stielaugen. Widerstände, Transistoren, Kondensatoren. Dazu gab es eine Leiterplatte mit nummerierten Löchern.

Die Aufgabe bestand nun darin, das Bauteil am Steckplatz mit der passenden Nummer anzubringen. Also den kleinen Käfer nehmen, die Beinchen durch die Leiterplattenlöcher fummeln, Lötkolben in das Kolophonium tauchen, einen Tropfen Lötzinn abschmelzen und dann von hinten die Beinchen festlöten.

Milchtüte und Ranzen
Illustration: Nadia Budde

Kolophonium sieht aus wie Bernstein und riecht terpentinartig, wenn es warm wird. Der Geruch ist ähnlich dem Malmittel bei Ölmalerei, und ich fühlte mich gleich heimisch an meinem Arbeitsplatz. Zwei Lötpunkte pro Bauteil, vierzig kleine Lötpunkte pro Platte, sechs Stunden am Tag. Die Leiterplatte wurde von einem Arbeitsplatz zum nächsten weitergeben. Der vorletzte Schüler steckte ein paar silbrig graue Kunststoffteile zusammen, und fertig war der SKR 550.

Rauchend lief der Brigadier an den Tischen vorbei, knurrte Hinweise und überprüfte die Planerfüllung. „Fräulein!“, er zeigte mit seinem Wurstfinger streng auf meine Insektensammlung, und sein Bierbauch wischte an meinem Rücken entlang. „Bei Ihnen sieht’s ja aus, wie in Russisch-Polen! Lötkolben aus, Arbeitstisch sortieren, aber zacki!“

Ich sortierte die kleinen Käfer wieder in die Käferschachtel und die kleinen Heuschrecken in die Heuschreckenschachtel. Und dann drehte er meine Leiterplatte um. Es war ein Kunstwerk, in meinen Augen. Aber nicht in seinen. „Schlamperei!“, prustete er, griff nach einer Leiterplatte hinter sich und hielt sie mir zwei Zentimeter unter die Augen. „So muss das aussehen, Sie …“. Eine gerade Reihe von silbernen Punkten verschwamm vor meinen Augen. Ordentlich, ja, das kann man sagen, aber nicht mein Stil. Schief ist englisch, und englisch ist chic, hatte meine Oma gesagt. Die Rückseite meiner Leiterplatte erinnerte an eine silbrige Wolkenformation.

Ich wurde wegen Unfähigkeit zur Qualitätskontrolle abkommandiert. Der SKR 550 wurde in beide Hände genommen, einmal mit der rechten Seite auf den Tisch geknallt und einmal mit der linken. Und dann geschüttelt. Gab es ein verdächtiges Rasselgeräusch ging das Gerät auf die linke Palette, ohne verdächtiges Rasselgeräusch auf die rechte Palette. „Ähm, Herr Brigadier, können wir das nicht reparieren, wenn es rasselt?“ Er knurrte etwas Unverständliches.

Später fanden wir heraus, dass man die Kunststoffteile des teuren Dings nicht mehr auseinanderbekam, ohne das ganze Gerät kaputtzumachen. Heute ist von geplanter Obsoleszenz die Rede, wenn Dinge produziert werden, die keiner reparieren kann, damit man sie neu kaufen muss. Die sozialistische Planwirtschaft schaffte solche Phänomene ganz ohne Strategie. Überholen ohne einzuholen.