Walter Womackas Bauchbinde am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt)
Foto: imago images/Steinach

BerlinDiesmal geht es in dieser Serie über die Schulzeit in der späten DDR um Märchenstunden. Gemeint ist − lach! − nicht das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde. Märchenstunden gehörten natürlich nicht zum Lehrplan, der die Schüler zu sozialistischen Persönlichkeiten heranbilden sollte. Ich hatte aber das Glück, einmal jährlich Märchenstunden erteilt zu bekommen: in den Sommerferien, während des dreiwöchigen Ferienlagers in einem kleinen mecklenburgischen Dorf an einem See. Es war kein Pionierlager, es gab keine Appelle und Wimpeljagden, aber Lagerfeuerabende und Neptunfeste. Es handelte sich um ein kleines Betriebsferienlager für die Mitarbeiterkinder einer psychiatrischen Klinik. Ungefähr 50 fuhren pro Durchgang mit, ich liebte diese drei Sommerwochen und jedes Jahr ein anderes Mädchen aus tiefstem Herzen.

Milchtüte und Ranzen
Illustration: Nadia Budde

Die Wanderung zu Frau Engel gehörte wie das Neptunfest alljährlich zum Programm. Wir gingen auf sandigen Waldwegen durch Kiefernduft ins Nachbardorf, und ich war immer wieder ein bisschen enttäuscht, dass wir nicht bei einer einsamen Pfefferkuchenhütte landeten, sondern bei einem grau verputzten Straßendorfhaus. Wenn Frau Engel, die bei uns einfach Märchentante hieß, die Tür öffnete, um die Horde einzulassen, kam das Innere den Erwartungen schon näher. Die Wände waren mit Kinderzeichnungen tapeziert − auch wir hatten welche gemalt, als Gage, und so wie sie sich darüber freute, war das mehr als angemessen. In der guten Stube gab es einen großen Tisch, umstellt von schweren Polstermöbeln. Wer keinen Platz fand, saß auf dem Teppich, der Raum war voll. Aber um den Thron von Frau Engel blieb ein wenig Raum für ihre Aura. Ihre Hände ruhten auf den geschnitzten Armlehnen ihre Blicke auf uns. Es gab Regale mit ledergebundenen Märchenbüchern, die leise zu atmen und in denen sich die Geschichten mit ihren Wundern, Prüfungen, Grausamkeiten, Zauberkräften, Festen und Verwandlungen nur auszuruhen schienen.

Und vielleicht war Frau Engel selbst diesen Büchern entstiegen, schließlich trug sie die Texte Buchstabe für Buchstabe richtig vor. So war ich mir jedenfalls sicher, und das Gefühl für ästhetische Vollendung und Geltung ist im Alter von zehn noch ungetrübt.

Die Märchen selbst − es waren natürlich nicht die abgenudelten Dauerbrenner − habe ich leider vergessen, obwohl ich weiß, dass sie in den unzugänglichen Tiefen meiner Seele wirken und mich prägten. Was ich fest im geistigen Ohr habe, ist die Stimme von Frau Engel. Sie formte die Sprache, ließ die Satzmelodie mit leicht knödelndem Vibrato über Oktaven ausschlagen. Sie ließ mit leuchtender Künstlichkeit, die nicht von dieser, aber aus einer anderen, nicht weniger greifbaren Welt stammte, verschmähte Prinzessinnen klagen, blutdurstige Wölfe lechzen, strunzfeurige Jünglinge schmachten, gemarterte Hexen singen, hochwohlgeborene Autoritäten einknicken. Sie ließ hellste Ängste und schwärzeste Fantasien Gestalt werden − ohne sich jemals selbst zu verwandeln.

Aber dann. Frau Engel wurde alt und älter. Sie konnte sich nicht mehr um sich selbst kümmern, musste ins Altersheim, bekam keinen Besuch, baute körperlich ab, verlor das Gedächtnis, löste sich auf, sicher singend, und verschwand. „Es war einmal“, erzählte die Märchentante, und gehörte schon damals selbst zum Gewesenen. Zugleich sitzt sie jetzt in aller Untrüglichkeit vor mir.