Walter Womackas Bauchbinde am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt).
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BerlinDas muss man von heute aus gesehen nicht überbewerten, aber man war während seiner DDR-Schullaufbahn gelegentlich dazu angehalten, Rechenschaft über seine gesellschaftlich-nützliche Tätigkeit abzulegen. Es konnte nicht schaden, Beispiele griffbereit zu haben, wenn man mal zu einem Gespräch mit der Lehrerin oder dem Direktor eingeladen wurde. Und auf dem Zeugnis fanden solcherlei Aktivitäten auch Erwähnung.

Die Mitgliedschaft in einem Sportverein zählte dazu, aber Anlass zur Skepsis blieb, wenn sämtliche Jungs jegliche Aufforderung zum Engagement bei Pioniernachmittagen oder Timur-Aktionen mit dem Verweis auf ihr Eingebundensein als künftige Kader in der DDR-Fußballnationalmannschaft abschmetterten. Besonders mir, dessen fußballerisches Talent so subtil angelegt war, dass es nie auch nur ansatzweise zur Entfaltung kam, wurde ein solcher Verweis auf die sportliche Betätigung als Abwehrstrategie ausgelegt.  

Milchtüte und Ranzen.
Illustration: Nadia Budde

Dass ich den Fußball eines Tages aufgab, blieb in einer gesundheitsbewussten sozialistischen Gemeinschaft nicht lange unbemerkt, sodass meinen Eltern und mir mit sanftem Druck angeraten wurde, eine andere Sportart auszuprobieren. Gut war ich im Turnen, dort errang ich bei meiner ersten und einzigen Spartakiadenvorrunde fünf Goldmedaillen: Barren, Bock, Boden, Reck und Gesamtwertung. Das lag daran, dass ich in allen Disziplinen dieses Wettkampfs der einzige Junge war. 

Auch dies musste ich also aus Gründen der Ehrenrettung aufgeben. Mir wurden Probestunden im Gewichtheben und im Rugby aufgedrängt, Orchideendisziplinen, in denen man mangels Konkurrenz Erfolge erzielen und an nationalen, gar internationalen Wettbewerben teilnehmen konnte. Auf schnellstem Wege ließ ich diese Aktivitäten im Sande verlaufen und widmete mich konkret utopischen Projekten wie der Schulhofsäuberung oder der Gründung eines Singeklubs. 

Gefangen in diesem antagonistischen Widerspruch bei der Entfaltung meiner sozialistischen Persönlichkeit kam das Angebot, an einem Schachzirkel teilzunehmen, wie gerufen. Schach ist nicht nur Sport, sondern eben auch besonders geeignet für die Herausbildung von Fähigkeiten im Kampf um den Sieg des Sozialismus. Strategie, Entschluss- und Schlagkraft sind Fähigkeiten von Partisanen, die übermächtige Gegner auf Augenhöhe zwingen und sie dann vernichten. Schach: ein Trumpf in Sachen gesellschaftliche Nützlichkeit UND Renommee. 

Ich fand mich also im Vereinsraum einer HO-Gaststätte ein. Das in Neonlicht und Zigarettenqualm getauchte Interieur bestand aus aussortierten Schulstühlen und Sprelacart-Tischen. Das Equipment entsprach Turnieranforderungen: Die Spielfelder waren auf Wachstuchquadraten zum Ausrollen gedruckt, die sich zwangsläufig wellten. Die Figuren verströmten uniformierte Funktionalität und kühle Militanz, das Ticken und Klacken der Schachuhren machten das Spiel gänzlich zum Exerzitium. 

Zur Anleitung war Herr Otto berufen, ein Schluffi mit sich entfärbender Lockenmatte und nikotingelbem Rauschebart. Ein „Kunde“, wie man damals nicht ohne Anerkennung sagte und damit Leute meinte, die ihr Ding machten, Blues hörten und eben höchstens Gitarre oder Schach spielten. Und die sich vor jeglichen gesellschaftlich-nützlichen Tätigkeiten, wenn nicht überhaupt (und dies vor dem bedrohlichen Hintergrund der Illegalität) mit viel Fantasie vor Arbeit drückten. Wir beide hätten einander als Verbündete begegnen können. Aber es machte einfach überhaupt keinen Spaß!