Neigt ein Kollege zur Selbstüberschätzung, ist das oft unangenehm für sein Gegenüber.
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BerlinDas Augenrollen ist vorprogrammiert, wenn der Kollege oder die Kollegin mal wieder zum Höhenflug ansetzt. Dabei ist Selbstüberschätzung weder eine Krankheit noch per se ein Grund zur Verurteilung. Denn auch diese Medaille – und mag sie auf den ersten Blick noch so unangenehm sein – hat bei genauerer Betrachtung zwei Seiten.

Während Selbstüberschätzung für den Einzelnen aber auch für ein Team, eine Abteilung oder die komplette Organisation ein Gift zu sein scheint, kann sie andererseits auch ein hilfreiches Instrument sein, um gesteckte Ziele zu erreichen oder die eigene Entwicklung zumindest einen Schritt voran zu bringen. Wie man seinen Blickwinkel ändert und notfalls ein klärendes Gespräch angeht, erklärt Business Coach Peter Hupke im Interview.

Selbstüberschätzung stößt beim Gegenüber selten auf Gegenliebe. Trotzdem gibt es Menschen, die von sich selbst ein völlig verzerrtes Bild haben und dies nicht zu korrigieren in der Lage sind. Warum?

Hier lässt sich nur mutmaßen, was ein Individuum motiviert sich und seine Fähigkeiten selbst zu überschätzen. Ist es fachliche Inkompetenz, die kaschiert werden soll? Ist es eine narzisstische Ausprägung? Oder ist es der Drang nach persönlicher Entwicklung oder Wachstum?

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Man spricht von dem Dunning-Kruger-Effekt. Was genau ist das?

Der Dunning-Kruger-Effekt geht auf die Psychologen Justin Kruger und David Dunning zurück. Die Studie aus dem Jahr 1999 besagt, dass Menschen mit wenig ausgeprägten Kompetenzen dazu neigen ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Sie verkennen die Kompetenz und Intelligenz anderer und sie erkennen nicht das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz. Und eben auch nicht die Notwendigkeit, sich weiterzubilden und damit ihre Kompetenz zu steigern.

Woher kommt diese Fehleinschätzung? Ist diese angeboren oder anerzogen?

Menschen lernen am Modell. Das bedeutet, einerseits übernehmen Menschen Verhaltensweisen, die ihnen vorgelebt wurden oder nach denen gelebt wird. Andererseits probieren sie sich aus, indem sie Grenzen ausloten. Bleibt eine Selbstreflexion aus oder wird in der Selbstreflexion ein eventuell entstandener Schaden als klein oder nichtig bewertet, kann dies zu weiteren zukünftigen Fehleinschätzungen führen.

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Welche Rolle spielen die Erfahrungen des Beobachters und seiner Einstellung zu dieser Charaktereigenschaft, wenn es um die Wahrnehmung von Selbstüberschätzung geht?

Wie alle Dinge hat auch die Selbstüberschätzung zwei Seiten. Sie wird oft als störend empfunden, kann aber auch die Neugier wecken. Es gibt allerdings auch Menschen, die keinerlei Notiz von der Selbstüberschätzung der Kollegen nehmen. Das liegt dann meist daran, dass das Interesse an der Person einfach zu gering ist.

Wie gehe ich mit dem verzerrten Selbstbild meiner Kollegen um? Spreche ich sie darauf an?

Hierzu muss sich jeder die Frage stellen, inwieweit das Verhalten des Kollegen die eigene Arbeit oder die Arbeit anderer Kollegen beeinflusst. Aber auch, was er mit der Ansprache überhaupt erreichen möchte. Erst, wenn dieses verzerrte Selbstbild von den eigenen Zielen beziehungsweise den Projekt-, Abteilungs- oder Unternehmenszielen abweicht, sollte man auf den jeweiligen Kollegen zu gehen. Wichtig: Man sollte in jedem Fall auch darauf achten, wer sich in welcher Hierarchieebene befindet.

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Wenn ich einen Kollegen dann auf seine falsche Selbstwahrnehmung ansprechen will, wie mache ich das, ohne selbst überheblich zu wirken?

Kommunikation ist Glücksache. Der Sender einer Botschaft hat keine Ahnung wie diese beim Empfänger ankommt, bevor er die Reaktion des Empfängers sieht beziehungsweise hört.

Es kann hilfreich sein, anhand von Beispielen aus der nahen Vergangenheit mit belegbaren Fakten das Gespräch zu suchen. Aber auch mit dem Kollegen zu reflektieren, durch welche Arbeitsschritte, Entscheidungen oder auch Verhalten ein anderes eventuell besseres Ergebnis hätte erzielt werden können, und was er benötigt um diese Dinge zukünftig zu berücksichtigen.

Was kann ich tun, wenn ich die Beschönigung meines Selbstbildes bei mir selbst feststelle oder darauf angesprochen werden? Wie und was kann ich dann ändern?

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Fragen Sie sich immer: Wem und wie schadet die Beschönigung meines Selbstbildes? Wann ist die Beschönigung eventuell hilfreich, um mein Selbstwertgefühl zu stärken? Und was wird durch eine Beschönigung vielleicht verhindert? Was ermöglicht? Wurden Sie bereits aktiv auf eine mögliche Selbstüberschätzung angesprochen – auch gut. Fragen Sie sich: In welcher Beziehung stehe ich zu dem Menschen, der mich darauf anspricht und wie wichtig ist mir diese Beziehung? Was stört diese Person an meinem Verhalten und nehmen andere Menschen aus meinem Umfeld mich genauso wahr? Welchen Einfluss hat mein Verhalten auf diese oder auch andere Beziehungen? Wer Antworten auf diese Fragen für sich selbst findet, ist auf dem richtigen Weg.