Sabine Rennefanz weiß, dass die Präferenz eines kleinen Mädchens für Puppen keine Aussage über ihre berufliche Zukunft trifft. Und doch macht sie sich Gedanken.
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BerlinMeine Tochter spielt am liebsten mit ihrer Babypuppe. Sie schiebt sie im Wagen herum, trägt sie auf dem Arm, streicht ihr über den Rücken, singt ihr ein Schlaflied. Und es ist rührend sie dabei anzuschauen. Ich weiß, dass sie ein kleines Mädchen ist und dass die Präferenz kleiner Mädchen für Puppen keine Aussage über ihre berufliche Zukunft trifft.

Trotzdem beschleicht mich ein Gedanke, ich schäme mich ein bisschen dafür, aber ich kann ihn nicht verdrängen: Was ist, wenn sie später nur Hausfrau und Mutter sein will? Das wäre wahrscheinlich die größte Rebellion gegen mich, ihre Mutter, die aus dem Wochenbett wieder Texte schrieb. Ich würde es akzeptieren, aber es wäre hart.

Ein paar Tage später, nachdem ich darüber nachgedacht hatte, fiel mir die neue Shell-Jugendstudie in die Hände. Seit 1953 werden alle vier Jahre über eintausend Jugendliche zwischen 12 und 25 zu ihren Werten, Träumen, Hoffnungen und Einstellungen befragt. In diesem Jahr wurde erstmals auch die Frage gestellt, wie sich die Jugendlichen ihre Arbeitszeit mit dem Partner aufteilen würden, wenn sie 30 Jahre alt wären und ein zwei Jahre altes Kind hätten.

Zehn Prozent der Jugendlichen unterstützen das Modell des männlichen Alleinversorgers

54 Prozent der Jugendlichen sprachen sich für ein „männliches Versorgermodell“ aus, in dem der Vater mit dreißig bis vierzig Stunden Wochenarbeitszeit den Löwenanteil zum Haushaltseinkommen beiträgt und die Mutter nur mit maximal zwanzig Wochenstunden etwas dazuverdient. Das sehen Jungs und Mädchen so, Mädchen ist es offenbar sogar noch wichtiger, dass der Partner schuftet. Das Ideal des männlichen Alleinversorgers, bei dem die Mutter zu Hause bleibt, unterstützen nur zehn Prozent der Jugendlichen.

Aber gleichberechtigte Modelle, bei denen beide Vollzeit arbeiten oder beide reduziert arbeiten, findet nur ein Drittel ideal. Ich las diese Ergebnisse und war deprimiert. Ausgerechnet diese jungen Frauen, die doch so selbstbewusst, stark und aufgeklärt wirken, träumen vom Leben als Teilzeit-Mutti?

Ist das das Ergebnis von den Debatten über Lohnlücken, #MeToo, väterlicher Beteiligung? „Es ist sehr überraschend für uns und auch eine erstaunliche Entwicklung, dass so viele junge Leute sich auf den Weg einer Re-Traditionalisierung machen“, sagte die Familienministerin Franziska Giffey bei der Vorstellung der Studie.

Vielleicht orientieren sich die Jugendlichen auch nur daran, was sie jeden Tag sehen: zu Hause, auf der Straße und in den sozialen Medien. Papa arbeitet Vollzeit, Mama verdient was dazu, ist aber unbezahlte Familienmanagerin.

Für ostdeutsche Jugendliche ist Gleichberechtigung wichtiger

Das ist vor allem in den bevölkerungsreichen westdeutschen Bundesländern so, im Osten läuft es aber traditionellerweise etwas anders. Im Osten können sich laut der Studie mehr als die Hälfte der Mädchen und jungen Frauen auch mit Kleinkind eine Arbeitswoche von 30 Stunden und mehr vorstellen, im Westen hingegen nur 26 Prozent.

Für die Ost-Jugend ist Gleichberechtigung offensichtlich wichtiger als für die westdeutschen Jugendlichen. Das wichtigste Vorbild für die Vorstellungen sind die eigenen Eltern, den Zusammenhang stellen die Forscher heraus.

Am Abend beobachtete ich meine Tochter mit ihrer Puppi. Sie legte sie in den Puppenwagen, setzte sich an den Tisch mit einem Stift und einem Block: „Ich Arbeit“.

Sabine Rennefanz liest aus neuen Kolumnen am 22.1.20, 20 Uhr Pfefferberg Theater. Mehr Infos: literatur-live-berlin.de