Ein Schüler schreibt an der Tafel.
Foto: imago images/ Frank Sorge

BerlinDer Startschuss für die Schulplatzlotterie ist gefallen: Seit Montag können Sechstklässler an weiterführenden Schulen angemeldet werden. Gut 25.000 sind es laut Senatsschulverwaltung in diesem Jahr. Bis 26. Februar dauert der Anmeldezeitraum, dann beginnt das Zittern. Kriegt das Kind einen Platz an einer der drei Wunschschulen?

Die Zahlen aus den vergangenen Jahren klingen erst mal nicht schlecht: Um die 90 Prozent aller Kinder haben es in den vergangenen beiden Jahren an eine Wunschschule geschafft. In der Praxis würde das in diesem Jahr aber immerhin 2 500 Betroffene bedeuten, die keinen Wunschplatz erhalten. Und dass es nicht mehr sind, liegt daran, dass viele Eltern sich über die Schulplatzsituation in Berlin keinerlei Illusionen machen und die Sache von vornherein strategisch angehen.

Wenn die Gymnasialempfehlung nicht gut genug ist

„Wenn man die Broschüre der Senatsverwaltung für Bildung liest, klingt das so, als gäbe es ein großartiges Angebot, in dem man einfach draufloswählen kann, was für das Kind das Beste ist“, sagt Christiane Buch, deren Sechstklässler derzeit die Liebig-Grundschule in Friedrichshain besucht. „Aber in der Realität sieht das anders aus.“

Buchs Sohn hat zwar eine klare Gymnasialempfehlung, gehört aber mit einem Schnitt von 2,1 nicht mehr zu den „sehr guten“ Schülern – das verringert seine Chancen, an einem Gymnasium genommen zu werden, das wegen eines besonders guten Rufs wahrscheinlich viele Anmeldungen bekommen wird. Seine Mutter hat sich deshalb nun als Erstwunsch für ein Gymnasium entschieden, das, wie sie sagt, „in baulich eher schwierigem Zustand“ ist. „Wir hoffen, dass das Erscheinungsbild für andere abschreckend ist.“

Buch taktiert nicht ohne Grund: Wie Andy Hehmke, Schulstadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, der Berliner Zeitung auf Anfrage mitteilte, besuchen in seinem Bezirk rund 2100 Schülerinnen und Schüler die sechste Klasse. Verfügbare Schulplätze an den vier Gymnasien dort: 510. An den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen: 967.

Zwar ist nicht gesagt, dass alle Sechstklässler im Bezirk bleiben wollen. Dass aber nicht jedes Kind, das dort seinen Erstwunsch anmeldet, in der siebten Klasse einen Platz bekommen wird, ist bei diesen Zahlen sehr wahrscheinlich. "Wir sind ein Exportbezirk", sagt auch der Stadtrat.

Das Vergabeverfahren ist kompliziert

Seit durch die Schulstrukturreform vor zehn Jahren Haupt- und Realschulen zusammengelegt wurden, heißt es in Berlin nach der sechsten Klasse für die meisten: Gymnasium, Integrierte Sekundarschule oder eine der wenigen Gemeinschaftsschulen, die in der siebten Klasse noch externe Schüler aufnimmt.

Angemeldet werden die Kinder an ihrer Erstwunschschule mit der sogenannten Förderprognose: einem gewichteten Schnitt der Noten aus dem zweiten Halbjahr der 5. Klasse und dem ersten Halbjahr der 6. Klasse. Bis zu einem Notenschnitt von 2,2 wird eine Gymnasialempfehlung ausgesprochen, ab 2,8 eine Sekundarschulempfehlung. Landet ein Kind dazwischen, soll die Klassenleitung bei der Empfehlung andere Dinge mit berücksichtigen – zum Beispiel, als wie belastbar sie es einschätzt. Verpflichtend sind die Empfehlungen für Eltern nicht. Seit dem vergangenen Jahr sind allerdings Beratungsgespräche verpflichtend, wenn Eltern ein Kind trotz eines Durchschnitts von 3,0 oder schlechter ans Gymnasium schicken wollen.

Gehen an einem Gymnasium oder einer Integrierten Sekundarschule mehr Erstwunschanmeldungen ein, als Plätze da sind, greift dieses Auswahlverfahren: 60 Prozent der Plätze vergibt die Schule nach eigenen Aufnahmekriterien – meist die Durchschnittsnote, zum Teil mit zusätzlichen Aufnahmetests. Das führt dazu, dass es an den beliebtesten Schulen hohe NCs von bis zu 1,4 gibt. 30 Prozent der Plätze werden verlost, zehn Prozent gehen an Härtefälle und Geschwisterkinder von Schülern, die die Schule bereits besuchen.

Anderes Verfahren böte mehr Beteiligung

Ein anderes Auswahlverfahren wird in diesem Schuljahr für die Grundschulkinder durchgeführt, die schon nach der vierten Klasse an ein grundständiges Gymnasium wechseln wollen: Werden sie an ihrer Erstwunschschule nicht genommen, erhalten sie mit schon im März einen Ablehnungsbescheid mit einer Mitteilung, an welchen Schulen noch freie Plätze verfügbar sind. Mit dieser Information können sie dann am Zweitwunschverfahren teilnehmen.

Ein Verfahren, dass wohl auch viele Sechstklässler-Eltern bevorzugen dürften: Sie müssen Erst-, Zweit und Drittwunsch auf einmal angeben und dann bis Anfang Juni bangen. Laut Senatsschulverwaltung gibt es bisher keine konkreten Pläne, das Verfahren auch für die Siebtklässler einzuführen.

Nun heißt es warten

Die Briefe der Schulämter werden am 29. Mai verschickt – diesmal hoffentlich an alle: Im vergangenen Schuljahr bekamen 25 Kinder in Lichtenberg und 75 in Treptow-Köpenick innerhalb der offiziellen Frist zunächst gar keinen Schulplatz ab. Erst nach mehreren Krisensitzungen richteten die beiden Bezirke zusätzliche Klassen ein.

Wenn an keiner der drei Wunschschulen ein Platz gefunden werden kann, soll das Schulamt bis spätestens 19. Juni eine andere Schule der gewünschten Schulart benennen. Es gibt allerdings keine Garantie dafür, dass die dann in der Nähe des Wohnorts liegt. Der Landeselternausschuss fordert, dass die Fahrtzeit zwischen Wohnort und Schule bei solchen Zuweisungen nicht mehr als 45 Minuten betragen darf.