Berlin - Ein Schuljahr zu wiederholen, ist für Kinder fast immer schmerzhaft.  Denn mit der Aussicht auf die Unehrenrunde klopfen so einige Ängste und Befürchtungen an. „Für viele Kinder ist das wie eine Entwurzelung. Sie sind traurig, weil sie Angst haben, ihren alten Freundeskreis zu verlieren“, sagt die Diplom-Pädagogin Jutta Wimmer.

Dazu kommt die Ungewissheit, wie es in der neuen Klasse laufen wird. Finde ich Anschluss? Was, wenn ich abgelehnt werde? Oft gibt es auch Gefühle der Scham oder des Versagens. „Sitzenbleiben kratzt für viele Kinder an ihrem Selbstwertgefühl - insbesondere wenn die Angst dazukommt, es im neuen Schuljahr wieder nicht zu packen“, so Wimmer. In den ersten Schulwochen tragen diese Kinder einen Rucksack auf dem Rücken, in dem Sorgen viel mehr wiegen als alle Schulbücher zusammen.

Was können Eltern tun, um ihr Kind für das neue Schuljahr stark zu machen? Sie können es ermutigen, das mulmige Gefühl im Bauch in Worte zu fassen. „Was in Worte gefasst ist, kann man bearbeiten. Es verliert seinen Schrecken“, sagt Wimmer. Wichtig ist dann, dass die Eltern die Sorgen annehmen und nicht bagatellisieren. Aussagen wie „Mach dir nicht so einen Kopf - du wirst schon neue Freunde finden“, sind zwar gut gemeint, helfen aber kaum.

„Es gibt viele erfolgreiche Menschen, die sitzen geblieben sind“

Besser ist, sich im Gespräch mit den Ängsten auseinanderzusetzen und Lösungen zu entwickeln. Dabei ist auch Kreativität gefragt: Quält das Kind das Gefühl, versagt zu haben, kann eine gemeinsame Internet-Recherche Linderung schaffen, man kann Fotos zeigen, Lebensläufe anschauen. „Es gibt viele erfolgreiche Menschen, die sitzen geblieben sind - man kann dem Kind zeigen, dass es in guter Gesellschaft ist“, schlägt Wimmer vor.

Geht es um die Angst, die Freunde in der alten Klasse zu verlieren, können Eltern und Kind gemeinsam überlegen, wie die Verbindung zur alten Klasse gepflegt werden kann. Die Freunde sollten weiter eingeladen werden, zu Besuch oder zur Geburtstagsfeier kommen, man kann gemeinsame Ausflüge planen. „Wichtig ist, dem Kind zu vermitteln, dass es selbst etwas dazu beitragen kann, die Freundschaften zu erhalten“, sagt die Schulpsychologin Carola Wilhayn. Auch wenn es sich für Kinder und manchmal auch für Eltern nicht so anfühlt: Ein wiederholtes Schuljahr birgt auch die Chance, in vielen Fächern sicherer zu werden, neue Freundschaften aufzubauen, selbstbewusster zu werden. Gelingt es Eltern, ihren Kindern das zu vermitteln, eröffnet sich eine neue Perspektive.

Die Haltung der Eltern überträgt sich

„Eltern haben eine Haltung zu der Entscheidung, dass ihr Kind eine Klasse wiederholt“, sagt die Lerntherapeutin Uta Reimann-Höhn. Diese Einstellung überträgt sich: Merkt das Kind, dass die Eltern selbst damit Schwierigkeiten haben, wachsen auch bei ihm schnell die Zweifel. Ein „Komm, wir packen das gemeinsam“ ist für das Kind hilfreicher, als wenn die Eltern ständig über die Schule oder die Pandemie-Situation schimpfen.

Schon in den Sommerferien können Familien einiges tun, um den Start in das neue Schuljahr zu erleichtern. Reimann-Höhn plädiert dafür, sich dabei mehr um das Wohlbefinden des Kindes als um Lernlücken zu kümmern. „Wenn es der Psyche des Kindes gut geht, fällt der Start ins Schuljahr viel leichter“, sagt sie.

Was sich Eltern und Kind für die Ferien ebenfalls vornehmen können: erste Kontakte zu den neuen Mitschülerinnen und Mitschülern zu knüpfen - etwa eine Verabredung mit dem Jungen aus dem Tischtennisverein einzufädeln, der bald auch der Klassenkamerad ist. „Hat man eine erste Anbindung in der neuen Klasse, macht das enorm viel aus“, sagt Reimann-Höhn. Und wenn der Start holprig ausfällt und das Kind mit Schulfrust nach Hause kehrt - vielleicht weil es blöde Sprüche gab? „Wichtig ist, den Kindern zuzuhören, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten und alles ein Stück weit zu beobachten - ganz nach dem Motto: Ja, das war nicht schön für dich, aber vielleicht wird es morgen besser laufen“, sagt Wilhayn.