Die Lehrerin Elisabeth Benedik von der Volksschule des Schulvereins Kreuzschwestern zeigt auf eine digitale Schultafel.
Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Diskurse herausbilden, und mit ihnen eine ganz bestimmte Art zu sprechen und Phrasen zu dreschen. Wer sich gerade mit Bildungspolitik beschäftigt, muss zum Beispiel sagen, dass durch Corona die Defizite des deutschen Schulsystems deutlich zu Tage getreten sind. Oder dass sie nun wie „unter einem Brennglas“ erscheinen. Dass niemand sich die Krise gewünscht hat, aber dass Krisen immer auch Chancen sind, und die Chance dieser Krise nun einmal darin liegt, dass wir den Schwung nutzen, Bildung neu denken und die deutschen Schulen modernisieren können. Und modernisieren heißt in diesem Zusammenhang für die allermeisten Menschen und am allermeisten für die Mitglieder der Bitcom: digitalisieren.

Allerdings herrscht dabei die oft ins Mikro genuschelte Befürchtung, dass das heißt ersehnte  Auftauchen eines Impfstoffs auch dazu führen könnte, dass eben dieses Bemühen um die Modernisierung und Digitalisierung der Schulen wieder erlahme. Um dies zu verhindern, treten kleine Armeen von Sprechern an, die gestern bei der ersten digitalen Bildungskonferenz der Bitcom zu hören waren.

Entschuldigen Sie diesen frechen Einstieg, eigentlich wollte ich so gar nicht einsteigen, denn die erste digitale Bildungskonferenz der Bitcom war ziemlich interessant. Sie hätte nur schon früher stattfinden sollen, und zwar offline. Aber dann kam Corona und sorgte dafür, dass die Konferenz vollständig ins Netz verlagert wurde. Und Hut ab! Die digitale Konferenzarchitektur war beeindruckend: Man hatte das Gefühl, wirklich durch verschiedene Räume zu spazieren und auf große und kleine Bühnen zu blicken. Es gab das Geschehen auf der Hauptbühne und dann die sogenannten Roundtables, auf 25 Teilnehmer beschränkt, wo die Zuschauer mit den Experten ins Gespräch kommen konnten. Außerdem gab es rund um das Programm die Möglichkeit, die Profile der anderen Teilnehmer anzusehen und sich mit ihnen zum Video-Chat zu verabreden. Durch die Veranstaltung führte Linda van Rennings, eine ebenso hübsche wie eloquente Moderations-Fee.

Diese Konferenzarchitektur machte dem Branchenverband der Digitalwirtschaft alle Ehre, auch die Auswahl der illustren Gäste: Die Keynote-Speech am Ende hielt der parlamentarische Staatssekretär des Bildungsministeriums Dr. Michael Meister. Am Anfang sprach die KMK-Präsidentin Dr. Stefanie Hubig. Sie sagte, bislang habe sich die behutsame Öffnung der Schulen nach dem Lockdown bewährt. Und sie freue sich, dass viele Schulen sich jetzt auf den Weg gemacht hätten in die digitale Welt.

Was ist eine Smart School? Die Bitcom vergibt das Logo „Smart School“ an Schulen, die folgendes vorweisen können

  • Infrastruktur: Breitband, WLAN im gesamten Schulgebäude, Cloud-Services, interaktive Whiteboards, mobile Endgeräte, intelligente Schulverwaltung, Makerspace.
  • Pädagogisches Konzept/Inhalte: Eigenes Medienkonzept, innovative Lernmethoden, individuelles und kollaboratives Lernen, interaktive Lernumgebungen, digitale Lerninhalte.
  • Lehrerfortbildung: Gremium „Smart School“, Teilnahme am Workshops mit Schwerpunkt Digitalisierung, Multiplikation von Wissen im innerschulischen Rahmen.

Auf die häufig vorgebrachte Kritik, die Digitalisierung der Schulen gehe nicht schnell genug, entgegnete sie: Wichtiger als die Geschwindigkeit sei der Ehrgeiz, dies gut und auf kluge Weise zu machen. Deshalb sei es auch genau richtig, den Schulen die Zeit einzuräumen, ihr eigenes Medienkonzept zu entwickeln.

Die Ungeduld, die viele private Anbieter von E-Learning-Equipment gerade verspüren, wurde auf der Konferenz immer wieder laut. Für viele Firmen der Digitalwirtschaft ist Corona natürlich auch mit der Hoffnung verbunden, dass ihre Produkte jetzt durch die Institutionen marschieren und in großem Stil in die Klassenräume und Hörsäle einziehen. Deshalb entartete eine Diskussion mit Feliticas Birkner von der Firma Fujitsu leider auch zum großen Werbeblock für das firmeneigene Produkt „Securon for Schools“.

Margit Stumpp, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, wusste, dass zum Beispiel die Berater von Microsoft mittlerweile durch die Schulen ziehen mit der freundlichen Frage: Was braucht ihr? Mit der Folge, dass die etwas überforderten Schulen dann brav Microsoft-Produkte kaufen, statt zuerst zu schauen, ob es für sie auch brauchbare Open-Source-Lösungen gibt. Julia Freudenberg, die Gründerin der Hacker School in Hamburg, sagte, die Zusammenarbeit mit Unternehmen sei durchaus wünschenswert, aber lieber auf andere Weise.

Seit einiger Zeit vergibt die Bitkom das Logo „Smart School“ an Schulen, denen es gelingt, ganze „Ökosysteme des digitalen Lernens“ zu schaffen. Träger dieses Logos ist zum Beispiel die Oskar-Schindler-Gesamtschule in Hildesheim. Zwei junge Lehrer erzählten bei der Konferenz, wie sie es geschafft haben, Licht in den Fortbildungs-Dschungel zu bringen. Sie haben zunächst digitale Mindestkompetenzen definiert, die ihre Kollegen im Schulalltag so brauchen, und dann beschrieben, wie man sich diese Kompetenzen erarbeiten kann. Nämlich durch einen intelligenten Mix verschiedener Formate: Schulinterne Fortbildungen, Angebote der Länder, Kurse privater Anbieter, Online-Fortbildungen und Wikis. Die beiden Lehrer – ihre Namen sind Thomas Oks und Christoph Trümper -  waren zwei leise, aber überzeugende Innovatoren der gestrigen Konferenz. Möge ihr Beispiel Schule machen!