Zwischen den Tischen muss 1,50 Meter Abstand eingehalten werden.
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BerlinDie Chancen der Berliner Schülerschaft, das Abitur noch zu verhindern, schwinden. Am Freitagnachmittag scheiterte der Eilantrag einer Gymnasiastin vor dem Berliner Verwaltungsgericht: Die Schülerin wollte so lange nicht an den Prüfungen teilnehmen müssen, bis die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus bei den Prüfungen gebannt sei. Das Gericht vertrat die Auffassung, die Durchführung der Prüfungen sei „unter seuchenrechtlichen Gesichtspunkten zulässig“.

Der Vorsitzende des Landesschülerausschusses Miguel Góngora, ebenfalls Abiturient, hofft zwar weiter auf Protestaktionen. Doch die meisten der etwa 14.600 Berliner Abi-Prüflinge, die nicht zu Risikogruppen gehören, dürften sich inzwischen damit abgefunden haben, dass das Abi stattfindet.

Manche sind froh darüber: „Ich möchte die Prüfungen lieber schreiben“, sagt etwa Nicolas Däumler vom Willi-Graf-Gymnasium in Lichterfelde. Er hofft, seinen Schnitt noch verbessern zu können und fürchtet bei einem Abitur ohne Prüfungen Nachteile: „Ich will die Oberstufe jetzt regulär zu Ende bringen und nicht in ein paar Jahren belächelt werden. Ein Durchschnittsabitur wird doch an den Unis gleich mit anderen Augen betrachtet“, sagte Däumler. In seinem Jahrgang sei er mit dieser Meinung aber in der Minderheit.

Sorge vor schlechten Noten

Denn auch Schülerinnen und Schüler, die die Absage der Prüfungen fordern, fürchten um ihre Zukunft: „Es ärgert mich, dass Frau Scheeres sagt, dass wir die Prüfungen schreiben sollen, um die gleichen Chancen wie alle anderen zu bekommen“, sagt etwa Jakob Wasser (Name geändert) von der Schule im Olympiapark. „Wir haben nicht die gleichen Chancen. Ich bin mir sicher, dass wir ein sehr viel schlechteres Abitur schreiben werden als die Jahrgänge vor uns.“

Ein Grund: Der neue Prüfungsplan, der durch die Verschiebung aller Prüfungen vor den Osterferien ziemlich hektisch geworden ist. Wasser zum Beispiel schreibt seine drei schriftlichen Prüfungen nun innerhalb von sechs Tagen – „grade so an der Grenze des Machbaren“, findet der 19-Jährige, „das hätte man wirklich besser organisieren müssen.“

Auch der Abiturjahrgang am Kolleg Schöneberg hatte sich in einem Brief an Scheeres gewandt und sie um die Absage der Abiturprüfungen gebeten: Viele der erwachsenen Kollegiaten sind Eltern, die während der Schul- und Kitaschließungen ihre Kinder betreuen und zudem um ihre Jobs fürchten mussten. „Wir haben auf wochenlang versucht, uns Gehör zu verschaffen, aber es wurde nicht auf uns eingegangen“, sagte Adina Löwe, eine der Abiturientinnen. An Prüfungsvorbereitung war für die alleinerziehende Mutter in den vergangenen Wochen nicht zu denken. Nun fürchtet sie nicht nur ein schlechteres Ergebnis, sondern auch das Infektionsrisiko: „Ich muss an fünf Prüfungstagen mein Kind zu Oma und Opa geben, obwohl das gefährlich sein könnte, und dann mit den Öffentlichen in die Schule fahren, wo parallel noch andere Schüler unterrichtet werden“, sagte Löwe. „Ich verstehe nicht, warum auf unsere Sorgen nicht eingegangen wird.“

So bereiten sich die Schulen vor

Die Schulen versuchten unterdessen, sich auf die Prüfungen vorzubereiten, die kommende Woche beginnen: Tische werden in Klassenzimmern, Aulen und Turnhallen mit einem Abstand von 1,50 Metern aufgestellt, Seifenspender aufgefüllt, die gestaffelte Ankunft der Prüflinge geplant. Der Tenor: In der ersten Woche geht das alles noch. Schwieriger wird der Infektionsschutz, wenn neben den Prüflingen ab 27. April auch die Zehntklässler und ab 4. Mai noch weitere Klassen in die Schulen zurückkehren sollen: „Wenn die zehnten und elften Klassen zurück in die Schule kommen, habe ich hier 300 Schülerinnen und Schüler im Haus“, sagte etwa Ralf Treptow, Leiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow. Auch die Bildungsgewerkschaft GEW äußert Zweifel an einem Unterrichtsbeginn vor den Sommerferien: „Die Abiprüfungen sind ein Lackmustest für den Schulstart“, sagte der Berliner Vorsitzende Tom Erdmann. Daran lasse sich absehen, wie realistisch die Pläne seien.

Es ist gut möglich, dass die schrittweise Wiederaufnahme des Unterrichts ab 4. Mai an vielen Berliner Oberschulen aus organisatorischen Gründen ins Wasser fällt. Die Losung der Senatsbildungsverwaltung lautet nämlich: „Grundsätzlich gilt für die stufenweise Öffnung der allgemeinbildenden Schulen, dass Prüfungen Vorrang vor Unterricht haben.“ Ob und in welchem Umfang überhaupt Unterricht stattfinden könne, sollten die Schulen selbst entscheiden.