Mit 1,50 Meter Abstand und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wird in diesem Jahr das Abitur geschrieben.
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BerlinImmanuel Welsch gehört unter den 14.600 Berliner Abiturienten zu den Unglücksraben, die gleich an den ersten beiden Prüfungstagen ranmüssen: Sein Leistungsfach Latein hat er am Montag geschrieben, und nun am Mittwoch ist Biologie dran – an anderen Schulen werden außerdem noch das Fach Neugriechisch und weitere Fächer mit dezentralen Terminen geprüft.

Wegen des Coronavirus müssen an den Schulen strenge Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden: Die Schüler sollen zu jedem Zeitpunkt 1,50 Meter voneinander entfernt sein. Die Schule wurden außerdem angewiesen, Grundreinigungen durchzuführen und auch Tische, Stühle und Türklinken zu desinfizieren. Manche Schulen haben schon auf dem Schulhof Abstandsmarkierungen angebracht – mit Spray, Flatterband oder sogar Hula-Hoop-Reifen.

Welschs Termine haben sich durch die Verschiebungen vor den Osterferien nicht verändert. Sonst aber, findet der 18-Jährige, der das Dahlemer Arndt-Gymnasium besucht, ist alles anders: „Man fühlt sich, als würde man seine Prüfung in einem Krankenhaus schreiben.“ Hände desinfizieren davor und danach, manche der Lehrer tragen Mund-Nasen-Schutz. Während er einen Cicero-Brief übersetzte, zuckte Welsch ab und zu zusammen, weil einer seiner Kollegen hustete – wegen des Wetterumschwungs, sagte der. „Aber man weiß es ja nicht. Ich schreibe die wichtigsten Prüfungen in meinem Leben mit einem unguten Gefühl“, so Welsch. Er fürchtet, zu Hause seinen Vater anzustecken, der älter als 60 Jahre alt ist.

Welsch hat nicht das Gefühl, dass die Maßnahmen an seiner Schule, die die Ansteckungsgefahr verringern sollen, ihren Zweck erfüllen: „Unsere Tische in der Aula standen zwar alle zwei Meter voneinander entfernt, aber sobald man aufgestanden ist, um aufs Klo zu gehen, war der Sicherheitsabstand nicht mehr einzuhalten.“ Und danach sei natürlich der ganze Kurs vor der Schule zusammengestanden, um über die Prüfung zu sprechen. Der Abiturient ist wütend auf Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD): „Überall liest man von Infektionszahlen und Toten, und ich soll mich jetzt auf Prüfungen konzentrieren, die mein ganzes Leben beeinflussen werden.“

Zu seiner Bio-Prüfung am Mittwoch wird Welsch trotzdem gehen, auch wenn der Vorsitzende des Landesschülerausschusses inzwischen fast offen zum Boykott aufruft: „Ich empfehle Schülern, zu überdenken zu ihren ersten Prüfungsterminen zu erscheinen, für den Fall, dass sie sich mit der Entscheidung der Senatorin unwohl fühlen“, sagt Miguel Góngora. Der Landesschülerausschuss hatte wochenlang für die Absage der Prüfungen gekämpft, mehrere Schüler wollten auch klagen, um nicht an den Prüfungen teilnehmen zu müssen. Das Berliner Verwaltungsgericht hatte die Eilanträge zweier Schülerinnen am Freitag und am Dienstag abgewiesen.

Laut Góngora planen viele Schüler, sich zumindest für ihre Erstprüfungstermine krank zu melden. Die Möglichkeit gibt es durchaus: Die Bedingungen der Senatsverwaltung, unter denen Schülerinnen und Schüler nicht an den Prüfungen teilnehmen sollen (z.B. „Körpertemperatur höher als 37 Grad Celsius), lassen viele Hintertüren offen. Laut Bildungsverwaltung war der Krankenstand zumindest am Montag unauffällig: „Da gab es im Vergleich zu den Prüfungen in den Vorjahren überhaupt keine Ausschläge“, sagte ein Sprecher.

Auch dem Landeselternausschuss sind zum ersten Prüfungstag keine Auffälligkeiten gemeldet worden, was der Vorsitzende Norman Heise aber darauf zurückführt, dass nur vergleichsweise wenige Schüler geprüft woden seien. Für Verunsicherung sorge momentan eher die Belehrung, die Schüler vor den Prüfungen unterschreiben müssten, so Heise. Bei minderjährigen Schülern muss sie auch von den Erziehungsberechtigten gezeichnet werden. Die Formulierung „Ihr Kind darf nicht in der Schule erscheinen und nicht an Prüfungen teilnehmen, wenn es Kontakt zu infizierten Personen hatte“, habe für einige Nachfragen gesorgt. „Das kann man ja nicht sicher wissen“, so Heise. Die Senatsverwaltung habe empfohlen, sich bei solchen Fragen an die jeweilige Schulleitung zu wenden.

Die Zeit zur Durchführung und Korrektur der Prüfungen ist knapp: Der letzte Nachschreibtermin fällt laut Prüfungsplan auf den 4. Juni, letzte mündliche Prüfungen dürfen bis 19. Juni durchgeführt werden – die Abiturzeugnisse sollen spätestens vier Tage später ausgegeben sein, und am 25. Juni beginnen dann schon die Sommerferien. Damit das allles klappt, müssen viele Abiturienten in Berlin in diesem Jahr auf eine Zweitkorrektur ihrer schriftlichen Prüfungen verzichten. Am Dienstag versandte die Senatsschulverwaltung eine Mitteilung an die regionalen Schulaufsichten: „Zur Entlastung der Kolleginnen und Kollegen“ sollen Arbeiten nur dann von einer zweiten Lehrkraft aus dem jeweligen Fachbereich durchgesehen werden, wenn die Bewertung in der Erstkorrektur mehr als drei Punkte von der letzten Klausur des Prüflings abweicht. Die entsprechenden Rechtsverordnungen will die Senatsbildungsverwaltung anpassen.