Vorlesen auf Reisen, zum Beispiel auf einem Zeltplatz am Meer. 
Illustration: Barbara Ott

Geht es Ihnen auch so? Sie brechen bald auf in die Ferien und möchten noch ein paar schöne Bücher einpacken. Bücher für sich und die Kinder, für das Selberlesen, das langsame Durchblättern und vor allem: Für das feierliche Vorlesen an Sommerabenden in irgendeiner Holzhütte in den Bergen oder auf einem Zeltplatz am Meer. In den Schlafsack gekuschelt oder ausgestreckt in einer Wiese mit Glockenblumen.

Für mich sind das Sommerglück und Vorlese-Glück untrennbar miteinander verbunden. Und wenn ich mir überlege, auf was ich stolz bin, wenn ich auf fast 18 Jahre Erziehungszeit zurückblicke, dann ist es vielleicht dies: Dass ich meine Begeisterung für Bücher weitergeben konnte. Alle vier sind sie zu Selberlesern und schon selber zu Vorlesern geworden.

Als sie klein waren, haben wir Nachmittage lang auf dem Sofa gesessen und Bilderbücher angeschaut. Unermüdlich waren sie, unermüdlich auch ich, wenn ich zum hundertsten Mal den winzigen Goldkäfer gesucht habe in einem Wimmelbuch von Richard Scarry oder wieder und wieder erklärte, wie ein Page zum Ritter ausgebildet wird. An maulfaulen Tagen habe ich mich mit diesem Gedanken motiviert: Nur so dringen die Kinder ein in die Geheimnisse der Sprache, nur so bilden sie genaue Vorstellungen aus von der Welt…

Als die Kinder fünf Jahre und älter waren, begann die große Zeit des abendlichen Vorlesen: Vor dem Einschlafen schlüpften sie mit kalten Füßen ins Elternbett und dann gingen wir gemeinsam auf Reisen: Mit Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer von Lummerland nach Mandala. Mit Bilbo Beutlin nach Morea. Oder mit Melchers Familie mit der Fähre auf eine einsame Schäreninsel. Von manchen Autoren haben wir alles gelesen: von Michael Ende, Ottfried Preußler, Erich Kästner und natürlich von der unsterblichen Astrid Lindgren. Bei diesen Autoren kam es oft vor, dass sehr verschiedene Kinder gleichzeitig gefesselt waren und jedes aus der Erzählung etwas für sich und die Fragen seines Lebensalter herausziehen konnte.

Das war gemütlich – und auch ein bisschen wie seelische Einkehr vor der Nacht! Inzwischen lesen die Großen ihre eigenen Bücher, und nur dem Nesthäkchen kann ich abends noch vorlesen. Ein Ritual, das ich mit Händen und Füßen gegen die Zeitfresser des Alltags verteidige.

Bald fahren wir los. Der offene Koffer steht schon im Kinderzimmer und ich fahre mit dem Finger über die Buchrücken im Regal. Morgen werde ich noch mal losziehen auf der Suche nach Büchern, die wir noch nicht kennen. Aber kennen Sie das auch? Sie verbringen Stunden in der Buchhandlung, blättern prüfend und gehen mit leeren Händen wieder heraus. Der Kinderbuchmarkt ist groß und bunt und voll. Und doch, wie schwer ist es, die vielsagenden Neuerscheinungen aus diesen Massen zu bergen!

Doch ist ja bei Büchern das Neu-Sein eine überschätzte Eigenschaft. Und deshalb lohnt es sich sehr, bei befreundeten Eltern herumzufragen, was sie empfehlen können. Auch die Texte von unseren Autoren sollen für Sie Anregung und Empfehlung sein. Sie beschreiben sieben Bücher und all das, was die Lektüre in ihrer Familie ausgelöst hat …