Nachts trifft sich der kleine Gorilla mit seinen Freunden im Haus des Zoowärters.
Foto :imago images/Ikon Images

Gefühlt soll ja jedes zweite Kinderbuch dabei helfen, Kinder am Ende eines (für die Eltern) langen Tages endlich schnell einschlafen zu lassen. Darum schlummern auf den letzten Seiten ständig die tierischen und menschlichen Heldinnen und Helden der Geschichten friedlich ein. Nicht selten passiert das auch den vorlesenden Eltern. Schließlich sind die meisten Kinderbücher für Erwachsene nicht gerade spannende Thriller, die man am liebsten in einer Nacht durchlesen möchte.

Doch wenn es der Sinn von Gute-Nacht-Büchern ist, den kindlichen Einschlafprozess zu beschleunigen, verfehlen gerade die guten Bücher ihren Zweck kolossal. „Gute Nacht, Gorilla“ von Peggy Rathmann scheitert daran weltweit schon seit über 25 Jahren. Jedes Mal, wenn ich das Buch zuschlage, fordert mindestens eines meiner Kinder mit einer Stimme, die überhaupt nicht nach Einschlafen, klingt: „Noch mal!“ Es ist vielleicht die positivste Ein-Wort-Rezension, zu der ein Kind in der Lage ist. Auch wenn ich mir oft wünsche, dass das Buch auch als homöopathisches Schlafmittel wirken würde, kann ich mich der Buchkritik meiner Kinder voll anschließen.

Der Best- und Longseller handelt vom schlauen und verschmitzten Gorilla, der dem Zoowärter abends den Schlüsselbund mopst, damit seine Freunde – die Maus, den Elefanten, den Löwen, die Giraffe, die Hyäne und das Gürteltier – befreit, damit sie es sich nachts mit dem Zoowärter und dessen Frau in ihrem gemütlichen Haus bequem machen können. Und wären die Tiere nicht so höflich, wäre ihr Plan wohl aufgegangen.

Auf 34 Seiten wird die Geschichte der listigen Freunde erzählt. Dazu braucht Peggy Rathmann gerade mal zehn verschiedene Wörter. 23 Seiten kommen sogar ohne ein einziges Wort aus. Langweilig wird es deshalb trotzdem nicht. Im Gegenteil! Kinder lernen auf den dicken Pappseiten viel über Freundschaft und Beharrlichkeit und – Achtung! – dass es in Mamas und Papas Bett am gemütlichsten ist.

Bei fast jedem Vorlesen haben meine Jungs auf den liebevollen und witzigen Bildern neue Details entdeckt. Auch macht es sie stolz, dass sie das Buch schon bald selbst „vorlesen“ können – indem sie sich überlegen, was der kleine Gorilla und seine Freunde sagen sollen. Falsch gibt es nicht, nur anders. Egal, wer die Geschichte erzählt: Es ist jedes Mal eine etwas andere Geschichte, doch am Ende gewinnt stets der clevere Affe. Mittlerweile „liest“ auch der Zweijährige dem Fünfjährigen das Buch vor. Und natürlich auch dem Papa. Wenn bei mir die intendierte Wirkung von Kinder-Gute-Nacht-Literatur einsetzt, werde ich von meinen Kindern  geweckt: „Noch mal!“

Peggy Rathmann: Gute Nacht, Gorilla. Moritz Verlag, ab 3 Jahre, 34., 12 Euro