Berlin/ Sri LankaMajestätisch und kraftvoll stemmt sich der Jaguar gegen die Anziehungskraft, streift in diesem Moment mit der rechten Vorderpranke den rotgefiederten Bauch eines Aras. Nur mit dem linken Hinterlauf hält er Kontakt zum Boden. Es ist der dramatische Höhepunkt einer Jagd, festgehalten und effektvoll beleuchtet: ein Meisterstück der Präparation. 

Im Berliner Naturkundemuseum gehen Sonali und ich so nah ran, wie wir nur dürfen, und suchen mit zusammengekniffenen Augen das Bein nach Nähten ab. Es muss doch rauszufinden sein, an welcher Stelle das Fell aufgeschnitten wurde. Das zehnjährige Mädchen war wie elektrisiert, als wir in einem Nebenraum des Naturkundemuseums auf die spektakuläre Skulptur stießen. Minutenlang standen wir nur da und staunten. 

Sonali nestelte ehrfürchtig am bunten Gestell ihrer Brille herum und reckte den Kopf, um alle Details zu sehen. „Ist der echt?“ flüstert sie gleich, und dann mit einem Seitenblick zu mir: „Darf ich den mal anfassen?“ Wir finden die Stelle am Bein, wo das helle Fell sichtbar vom Faden zusammengedrückt ist und bewundern die gute Arbeit. Dann ziehe ich Sonali an der Hand weiter in den nächsten Raum, zu zigfach vergrößerten Modellen von Insekten. Aber Sonali interessiert sich nur für die wilden Tiere. Vor Tiger, Nilpferd, Gorilla und Jaguar verbringen wir unsere Zeit. Ihre Größe, ihre Kraft! Und erst die Zähne! Die Reißzähne sehen gefährlich aus, und das zieht Sonali an.

„Warum sind die Hauer der Nilpferde eigentlich so groß?“, fragt sie. Manchmal murmelt Sonali mehr, als dass sie spricht. Als sei sie nicht sicher, ob sie ihre Gedanken nicht doch für sich behalten will. Andererseits gibt es so viel zu erfahren. Zähne sind definitiv ein Lieblingsthema der Viertklässlerin. „Was interessiert dich daran“, frage ich. Sonali versteht die Frage nicht. Das sei doch klar „Zähne sind Werkzeug und Waffe, und sie sehen gut aus!“ Sonali selbst hat gerade, weiße Zähne. Einer der Eckzähne wackelt übrigens gerade, davon hat sie mir auf dem Weg zum Museum erzählt. Wann der wohl ausfallen wird, hat sie mich gefragt, und warum es überhaupt Milchzähne gebe. 

Wer mit Sonali unterwegs ist, wird mit Fragen bombardiert. Sie will alles wissen, nimmt ihre Umgebung mit höchster Aufmerksamkeit wahr und sie weiß selbst sehr viel. Zahlen, Tiere, Biologie, für viele Gebiete interessiert sie sich lebhaft, kann sich die Details gut merken. Die Weltkarte ist für Sonali so etwas wie ein Emblem mit hohem Wiedererkennungswert. Sie steht für die Ausdehnung der Erde. Dafür auch, dass es anderswo immer noch sehr viel mehr Realität gibt als die, die wir gerade vor Augen haben. Sonali entdeckt die Weltkarte auf einem Plakat am Museumseingang. „Ich mag die Welt“, sagt sie und zeigt mit ihrem Finger in Richtung des großen Bildes, und ich nehme an, sie meint beides, den graphischen Umriss der Kontinente auf dem blauen Planeten und das, wofür er steht: die Vielfalt der Länder, der Menschen, Pflanzen und Tiere. 

Sonalis Liebe zur Welt hat mit ihrer Geschichte als Adoptivkind zu tun. Vor sechs Jahren ist das dunkelhäutige Mädchen mit dem glatten schwarzen Haar gemeinsam mit dem Ehepaar Judith und Thomas Richter aus Sri Lanka in den Berliner Alltag gekommen. Sie war damals fast fünf Jahre alt. Plötzlich Familie. Nach langen bürokratischen Vorbereitungen war im Dezember 2014 für die Richters auf einmal alles schnell gegangen. 

Die ersten Lebensjahre hat Sonali in einem christlichen Kinderheim in Colombo verbracht. Ihre leiblichen Eltern sind unbekannt, und sie ist infolge ihrer Frühgeburt sehbehindert, hätte in ihrer Heimat wohl keine neue Familie gefunden. Die Richters wiederum waren bis dato kinderlos und hätten, weil sie damals schon über 40 Jahre alt waren, im Inland nicht adoptieren dürfen. Die Adoption war ein Abenteuer, auch ein Wagnis, das sich von Anfang an für alle Beteiligten gut anfühlte. Freudig und offen gingen sie aufeinander zu. Das lebhafte und phantasiebegabte Kind und seine glücklichen, unternehmungslustigen Eltern. Alles passte wunderbar. Win-win-win. 

Als wir uns an einem Augustnachmittag in der Wohnung im Tiergarten treffen, zeigen Judith und Thomas Richter Fotos einer Reise, die sie mit Sonali im vergangenen Jahr unternommen haben. Auf dem Laptop der Mutter sehe ich Bilder von üppigen Landschaften, dschungelartige Wälder, in denen wohl auch Wildkatzen und Papageien leben, uralte Kultstätten auf Bergen. Bilder aus dem luxuriösen Hotel Kandalama des Architekten Geoffrey Bawa, wo die Familie es sich gut gehen ließ, die Schönheit der Insel in vollen Zügen genoss. „Wir sind froh, dass wir diese Reise im letzten Jahr gemacht haben“, sagt Judith, „vor Corona. In diesem Jahr wäre das ja nicht gegangen.“ Alle nicken zustimmend und sind noch einmal dankbar für die tollen gemeinsamen Erlebnisse. Sie waren als Familie reif gewesen für diese Insel.

Während ich die Urlaubsbilder anschaue, denke ich daran, was Judith von Sonalis wildem Herzklopfen während der Vorbereitungen erzählt hat. Seit November 2014 trug sie Sri Lanka als magischen Ort in sich, sprach davon. Sri Lanka, das war ein geliebter Name und Chiffre für die Sehnsucht nach der vertrauten Ferne. Sonali interessierte sich für alles, was mit dieser Insel zu tun hatte, besonders aber für das erste Kapitel ihrer Lebensgeschichte, das dort geschrieben wurde. Es wurde immer klarer, dass sie gemeinsam dort hinfahren würden. Als es im letzten Herbst endlich dazu kam, waren alle aufgeregt, und die Reise verlief wunderbar. 

„Wir wollten unserer Tochter die Schönheit des Landes zeigen. In Sri Lanka gibt es natürlich materielle Armut, das ist klar. Aber die Kultur ist sehr alt und reich, die Menschen sind zugewandt, die Landschaften, die Natur, das alles ist umwerfend schön.“ Die weißhäutigen Eltern und das dunkelhäutige Kind sind im Land aufgefallen, erzählen sie. Manche Leute haben sogar nach ihrer Geschichte gefragt. 

Ein Foto zeigt das inzwischen großgewachsene dunkelhäutige Mädchen, wie es vor dem Krankenhaus in Gampaha steht, in dem es geboren wurde. Die Arme hängen kraftlos herunter, die Hände sind verkrampft und Sonali schaut verloren in die Kamera. „Das war ein merkwürdiger Moment“ erinnert sich Judith, „man sieht ihr auf dem Bild an, wie es ihr geht“. 

Kurz nachdem das Foto gemacht wurde, sei eine Frau mit einem neugeborenen Baby aus dem Krankenhaus gekommen. Genau wie sie damals. Sonali sei hingegangen, habe das Baby sehr genau betrachtet. „Es war eine verrückte Situation, sehr berührend, und dann ist die Mutter mit ihrem Säugling in einem laut knatternden Tuk-Tuk davongefahren.“ Eine Szene aus einer anderen Welt, die auch zu Sonali gehört. Gemeinsam hat die Familie in Gampaha auch die Ärztin getroffen, die sich in ihren ersten Lebensjahren um die Augen des Kindes gekümmert hatte. „Diese Frau zu treffen, die sie als kleines Kind kannte, das hat Sonali sehr berührt.“ Die Eltern begleiten und assistieren Sonalis Spagat. Es ist, als stünde sie auf der Weltkugel mit jedem Bein auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Wirklichkeit. Deutschland und Sri Lanka, beides gehört zu ihr. Diese Spannung, diesen Unterschied der Welten muss sie aushalten.

Dass die Menschen in Sri Lanka anders leben als in Deutschland, dass Armut dort verbreitet ist, auch das hat Sonali auf der Reise sehr wohl bemerkt. Manche Menschen leben in großen Häusern, andere haben kaum etwas. Das Miteinander unter den sozialen Schichten ist ganz anders als in Deutschland. Die Familie hat zum Beispiel beobachtet, dass Wohlsituierte die Menschen auf der Straße mit Lunchpaketen versorgten. „Es gehört offenbar zum guten Ton, dass man für die Ärmeren kocht, wenn man es sich leisten kann. Darüber haben wir viel gesprochen.“

Das Thema beschäftigt Sonali auch in Berlin. Auf einem Platz in ihrer Nachbarschaft halten sich oft Obdachlose auf. Vom Balkon aus, wo sie im Sommer abends mit den Eltern genüsslich Salamibrote isst, kann sie sehen, wie obdachlose Menschen auf Parkbänken leben. „Wie viel Geld hat ein Obdachloser“ fragt sie dann. Und will wissen, ob so jemand sich Salamibrote leisten kann. 

In ihrem Zimmer zeigt sie mir später eine Schublade. „Privad“ steht in bunten Buchstaben darauf. Sie holt die Börse mit dem Taschengeld heraus, ich darf hineinschauen: ordentlich gefaltete Scheine, insgesamt 200 Euro. Sonali fragt mich, was sie mit ihrem Geld machen könne. Neue Batterien für ihre Walkie-Talkies kaufen, schlage ich vor. Sie kann mir zwar auf den Cent genau sagen, wieviel die kosten würden, aber das ist es nicht, sie schüttelt den Kopf. Es macht Spaß, die Optionen zu prüfen, aber eigentlich weiß sie genau, was sie will. Das Gesparte aufheben. „Man weiß ja nicht, was passiert“, flüstert sie.

Ob Sonalis Sensibilität für soziale Unterschiede mit ihrer Geschichte zu tun hat? Wenn ich mit ihr an der Hand durch die Straße laufe, nehme ich die Umgebung anders wahr. Wohlstand und Sicherheit kommen mir dann fragiler vor, und ich denke daran, dass die meisten Privilegien auf der Welt mit dem Zufallsgenerator verteilt sind. Auf den Stufen des Naturkundemuseums verschnaufen wir, und Sonali fragt mich, warum es Geld gibt. Während ich archaische Tauschwirtschaft erkläre, dämmert mir, worum sich die Frage eigentlich dreht. Ob sie die Welt ohne Geld besser fände, frage ich. Sonali nickt. „Weil es dann keine Armen und keine Reichen gäbe?“ Wieder nickt sie, hängt ihren Gedanken nach. 

Wir machen uns auf den Heimweg, lassen alle ausgestopften Tiere, die wir gesehen haben, noch einmal Revue passieren: Hauskatze, Hund und Antilope waren auch schön, aber „am besten fand ich den Jaguar und den Tiger“, resümiert Sonali. Zart greift sie auf dem Weg zur Trambahn nach meiner Hand. Am Bahnhof stärken wir uns mit Pizza. 


Die Namen wurden auf Wunsch geändert.