BerlinAm Freitagnachmittag nach Dienstschluss trudelte das erste Schreiben der Schulverwaltung bei den Schulleitungen ein – überraschend hieß es dort für alle weiterführenden Schulen: Ab Mittwochfrüh werde der Unterrichtsbeginn „über einen Zeitraum von zwei Stunden gestreckt“, damit sich nicht mehr so viele Schüler in den Bussen und Fluren begegneten. Auch gilt eine Maskenpflicht im Unterricht für alle Schüler der weiterführenden Schulen.

„An kurzfristige Anweisungen sind die Schulleiter mittlerweile gewöhnt“, sagt Norman Heise, der Berliner Landeselternsprecher. Aber innerhalb weniger Tage komplette Stundenpläne umzustellen, das sei schon sportlich. Kein Wunder, dass einige Schulen am Mittwoch noch kein Konzept für die Staffelung umsetzten.

Die weiterführenden Schulen in der Stadt gehen die Herausforderung unterschiedlich an. Einige Schulen arbeiten mit einer Ankunft im 20-Minuten-Takt. Die ersten Schüler kommen um 8 Uhr, die nächsten um 8.20 Uhr, die dritte Gruppe um 8.40 Uhr. Um 8.45 Uhr beginnt dann der Unterricht. Die erste Stunde wird hinten drangehängt. Beliebig ausdehnen lässt sich so ein Schultag aber nicht. „Eine Klasse, die etwa erst in der dritten Stunde beginnt, muss ihr Pensum am Nachmittag dranhängen und landet dann in der Rushhour“, sagt Norman Heise, der einen „bunten Gemüsegarten“ an Konzepten ausmacht. Viele Schulen geben nun mehr Aufgaben für zu Hause.

Eine Lehrerin an einem Gymnasium in Friedrichhain schildert, welche Auswirkungen die Staffelung für ihre achte Klasse hat. Statt um 8 Uhr kommt die Klasse zu halb neun, dann finden genau 15 Minuten Musikunterricht statt, in denen die Lehrerin überprüfen soll, ob etwas von den Hausaufgaben hängengeblieben ist. „Wenig zielführend“, so die Lehrerin.

„Mit dem gestaffelten Beginn wird es nicht mehr möglich sein, die Berliner Stundentafel und die Rahmenlehrpläne zu erfüllen. Der zweite Lockdown der Berliner Schule beginnt also am Mittwoch“, sagt Ralf Treptow von der Vereinigung der Oberstudiendirektoren. Es werde Zeit, dass die Politik sich Gedanken um die Wiedergabe der im Jahr 2020 verlorenen Lernzeit mache. Den ganzen Winter über werde es so sein, dass nicht das ganze Pensum unterrichtet werden könne. Auch im Hybridbetrieb in Stufe Rot würden nicht 100 Prozent Stoff vermittelt.

Treptow fordert außerdem eine Rechtsgrundlage für Schulleiter, die von sich aus jetzt schon weitere Maßnahmen über den Stufenplan des Senats hinaus ergreifen wollen. „Eine Schule muss selber entscheiden können, wenn abends um 19 Uhr das positive Ergebnis eines Schülers kommt.“ Warte man auf das Gesundheitsamt, könnten Tage vergehen. Auch wenn in einer Schule bereits mehrere Klassen in Quarantäne seien, müsse die Leitung eigenverantwortlich auf Stufe Rot stellen können, so Treptow. „Der Senat kann die Krise ohne eigenverantwortlich handelnde Schulen nicht bewältigen.“

Es gibt einige Schulen, die lieber früher als später in den Hybridunterricht gehen würden: Längst haben sie Pläne für den Unterricht in halbierten Klassen in der Schublade. „Das war schließlich der Auftrag“, so die Lehrerin aus Friedrichshain.

Neuen Unterrichtsstoff einführen in der Präsenzwoche, vertiefen und üben zu Hause in der B-Woche. Alle Schüler über zwölf Jahre könnten mit diesem Konzept sogar effektiver lernen, ist sich die Pädagogin sicher. Die Lehrergewerkschaft GEW, Lehrerverbände und Schulleitungen fordern seit Längerem eine Umstellung auf Hybridbetrieb.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) aber kann sich bisher nur dazu durchringen, die Schulen zu ermutigen, auch Mischformen zu versuchen. „Eine Testphase von ein, zwei oder drei Tagen die Woche untersagen wir auch keineswegs“, so Scheeres. Nur eine komplette Umstellung wolle man derzeit vermeiden.

An der Friedrichshainer Schule kommt eine Schülerin seit Monaten gar nicht mehr zum Unterricht, ihre Mutter gehört zur Risikogruppe. Im Unterricht steht ein Laptop auf ihrem Platz, mit ihrer Banknachbarin arbeitet sie über eine Videokonferenz zusammen. „Die beiden sind immer als Erste fertig“, sagt ihre Lehrerin.